• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Behandelt werden alle«

Gespräch mit Michael Wilk. Über die aktuelle Lage in Rakka, idealistische Sicht auf Veränderungen in befreiten Teilen Syriens und medizinische Hilfe für Kämpfer

Interview: Gitta Düperthal
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Am 19. Oktober feierten die kurdischen Kämpferinnen und Kämpfer die Befreiung Rakkas

Als Arzt haben Sie in den vergangenen Jahren immer wieder mit der Hilfsorganisation »Heyva Sor a Kurd«, dem Kurdischen Roten Halbmond zusammengearbeitet. Bis Anfang Oktober waren Sie drei Wochen lang in Syrien, in der ehemaligen IS-Hochburg Rakka, die jetzt als befreit gilt. Wie ist die Lage dort aktuell?

Ja, Rakka ist befreit. Aber es sind die gleichen Bilder der Zerstörung, die wir aus anderen umkämpften Städten kennen. Zuletzt gab es Verhandlungen: Die letzten Reste des IS konnten sich in andere Gebiete zurückziehen und die Stadt, die unter seiner Herrschaft war, räumen. Zwar versuchen nun vereinzelt Leute, in ihre Häuser zurückzukehren, aber die Innenstadt ist noch mit Minen und Sprengfallen des IS gespickt. Sie ist zu 80 Prozent kaputt, Wasserleitungen sind zerstört, die Stromversorgung ist unterbrochen. Kämpferinnen der Demokratischen Kräfte Syriens, DKS, bei denen auch die kurdischen Frauen- und Selbstverteidigungseinheiten YPJ/YPG mitwirken, sind beim Räumen dieser Hinterlassenschaften gefährdet. Diese Gefahren lauern einfach überall. Minen sind vielleicht in einem Schrank versteckt, explodieren beim Öffnen, oder befinden sich unter Leichen und verletzen oder töten Helfer, die sie bergen wollen. Aus der zynischen Sicht von Daesh – wie der IS zu seinem Ärger von seinen Gegnern in arabischer Sprache genannt wird, da es im Arabischen ein Wort gibt, das ähnlich klingt, und so viel wie »niederstoßen«, »zertreten« oder »Zwietracht säen« bedeutet – heißt das: Personal sparen. Die Dschihadistenmiliz hat sich zurückgezogen, aber die tödliche Gefahr durch sie wirkt in ihrer Abwesenheit weiter. Auch als ich dort war, wurden aus diesen Gründen Schwerverletzte zu uns gebracht.

Bei Rakka handelt es sich um eine arabische Stadt. Gibt es Einwohner, die von der Herrschaft des Terror­regimes profitiert hatten?

In der Tat ist Rakka kein originär kurdisches Gebiet. Natürlich muss davon ausgegangen werden, dass der IS, der dort über Jahre herrschte, auch Anhänger hatte. Es gibt nicht nur Leute, die er unterdrückt und zur Anpassung gezwungen hat. Auch bei den Menschen, die sich jetzt Fluchtbewegungen anschließen, ist mitunter nicht klar: Wer war beim IS oder stand mit der Terrormiliz in Kontakt und wer nicht? Die Menschen werden zwar nach Waffen durchsucht – aber welche Meinung sie vertreten, ist nicht bekannt. IS-Kämpfer haben sich in Richtung Südwesten, zur Stadt Deir Al-Sor zurückgezogen.

Gibt es noch Kämpfe im Gebiet Deir Al-Sor?

Ja. Viele Menschen flüchten von dort weiter nach Nordsyrien in Richtung der Stadt Hasaka, ins kurdische Autonomiegebiet Rojava. Auf dem Weg dorthin ist ein großes Flüchtlingslager, Arischa, mit 45.000 bis zu 50.000 Menschen, das die Größe einer Stadt hat. Es ist ein Durchgangslager mit vielen Zelten. Die Menschen – hauptsächlich arabische Männer und Frauen, viele Schwangere und Kinder – werden von dort aus in kleinere Lager weiterverteilt, nach Kobani oder Damaskus. Ob alle dort wirklich glücklich sind, befreit worden zu sein, ist im Einzelfall nicht bekannt.

