Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 12 / Thema

Ein Nazi – lebenslang

Klaus Barbie wurde 1987 in Lyon aufgrund seiner Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt. Er zeigte keinerlei Reue

Von Horsta Krum
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Der »Schlächter von Lyon«, Klaus Barbie, am 4. Juli 1987, dem Tag seiner Verurteilung, im Gerichtssaal der südfranzösischen Stadt

Vor 75 Jahren, am 11. November 1942, besetzten deutsche und italienische Truppen auch den südlichen Teil von Frankreich, der sich seit dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 unter der Regierung von Marschall Philippe Pétain befand und als »freie Zone« galt.¹ Frei allerdings war dieses Gebiet nicht, sondern Pétain und seine Regierung hingen weitgehend von der deutschen Militärregierung in Paris ab. Aber es machte einen Unterschied, ob für das zivile Leben, für die gesamte Verwaltung und auch für die Internierungslager, Deutsche oder Franzosen zuständig waren: Verfolgte, Leitungsgremien verbotener Organisationen, zu denen auch die Kommunistische Partei Deutschlands gehörte, waren südlich der Demarkationslinie einer geringeren Verfolgung ausgesetzt.

Die Landung der anglo-amerikanischen Truppen in Nordafrika (siehe jW-Thema vom 8.11.2017) verunsicherte die deutschen Kriegsbefehlshaber, und die Widerstandsgruppen gewannen immer mehr direkte und indirekte Unterstützung, vor allem im Süden. Also stellten die Besatzer nun auch Südfrankreich unter ihre Kontrolle. Sie brauchten jetzt überzeugte und erfahrene, vor allem skrupellose Nazis, um den Widerstand wirksam zu bekämpfen und möglichst viele Informationen über die weiteren Kriegspläne der Alliierten zu erlangen. Einer, der sich bereits bewährt hatte, war Klaus Barbie.

Warum Klaus Barbie? Seine Welt war die Naziwelt, ideologisch und beruflich. Eine andere Überzeugung scheint er bis zu seinem Lebensende nicht gehabt zu haben. Die zivilen Tätigkeiten, die er nach seiner Flucht 1951 in Bolivien zunächst ausübte, dienten nur der materiellen Lebenssicherung – übergangsweise, bis er wieder in die Tätigkeit einsteigen konnte, die ihm vertraut war und auf die er sich schon früh spezialisiert hatte: Kommunisten und Juden ausfindig zu machen, sie zu quälen und zu töten, sich zu rächen an allen, die, auf welche Weise auch immer, Opposition gegen die Naziherrschaft ausübten.

In Lyon

1935, im Alter von 22 Jahren, legte er den Eid auf die SS ab, seit dem 20.4.1940 Untersturmführer, leitete er die Abteilung Spionageabwehr des Sicherheitsdienstes. Seine Einheit wurde im April 1940 in die Niederlande geschickt, um Juden, Freimaurer und deutsche Emigranten aufzuspüren. In dieser Zeit war er verantwortlich für die Deportation von 389 Juden und für zahlreiche Repressalien, wobei er Übergriffe oft selbst leitete. Für seine Verbrechen belohnte ihn das Deutsche Reich mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse, die SS beförderte ihn zum Obersturmführer. Ende 1942 schickte ihn das Reichssicherheitshauptamt nach Lyon, das bis dahin zur nicht besetzten Zone gehört hatte.

Warum ausgerechnet Lyon? Hier kreuzen sich seit alters die Handelswege zwischen West und Ost, dem Atlantik und dem nahegelegenen Genf, und zwischen Nord und Süd, begünstigt durch die Flüsse Rhône und Saône, die in Lyon zusammenfließen. Der Handel und die Seidenweberei machten Lyon zu einer wohlhabenden Kulturstadt und gleichzeitig zu einem Ort des Protestes der Armen gegen die Reichen.² Der Lyoner Bezirk, in dem die Seidenweber lebten, arbeiteten und ab 1832 revoltierten, ist bis heute von dieser Tradition geprägt.

