Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 15 / Geschichte

Lebendig begraben

Vor 50 Jahren begann der Dora-Prozess in Essen

Von Ralph Dobrawa
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Zu Tode geschunden. Häftlinge im Konzentrationslager Mittelbau-Dora

Das Konzentrationslager Mittelbau-Dora bei Nordhausen entstand erst in einer sehr späten Phase der 12jährigen Naziherrschaft. Seine Gründung war das Ergebnis der sich abzeichnenden Kriegsentwicklung. Obwohl absehbar war, dass sie den Krieg in dieser Phase nicht mehr gewinnen konnten, setzten die Faschisten auf den Einsatz von Fernraketen, die von ihnen als »Wunderwaffe« angepriesen wurden. An der Entwicklung einer solchen Rakete wurde bereits seit 1936 in Peenemünde auf der Insel Usedom gearbeitet. Die Raketenfertigung blieb den Alliierten nicht verborgen. So kam es im Sommer 1943 zu Luftangriffen. »Unmittelbar nach der Luftattacke auf Peenemünde«, schreibt der Historiker Jens-Christian Wagner, »befahl Adolf Hitler deshalb in einer Besprechung mit SS-Chef Heinrich Himmler und Rüstungsminister Albert Speer die Verlagerung der Raketenproduktion in unterirdische Räume. Darüber hinaus wurde in der Besprechung festgelegt, dass sowohl die erforderlichen Bauarbeiten als auch die spätere Fertigung durch KZ-Häftlinge vorgenommen werden sollten.«

Der neue Standort im Berg Kohn­stein bei Nordhausen wurde sehr schnell gefunden. Bereits am 28. August 1943 wurde mit dem Aufbau des Lagers – es waren keine zwei Wochen nach dem Luftangriff auf Peenemünde vergangen – begonnen. KZ-Häftlinge, die vor allem aus dem Konzentrationslager Buchenwald überstellt worden waren, wurden zu Montagezwecken eingesetzt. Unter furchtbaren Bedingungen mussten sie im 12-Stunden-Rhythmus Sklavenarbeit verrichten. Wagner schreibt: »Schlafentzug, Hunger, Überanstrengung, Krankheiten und Misshandlungen zehrten die Häftlinge körperlich aus (…) Die Zahl der Todesfälle begann ab November 1943 steil anzusteigen, und im Winter 1943/44 erreichte die Sterblichkeit ein solches Ausmaß, dass bald mehr Häftlinge starben, als neue mit den Transporten aus Buchenwald eintrafen. Bis einschließlich März 1944 starben nach SS-Zählungen im und am Kohnstein fast 3.000 Häftlinge. Weitere 3.000 Kranke und Sterbende schob die SS im Frühjahr 1944 nach Lublin-Majdanek und Bergen-Belsen ab.«

Nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus mussten sich zunächst vor einem US-amerikanischen Militärgericht 19 Personen, überwiegend SS-Angehörige, ihrer Verantwortung stellen. Es gab ein Todesurteil und vier Freisprüche, die übrigen Angeklagten wurden zu Haftstrafen zwischen lebenslänglich und fünf Jahren verurteilt, die sie nur zu einem Teil verbüßen mussten. Franz Hößler, letzter Schutzhaftlagerführer von Dora, war bereits in einem vorangegangenen Verfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet worden.

Auch deutsche Gerichte waren in der Folgezeit mit Tätern aus dem KZ Dora befasst. Hervorzuheben ist hierbei der bedeutendste Prozess, der gegen drei SS-Angehörige vor dem Landgericht Essen von 1967 bis 1970 geführt wurde. Die ursprünglichen Ermittlungen hatten sich gegen die zehnfache Anzahl Beschuldigter gerichtet, verblieben waren nur Helmut Bischoff, Ernst Sander und Erwin Busta, die vor dem Schwurgericht angeklagt wurden. Der 1908 geborene Bischoff hatte zuletzt den Rang eines SS-Obersturmbannführers bekleidet und war zugleich Abwehrbeauftragter beim Bau von V2-Raketen in Dora. Der 1916 geborene Sander war bereits seit 1933 Mitglied der SS und zuletzt Oberscharführer. Später gehörte er zur Leibstandarte SS Adolf Hitler und kam 1939 zur Gestapo. Ab 1944 war er in deren Dienststelle in Niedersachswerfen tätig und für Sabotageangelegenheiten in Dora zuständig. Der Österreicher Busta, geboren 1905, trat bereits vor 1933 NSDAP, SA und SS bei. Ab 1934 bis Mitte des Jahres 1943 war er in verschiedenen Konzentrationslagern eingesetzt, zuletzt im Außenlager in Peenemünde. Ab Herbst 1943 wurde er Blockführer und Aufseher in Dora im Rang eines SS-Hauptscharführers.

Am 17. November 1967 begann der Prozess in Essen. Die Anklage warf den Beschuldigten vor, »in der Zeit von Anfang 1944 bis Mitte April 1945 in dem ehemaligen Konzentrationslager Mittelbau (Dora) bei Nordhausen, dessen Arbeitskommando Woffleben und in der Außenstelle der Gestapo in Niedersachswerfen sowie in Ilfeld (…) vorsätzlich Häftlinge des ehemaligen Konzentrationslagers (…) aus niedrigen Beweggründen, teilweise auch heimtückisch und grausam getötet« zu haben.