Viele Menschen sind durch den Krieg traumatisiert, haben teilweise Familienmitglieder oder ihre Liebsten verloren. Wie kann dort überhaupt eine Verarbeitung der Traumata stattfinden?

Psychosoziale Behandlung gibt es kaum – auch wenn sie bitter notwendig wäre, es können zur Zeit nur die körperlichen Krankheiten therapiert werden.

Wie haben Sie es erlebt, wenn nun freie Kurdinnen in dieses originär arabische Gebiet kommen?

Das ist eine Kulturkonfrontation. Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen: Im Lager Arischa werden die Menschen mit Lebensmitteln, Decken und Zelten vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR versorgt. Die medizinische Hilfe leistet dort »Herva Sor a Kurd«. In die Zelte mit Notfallmedizinern und Gynäkologinnen kommen täglich Hunderte Patienten. Dort begegnen tief verschleierte Frauen selbstbewussten Kurdinnen, die sie behandeln. Die Hilfe, die ihnen entgegengebracht wird, ist ein großer Akt menschlicher Zuwendung. Vielleicht bewegt sich da etwas. Behandelt werden alle: egal, ob sie vor Daesh geflüchtet sind oder es sich etwa um Sympathisanten der Terrormiliz handelt. Der Prozess der Auseinandersetzung zwischen Anhängern und Opfern kann Jahrzehnte dauern, ob eine Annäherung oder Aussöhnung überhaupt möglich ist, ist fraglich. Bei Bevölkerungsgruppen wie etwa den Jesiden ist nicht davon auszugehen, dass sie das Geschehene werden vergessen können: Die Frauen wurden von Daesh-Anhängern versklavt und vergewaltigt.

Wie kann unter diesen Umständen eine Demokratisierung eingeleitet werden?

Es gilt, sich zu vergegenwärtigen, dass Menschen etwa vier Jahre unter Kontrolle des Terrorregimes gelebt haben. Wenn man einen Vergleich bemühen will, dann diesen: Deutschland 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Nazis waren besiegt, aber die von ihrer Ideologie geprägten Menschen nicht verschwunden. Man konnte danach nie wissen, wer einem gegenüber sitzt. Deshalb ärgern mich oberflächliche Medienberichte, die behaupten, nach einem Militärsieg sei das Problem beseitigt. Die soziale und politische Aufgabe beginnt erst: Was soll mit vom IS indoktrinierten Menschen passieren? Die ökonomische Lage ist nicht geklärt. Städte müssen wieder aufgebaut werden, Institutionen bestehen nicht mehr. Wer unterrichtet an den Schulen und wie, etc.?

Diese Probleme werden ausgeblendet.

In der Tat, zumal die Lage in Syrien noch komplizierter ist. Es geht darum: Wer beherrscht die Gebiete und die Ressourcen des Landes? Die Auslandsinteressen, nicht zuletzt der Großmächte sind groß. Die syrischen Regierungstruppen agieren nicht nur mit russischer Unterstützung, sondern ebenso mit Hisbollahtruppen und iranischen Militärs. Die DKS mit kurdischer Beteiligung wird US-amerikanisch unterstützt, aber wiederum massiv von der Türkei bedroht, die im Nordwesten militärisch interveniert. Noch wird Daesh bekämpft. Doch schon sind die Gebietsaufteilungen in vollem Gang. Beispielsweise ist der ehemals von russischen Baufirmen gebaute Euphrat-Staudamm bei Tabka nun in der Hand von DKS, was die Russen nicht freut. Sie hätten ihn gern wiedergehabt. In wessen Besitz geht die Infrastruktur über?

Eine persönliche Frage: Sie sind in den vergangenen Jahren mehrmals in Syrien gewesen, insgesamt mehrere Monate lang. Sie haben dort im Krieg Schreckliches mitansehen müssen. Was hat Sie motiviert, dort hinzureisen?