In Lyon, der »Hauptstadt des Widerstandes«, hatten kleinere und größere Widerstandsgruppen ihren Sitz, ihre Druckereien und Waffenlager. Hier wurden Sabotageaktionen in Fabriken und Tankstellen geplant; hier wurde mit der Londoner Exilregierung kommuniziert, die u. a. Waffen durch Fallschirmspringer lieferte; von hier aus hielten »Kuriere«, meist junge Frauen, Verbindung zu den Widerstandsgruppen; von hier aus wurden Flüchtlinge in Sicherheit gebracht und Résistance-Angehörige in die umliegenden Berge verteilt. So war es folgerichtig, dass der Sicherheitsdienst seinen »bewährten« Mitarbeiter Klaus Barbie nach Lyon schickte als Chef der Abteilung IV, der Geheimen Staatspolizei.

Die alte Garnisonsstadt Lyon verfügte über ein Militärgefängnis, das als Festung gebaut ist und deshalb zu Recht »Fort Montluc« heißt. Es ging Barbie nicht schnell genug, dieses Gefängnis mit politischen Gefangenen zu füllen. Er zog sich etwa 120 Mitarbeiter heran, Deutsche, Franzosen, Männer anderer Nationalitäten, ließ sie ausbilden, schickte sie in die Häuser, in die Umgebung von ­Lyon, weiter ins Land, damit sie, offen auftretend oder freundlich getarnt, Juden und Résistance-Kämpfer und deren Sympathisanten ausfindig machten, ebenso die jungen Männer der Jahrgänge 1921/22, die sich der Zwangsarbeit in Deutschland entzogen.

Zunächst hatten Barbie und seine Männer noch keinen direkten Zugriff auf ein Gebiet östlich der Rhône bis zur Schweizer Grenze, denn das stand bis September 1943 unter italienischer Kontrolle. So konnten hier noch Flüchtlinge in die Schweiz gelangen, bis die deutschen Besatzer auch diesen Weg versperrten.

Von Montluc aus ließ Barbie regelmäßig Gefangene in den Gestapo-Sitz transportieren. Das war die ehemalige Ausbildungsstätte für Militärmediziner, ein großes, mehrgeschossiges Gebäude mit einem weitläufigen Keller. Dort fanden die meisten der »Verhöre« statt.

Die Männer Barbies waren auch in Foltermethoden ausgebildet. Sie beschimpften und quälten Juden und versuchten, von den politischen Gefangenen, Männern und Frauen, Geständnisse zu erpressen. Oft folterte Barbie selbst und ließ seine Gehilfen zuschauen, oder er schaute zu, griff manchmal ein oder trank Alkohol, schäkerte mit einer Sekretärin. Die Folter, bei der auch abgerichtete Schäferhunde eingesetzt wurden, war entsetzlich, so dass wir uns heute fragen, woher manche Opfer die Kraft hatten, ihr ohne Geständnis zu widerstehen.

Nach den »Verhören« wurden die Gefangenen wieder nach Montluc gebracht. Dora Schaul, eine deutsche kommunistische Widerstandskämpferin, hatte es geschafft, als Bürokraft angestellt zu werden. Von ihrem Schreibtisch aus konnte sie beobachten, wie ein oder mehrere Autos im Hof ankamen, wie Bewacher die Gefangenen aus dem Auto drängten, und wie diese dann nach Stunden, oft blutig und halb bewusstlos, wieder ins Auto gestoßen wurden. Dora Schaul schickte eine Liste mit den Namen von Lyoner Gestapo-Angehörigen nach London. So wurde über den Londoner Rundfunk zum ersten Mal der Name Klaus Barbie bekannt.

Manche Opfer wurden in die »Judenbaracke« des Gefängnisses geschickt oder genauer: geworfen. Hier waren die hygienischen Bedingungen und die Enge noch schlimmer. Die Judenbaracke existiert nicht mehr, nur noch ihre Umrisse sind im Hof gekennzeichnet.