»Über 12.000 der insgesamt etwa 60.000 Häftlinge aus fast allen von Hitler-Deutschland zeitweilig okkupierten Ländern Europas überlebten dieses Lager nicht. Gegenstand der Anklage ist die Tötung bzw. versuchte Tötung von 161 Häftlingen (…) Besonders gravierend sind die in den letzten Kriegstagen erfolgten, als ›Sonderbehandlung‹ bezeichneten Massentötungen, denen am 10. März 1945 insgesamt 58 Häftlinge, am 21. und 22. März 1945 insgesamt 60 Häftlinge und Anfang April 1945 sieben Häftlinge zum Opfer fielen.«

Hinterbliebene von Ermordeten aus der UdSSR, der CSSR, der VR Polen und der DDR schlossen sich dem Verfahren als Nebenkläger an und wurden durch den DDR-Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul vertreten. Als Zeugen zur Durchführung der Beweiserhebung wurden insgesamt fünf Personen benannt, die in verantwortlicher Funktion über diese Fragen Auskunft geben konnten. Unter ihnen war Hitlers Rüstungsminister Albert Speer und der frühere Technische Direktor der A4-Produktion in Peenemünde und im Sperrkreis Mittelbau Wernher von Braun.

Am 8. März 1968 hatte Kaul die Einvernahme des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke beantragt, der zur Tatzeit in der »Baugruppe Schlempp« tätig und mit der »unterirdischen Verlagerung von Rüstungsbetrieben unter Einsatz von KZ-Häftlingen im Sperrkreis Mittelbau« befasst war. Mit Beschluss des Landgerichts vom 14. Mai 1968 wurden diese Beweisanträge zunächst als unzulässig zurückgewiesen, weil damit angeblich »eindeutig verfahrensfremde Zwecke« verfolgt würden. Es gehe angeblich »nicht um die Aufklärung des für die Entscheidung erheblichen Sachverhaltes, sondern darum, in der Öffentlichkeit politisches Aufsehen zu erregen, um in der Bundesrepublik oder im westlichen Ausland lebende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bloßzustellen«. Am 30. Oktober 1968 war Albert Speer als Zeuge geladen, der unter großer medialer Aufmerksamkeit vor Gericht erschien. Speer behauptete, mit dem Einsatz von KZ-Häftlingen nichts zu tun gehabt zu haben.

Immer wieder kam es während des Verfahrens zu Auseinandersetzungen zwischen der Verteidigung und dem Nebenklagevertreter. Das lag unter anderem auch daran, dass die Glaubwürdigkeit der aus osteuropäischen Ländern und der DDR stammenden Zeugen von der Verteidigung in Zweifel gezogen wurden. Letztlich wurde Kaul sogar vorgeworfen, er habe Einfluss auf die Bekundungen tschechischer Zeugen genommen und diese »unter Drohung mit Repressalien zu falschen Aussagen aufgefordert und zum Meineid angestiftet«.

Nach Schluss der Beweisaufnahme beantragte die Staatsanwaltschaft lebenslänglich bzw. zehn Jahre Zuchthaus. Kaul kritisierte die Verfahrensdauer und die Art ihrer Durchführung in seinem Schlussvortrag heftig (siehe Quelle). Unter Berufung auf das Völkerrecht und das Internationale Statut des Militärgerichtshofs von Nürnberg forderte er eine lebenslängliche Zuchthausstrafe für alle drei Angeklagten. Noch vor Urteilsverkündung wurde das Verfahren gegen Bischoff am 26. Mai 1970 eingestellt. Die Begründung kommt einer Verhöhnung der Opfer gleich: »Sollte dieses Urteil, was nach den bisherigen Ermittlungen der Hauptverhandlung zumindest nicht unwahrscheinlich ist, dahin lauten, dass der Angeklagte Bischoff als Mörder verurteilt wird, so ist nach dem Ergebnis der Begutachtung durch den Sachverständigen de Boor damit zu rechnen, dass es bei dem Angeklagten Bischoff infolge der Verkündung des Urteils zu einer exzessiven Blutdrucksteigerung kommt, die seinen Tod – möglicherweise noch im Gerichtssaal – zur Folge hat.« Bischoff lebte noch weitere 23 Jahre unbehelligt und verstarb erst 1993.

Gegen die übrigen beiden Angeklagten verkündete das Landgericht am 8.Mai 1970 das Urteil. Beide wurden wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, Sander zu siebeneinhalb Jahren und Busta zu achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe. Ihnen wurde in der Folge Haftverschonung und Strafaufschub gewährt. Späterhin wurden beide als haftunfähig eingestuft. Sander verstarb 1990, Busta 1982.

Aus dem Schlussplädoyer von Friedrich Karl Kaul vom 4.11.1969

Das verbrecherische Gesamtgeschehen im KZ Dora und die in dieses Geschehen eingebetteten in sich zusammenhängenden Tatbeiträge der Angeklagten wurden vielmehr in eine Vielzahl voneinander isoliert erscheinender Episoden aufgesplittert. (…) Aber es hat mit diesen, auch von mir vertretenen rechtsstaatlichen Forderungen schon nichts mehr gemein, wenn wegen Massenmordes in Konzentrationslagern angeklagte ehemalige SS-Angehörige, gegen die ganze Berge von belastenden Dokumenten und Zeugenaussagen vorliegen (…), kurz nach Beginn der gerichtlichen Hauptverhandlung auf freien Fuß gesetzt werden. Wo hat es das jemals in der deutschen Rechtsgeschichte gegeben, dass wegen Massenmordes Angeklagte zu der gegen sie durchgeführten gerichtlichen Hauptverhandlung mit dem eigenen Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln vorgefahren kommen (…) Und dass sie sich in der Kantine völlig ungeniert vor und neben ihren eigenen Richtern anstellen können, um sich Kaffee und Kuchen zu kaufen.

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