Wie viele andere hatte ich 2014 die Bilder über die Angriffe auf Kobani im Fernsehen gesehen. Damals überlegte ich, ob ich als Notfallmediziner mehr tun kann als die übliche Solidarität; also etwa zu spenden. Als ich das erste Mal dort war, hat man mich mit offenen Armen empfangen und gebeten wiederzukommen. Ich habe dort Freunde beim kurdischen roten Halbmond gewonnen. Es wurde mir zur Verpflichtung, sie nicht im Stich zu lassen. Es ist eine belastende aber auch erfüllende Arbeit: Wir behandeln nicht nur die Zivilbevölkerung oder kurdische Kämpfer, sondern im Notfall auch Daesh, falls sie verletzt zu uns gebracht werden. Ich bilde als Notfallmediziner in Syrien Kolleginnen und Kollegen aus: Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn ich dort angefordert werde, versuche ich, mir die Zeit zu nehmen. Ansonsten arbeite ich in Wiesbaden weiter als Arzt und Psychotherapeut.

Es ist aber doch nicht einfach, in die autonome kurdische Region in Nordsyrien zu kommen und wieder heraus.

Allerdings. Ende September hat die kurdische Autonomieregierung unter Masud Barzani im Nordirak trotz internationaler Kritik und Warnungen ein Unabhängigkeitsreferendum abgehalten. 92 Prozent der Teilnehmer stimmten für einen eigenen Staat. Die irakische Regierung in Bagdad schloss daraufhin den Flugplatz in Erbil. Internationale Flüge dorthin waren nicht mehr möglich. Ich habe es geschafft, einen der letzten Flüge zurück zu nehmen. Das hat nun die Einreise nach Rojava weiter erschwert. Wenn Helfer als Kritiker des türkischen Präsidenten Erdogan gelten, ist die Einreise über die Türkei nicht möglich.

Wie gelingt es Ihnen persönlich und auch als Arzt das Erleben zwei völlig unterschiedlicher Lebensstile in Syrien und hierzulande zusammenzubringen?

Oft werde ich gefragt, ob ich, wenn ich aus dem Kriegsgebiet zurückkomme, die Anliegen der Menschen hier noch ernst nehmen kann? Natürlich, Leiden ist immer subjektiv. Nicht nur Menschen mit Schussverletzungen sind ernst zu nehmen, sondern auch Patienten, deren Erlebniswelt etwa durch eine schwere Depression eingeschränkt ist. Es wäre falsch, zu behaupten, dass es sich z. B. bei psychischen Krankheiten der Menschen hierzulande um Luxusprobleme handelt. Wenn man am Moloch Frankfurter Flughafen ankommt, ist der Kontrast heftig: Alles Hightech, eine völlig andere Welt, auf Konsum getrimmt, hektisch und laut, wenn auch durch Fluglärm und nicht durch Granateinschläge. In jedem Fall ist es ein starker sozialer, kultureller und ökonomischer Kontrast – ein Spagat im Kopf.

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Die YPG/YPJ beabsichtigen Veränderungen zur Basisdemokratie und Emanzipation der Frauen. Was ist ihnen bislang, trotz Kriegszustand, gelungen umzusetzen?

Sie verändern die Rolle der Frau und arbeiten an der Gleichstellung der Geschlechter. In allen Institutionen und gesellschaftlichen Bereichen gibt es vermehrte Frauenpräsenz, nicht nur bei der YPG/YPJ. Versammlungen auf kommunaler und nachbarschaftlicher Ebene finden immer unter Beteiligung der Frauen statt. Inwieweit die proklamierten basisdemokratischen Strukturen durchgängig entwickelt sind, ist schwer zu beurteilen. Nicht alle Prozesse laufen von unten nach oben – auch wenn die Absicht dazu besteht. Das mag mit der Kriegssituation zusammenhängen. Beim Militär besteht eine klare Hierarchie. Die Kommandeurin oder der Offizier sagt, was zu tun ist, sie sind auch nicht in ihre Posten hineingewählt, sondern »von oben« bestimmt. Diese Abweichung vom Ideal der Basisdemokratie zu kritisieren, ist leicht, wenn man mit seinem Arsch im sicheren Deutschland sitzt. Dort, in Nordsyrien, ist alles komplizierter. Was nicht heißen soll, dass es nicht gut wäre, weiter an den Idealen zu arbeiten.