Mittlerweile ist das Fort Montluc der Öffentlichkeit als Gedenkstätte zugänglich. Das Gefängnis selbst mit mehreren Etagen, mit seinen engen, kahlen Zellen, an deren Wänden heute zum Teil Fotos der Gefangenen angebracht sind, mit seinen wenigen primitiven sanitären Einrichtungen – der ganze Gebäudekomplex mit dem Hof und einem engen Gang, der zur hohen Wand führt, an der Gefangene erschossen wurden – hier überläuft einen noch heute das kalte Grauen.

Sein größter »Erfolg«

Etwa zwanzig Monate lebte Barbie seinen Hass aus, den die Naziideologie ihn gelehrt hatte. Die Bilanz seiner Verbrechen ist grauenerregend: 4.342 Morde, 7.581 in Konzentrationslager deportierte Juden, 14.311 Widerstandskämpfer, die er inhaftieren und abtransportieren ließ; das Leid der Opfer lässt sich in diesen Zahlen nicht ausdrücken. Am 24. August 1944 befreite die Résistance das Gefängnis Montluc.

Jean Moulin war ein hoher Beamter im französischen Staatsdienst und Résistance-Angehöriger. General Charles de Gaulle, Chef der Londoner Exilregierung, beauftragte ihn, die verschiedenen Gruppen des Widerstands in Frankreich zu einer einheitlichen Bewegung zusammenzuführen. Das stärkte die Résistance und vereinfachte die Kommunikation mit London. So wurde Jean Moulin unter den Widerstandskämpfern zur meistgesuchten Person; seinen Sitz hatte er in Lyon.

Für den 21. Juni 1943 hatte er sieben Verantwortliche der Résistance zu einem Treffen in den Lyoner Vorort Caluire eingeladen, in das Haus des Arztes Frédéric Dugoujon. Der war nicht aktiv im Widerstand, sympathisierte aber und stimmte zu, dass die Zusammenkunft, deren Einzelheiten er nicht erfahren wollte, während seiner Nachmittagssprechstunde stattfinden könne. Die acht Männer der Résistance trafen nacheinander ein; die ersten fünf wurden von der Hausangestellten nach oben geführt, die Nachkommenden nahmen im Wartezimmer Platz. Da fuhren mehrere Gestapo-Autos vor, Männer sprangen heraus und stürmten unter Führung von Klaus Barbie, das Haus des Arztes und verhafteten alle Anwesenden, auch den Arzt und seine Angestellte. Alle wurden nach Montluc gebracht. Die Hausangestellte und solche, die offensichtlich Patienten waren, kamen schnell wieder frei. Unter den verbliebenen Männern mussten sich die Résistance-Kämpfer befinden. Vor allem wollte Barbie Jean Moulin, dessen Deckname »Max« war, in seine Gewalt bringen. Nach zwei Tagen wusste er, wer »Max« war. Er glaubte, dass er durch die Gefangennahme von Jean Moulin die Résistance zerschlagen könne, und wollte Informationen von ihm erpressen, beispielsweise über die Pläne der Alliierten und der Exil-Regierung in London. Aber sein wichtigster Gefangener schwieg. Barbie ließ ihn nach Paris bringen und hatte ihn zuvor so brutal gefoltert, dass er von seinen Vorgesetzten in Paris getadelt wurde. Auf dem Transport nach Deutschland starb Jean Moulin.

Wer die Gestapo von dem bevorstehenden Treffen in Caluire informiert hatte, ist ungewiss. Verdächtigt wurde Oberst René Hardy, weil er als einziger fliehen konnte. Zweimal musste sich Hardy nach 1945 vor Gericht verantworten und wurde zweimal aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Das umfangreiche Buch des Historikers Jacques Gelin zu diesem Thema hinterlässt dem Leser viele Fragen, bringt aber Belege dafür, dass es innerhalb der Résistance starke Befürchtungen gegeben hat, die Kommunisten wollten die Widerstandsbewegung »infiltrieren«, die Macht an sich reißen und sogar so weit gehen, ihre Kameraden an die Deutschen zu verraten. Jean Moulin galt vielen als »Kryptokommunist« und womöglich als sowjetischer Agent.³

Nach dem Krieg war Barbie unter wechselnden Namen in Westdeutschland unterwegs, entkam den Engländern und Amerikanern. Durch Netzwerke ehemaliger SS-Angehöriger erhielt er jedoch Kontakt zu den Amerikanern und wurde schließlich im April 1947 vom US-Militärgeheimdienst CIC (Counter Intelligence Corps) angestellt. Ein Aufenthalt im Internierungslager Oberursel wirkte sich nicht nachteilig auf seine Karriere aus, wurde doch die ursprüngliche Anklage wegen Folter und Mord fallengelassen.