Wird versucht, das System in Rojava von kapitalistischen Verhaltensnormen abzukoppeln?

Nur sehr vorsichtig. Kein Bäcker, Apotheker oder Lebensmittelladen wird gezwungen aufzugeben. Es wird aber die Möglichkeit geboten, in einer Kooperative mitzuwirken.

Ist eine positive gesellschaftliche Entwicklung zu erkennen?

Es ist fraglich, ob die basisdemokratischen Entscheidungsprozesse kommunal und regional weiter voranzutreiben sind, wenn die Großmächte sich mit ihren Interessen einmischen – seien es die USA, Russland, die Türkei oder der Irak. Momentan wird die YPG/YPJ noch militärisch gebraucht, um Daesh zurückzudrängen. Aber was passiert mit diesen Ansätzen, wenn ausländische ökonomische Interessen dem entgegenstehen? Noch ist beabsichtigt, Ressourcen wie Öl der Allgemeinheit dort zur Verfügung zu stellen und Kooperativen auf freiwilliger Basis zu fördern. Was wird daraus, wenn etwa die Amerikaner nicht mehr auf die kurdischen Bodentruppen angewiesen sind und andere Absichten verfolgen? Allen, mit denen ich rede, ist diese Gefahr bewusst. Sie sagen, dass sich dann die Stärke der Bewegung unter Beweis stellen muss.

Weshalb sind immer wieder Bilder von amerikanischen Soldaten mit YPG-Aufnähern an ihren Uniformen zu sehen?

Sie kämpfen dort zusammen gegen den gleichen Gegner. Amerikanische Soldaten haben festgestellt, dass die kurdischen YPG/YPJ-Kämpferinnen und Kämpfer verlässlich und gut organisiert sind. Manche wollen so ihren Respekt zeigen; andere sehen es als Souvenir, in Paris würden sie sich vielleicht den Eiffelturm anheften.

Welche Folgen haben gesellschaftliche Veränderungen auf die individuelle Entwicklung?

Dazu gebe ich Ihnen ein Beispiel: Mit 20 Helferinnen und Helfern von »Herva Sor a Kurd« habe ich im Februar eine Schulung gemacht zur psychosozialen Bewältigung des eigenen Stresses. Dabei wurde deutlich, dass sich die Emanzipation der Frau in manchen Familien teilweise mit starken Konflikten vollzieht. Die neuen selbstbewussten Frauen kommen teilweise aus archaisch und patriarchal geprägten Familienstrukturen. Zum Vergleich: Der Prozess der Frauenbefreiung ist in unserer Gesellschaft in der BRD über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gelaufen. Das Frauenwahlrecht wurde als Gesetz erst 1918 eingeführt. In Rojava ist der Umbruch nun teilweise in einem Zeitraum von etwa vier Jahren erfolgt. Was bedeutet das für die Frauenemanzipation auf familiärer Ebene? Es gibt noch strenge Sexual- und Moralnormen für den Umgang von Männern und Frauen.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie trotz der Sympathie, die Sie für diese demokratische Bewegung empfinden, auch Kritik äußern.

Manches ist für einen westeuropäisch geprägten Linken nur schwer nachvollziehbar: Etwa sehr rigide Regeln zwischen Männern und Frauen, den Umgang untereinander betreffend. Auch ist der Verhaltenskodex unter Militärs teilweise streng geregelt, was in die Gesellschaft hineinreicht. Etwa wird darauf geachtet, dass bei Versammlungen die Menschen – ob Männer oder Frauen – in ordentlicher Haltung sitzen. Die Beine übereinanderzuschlagen oder sich hinzufläzen, ist im Kodex nicht enthalten: zu locker. Auf Nachfrage gibt es jeweils spezifische Begründungen. Als schwieriger empfinde ich, dass gelegentlich Posten an Menschen vergeben werden, die z. B. verdiente Militärs sind, jedoch fachlich nicht besonders geeignet erscheinen. Aber dass ungeeignete Leute am falschen Ort agieren, ist ja kein Alleinstellungsmerkmal der Bewegung dort. Das gibt es überall.