Zwar suchten westdeutsche und französische Behörden Barbie, doch die amerikanischen Geheimdienste beschlossen, ihn unter der neuen Identität Klaus Altmann nach Südamerika zu bringen. Da sie Barbie auch zur Spionage gegen Frankreich eingesetzt hatten, wollten sie eine Auslieferung an Paris vermeiden.

Auf der Rattenlinie

Gegen Kriegsende richtete der Vatikan Fluchtrouten ein, zunächst für Mitglieder der faschistischen Ustascha, aber besonders kroatische Priester, die serbische Gefangene misshandelt und zum Katholizismus zwangsbekehrt hatten. Diese Kroaten sollten der jugoslawischen Justiz entkommen. Es ist davon auszugehen, dass auch deutsche katholische Würdenträger auf solchen Wegen manchen Nazis halfen, außer Landes zu gelangen.

Ab 1947 benutzte auch der CIC diese Routen und nannte sie »Rattenlinien«. Barbie war nicht der erste und nicht der letzte hochrangige Nazi, der auf diese Weise nach Südamerika geschleust wurde. Wie andere auch wurde er mit seiner Frau und den beiden Kindern ab Genua von dem kroatischen Priester Krunoslav Draganovic »betreut«. Der stand mit dem Vatikan und auch mit dem Internationalen Roten Kreuz in Rom auf gutem Fuße, und bis in die sechziger Jahre arbeitete er für den CIC. Im Krieg hatte er sich als Militärpfarrer durch Zwangsbekehrungen von serbischen Gefangenen besonders hervorgetan und fand dann Asyl im Vatikan.

Für jede Person, die Draganovic im Autrag des CIC ausschleuste, erhielt er 1.000 Dollar, für Kinder die Hälfte. Barbie erhielt eine »Starthilfe« von 5.000 Dollar. Später sagte er über Draganovic, dass dieser aus rein humanitären Gründen geholfen habe, insgesamt etwa 200 Antikommunisten: »sowohl Katholiken wie Protestanten, aber besonders SS-Offizieren. Er sagte mir: ›Wir müssen eine Reserve schaffen, aus der wir später schöpfen können.‹ Ich glaube, das war auch die Absicht des Vatikan.«⁴

Barbie wollte sich nach Argentinien bringen lassen, aber Draganovic überzeugte ihn von Bolivien: Dort gebe es vielversprechende Ölvorkommen, und 60 Prozent der Ökonomie befänden sich in den Händen der deutschen Kolonie, die den Neuankömmling mit »Heil Hitler« empfangen werde.

Ganz so war es dann nicht. Zumindest während der ersten Jahre musste sich Familie Altmann mühsam durchschlagen. Aber bald hatte Barbie Zutritt zum Deutschen Club in La Paz, wurde dort ein angesehenes Mitglied und erhielt 1957 die bolivianische Staatsbürgerschaft. Ab 1964 konnte er schließlich im Dienste der nacheinander folgenden Diktaturen die Tätigkeit ausüben, die ihm von Europa her vertraut war: »Aufstandsbekämpfung« hieß das in seiner neuen Heimat. Übrigens arbeitete er dort auch für den Bundesnachrichtendienst. Im Februar 1980 unterzeichnete er ein »Treueabkommen« mit der bolivianischen Regierung und verpflichtete sich, »der bolivianischen Armee auf geheimdienstlichem Gebiet bedingungslos zu Diensten zu sein«.⁵ Dafür wurde er zum Oberstleutnant honoris causa ernannt und durfte nun wieder Uniform tragen. Unter seiner Leitung wurde geplündert, gefoltert und getötet; Drogen- und Waffenhandel, von denen auch er materiell profitierte, nahmen nie gekannte Ausmaße an.