Wie ist ein Leben in Nordsyrien vorstellbar, wenn die Türkei ihre Blockadepolitik nicht aufgibt; der Irak seine Grenzen nicht wirklich öffnet? Die lange erhobene Forderung nach einem humanitären Korridor in die Türkei ist kaum noch zu hören.

Vor allem die Versorgung der vielen Flüchtlinge funktioniert nur sehr schlecht. Trotzdem: Je weiter man in den Norden Syriens kommt, um so besser wird die Infrastruktur. Trümmer werden weggeräumt. In Rojava, vor allem in Kobani, wird aufgebaut. Das gilt für Schulen, auch der Bau von Frauenzentren und Kultureinrichtungen geht es schnell voran. Das Krankenhaus in Serekaniye war zerstört und ist in kurzer Zeit wiederaufgebaut worden. All das ohne staatliche Wiederaufbauhilfen – Hilfe gab es nur durch internationale Solidarität von europäischen Nichtregierungsorganisationen.

Eine Sprecherin der kurdischen Organisation Nav-Dem sagte kürzlich im Interview mit junge Welt, es bestehe nur ein Zweckbündnis mit den Amerikanern, das längerfristig nicht halten könne. Wie sehen Sie das?

Die Linke in der BRD hat einen sehr idealistischen und unrealistischen Blick auf diese Region. Die Lage ist prekär; vor allem der Krieg zwingt zu strategischen Bündnissen. Freilich wollen die kurdischen Kräfte ihre weitgehende Autonomie dort bewahren; sich weder an die USA verkaufen, noch an andere Großmächte. Linke, die dies von ihrer sicheren Situation hierzulande aus so diskutieren, sind aus meiner Sicht etwas arrogant. Zudem ist es auch nicht so, dass der IS geschlagen und am Ende ist, wie es deutsche Medien gern darstellen.

Sondern?

In der Nähe des Camps Arischa gab es vor wenigen Tagen erst wieder ein Selbstmordattentat mit etwa 50 Toten. Selbst im vergleichsweise sicheren Norden Syriens gibt es ständig solche Vorkommnisse. Daesh hat immer noch Gebiete, auch wenn die immer kleiner werden. Sie schleusen ihre Leute in die befreiten Gebiete ein, das gehört zu ihrer Strategie.

Welche Interessen stehen dahinter, die Lage darzustellen, als sei Daesh bereits Geschichte?

Zu sagen »Mossul gefallen, Rakka gefallen«, so, als sei alles vorbei, ist eine unverantwortliche Oberflächlichkeit der Medien. Das Sterben in Syrien geht weiter. Es gibt verletzte Kämpferinnen und Kämpfer. Einige sind für immer gelähmt, weil sie von einer Sprengfalle oder Heckenschützen erwischt wurden. Flüchtlinge sind weiterhin unterwegs, die soziale und ökonomische Lage ist völlig ungeklärt. Zu sagen, es sei vorüber, spielt den Rechten in die Hand, nach dem Motto: »Jetzt könnt ihr wieder heim. Was wollt ihr noch in Europa?«

Michael Wilk ist Wiesbadener Arzt. Schon bei den Kämpfen um die Startbahn West am Frankfurter Flughafen hat er Aktivisten behandelt. Nun ist er seit 2014 immer wieder in Rojava in Nordsyrien aktiv, wo die »Partei der Demokratischen Union« (PYD) und die kurdischen Frauen- und Volksverteidigungseinheiten YPJ/YPG ein Gebiet unter autonomer Selbstverwaltung aufbauen und gegen den IS verteidigen wollen. Bis Anfang Oktober war er drei Wochen lang in Rakka, um dort unter anderem Flüchtlinge und verletzte Kämpferinnen und Kämpfer zu behandeln.


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  • Galip Karaali: Tickende Bombe Der Ernst der Lage in Syrien wurde im Gespräch mit Michael Wilk drastisch genug dargestellt. Erstaunlich aber, dass nicht mal mit einem Satz erwähnt wurde, dass der IS bzw. Daesch in Idlib stationiert...

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