Viele Menschen aus verschiedenen Ländern haben in mühsamer und hartnäckiger Arbeit dazu beigetragen, dass Barbie nach Frankreich gebracht werden konnte. Bekannt wurden Serge und Beate Klarsfeld, die die Identität von Barbie nachweisen konnten. Die spektakulären Aktionen von Beate Klarsfeld machten den »Schlächter von Lyon« in der internationalen Öffentlichkeit bekannt.

Während der Präsidentschaft von Siles Zuazo, die von Oktober 1982 bis Juni 1985 dauerte, wurde Barbie am 4. Februar 1983 von Bolivien nach Französisch-Guayana abgeschoben. Der stellvertretende Informationsminister Gustavo Sánchez Salazar leitete diese Aktion. Am Abend des 5. Februar 1983 wurde Barbie als Häftling in das Gefängnis Montluc verbracht.

Der Prozess

Bereits 1952 und 1954 war Barbie von französischen Gerichten in Abwesenheit wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt worden. Seit 1972 seine Identität bekannt wurde, bemühte sich Frankreich um die Auslieferung. Abgesehen davon, dass die Todesstrafe seit 1981 nicht mehr existierte, war eine Verjährung eingetreten. Nach kontroverser Diskussion führte die französische Justiz den Begriff »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« ein, unter Berufung auf die Nürnberger Prozesse, die die vier Alliierten nach 1945 gegen ranghohe Nazis angestrengt hatten.

Um nichts von den vorigen Prozessen zu wiederholen, fasste die Anklage den Rahmen eng und verhandelte vor allem drei Verbrechen: die Verhaftung und Deportation der Kinder von Izieu; den Befehl zum Transport von Juden und Résistance-Kämpfern mit einem Zug, der am 11. August 1944 Lyon verließ; die Verhaftung und Deportation von 85 Juden im Haus Nummer 12 in der Rue St. Catherine. Die Rue Sainte-Catherine ist eine kleine, schmale Straße im Zentrum von Lyon. Einige wenige der anwesenden Juden im Haus hatten falsche Papiere und konnten der Verhaftung entgehen; die anderen 85 wurden deportiert. Der Zug, der Lyon am 11. August 1944 auf Befehl Barbies verließ, transportierte etwa 600 Widerstandskämpfer und Juden in Vernichtungslager. Da die Alliierten sich näherten, wollten die Faschisten vorher noch möglichst viele Gefangene ermorden.

Der dritte Anklagepunkt betraf die Deportation der jüdischen Kinder von Izieu, einem Bergdorf nordöstlich von Lyon. Diese Kinder kamen aus Algerien, aus osteuropäischen Ländern, aus Frankreich, Österreich und Deutschland. Am Donnerstag vor Ostern, dem 6. April 1944, telegrafierte Barbie nach Paris: »In den heutigen Morgenstunden wurde das jüdische Kinderheim ›Colonie enfant‹ in Izieu – Ain ausgehoben. Insgesamt wurden 41 Kinder im Alter von 3 bis 13 Jahren festgenommen. Ferner gelang die Festnahme des gesamten jüdischen Personals, bestehend aus 10 Köpfen, davon 5 Frauen. Bargeld oder sonstige Vermögenswerte konnten nicht sichergestellt werden = Der Abtransport nach Drancy erfolgt am 7.4.44 …«.⁶ Die akkurate Buchführung der Nazis belegt, dass der Leiter des Kinderheims und zwei Jungen auf dem Weg nach Auschwitz erschossen wurden.

Das Ehepaar Klarsfeld hatte im Laufe seiner Nachforschungen festgestellt, dass im Frühjahr und Sommer 1944 noch mehr als fünfzig weitere jüdische Kinder zwischen 15 Monaten und 15 Jahren aus dem Lyoner Raum deportiert wurden.

Am 11. Mai 1987 begann der Prozess.⁷ Er dauerte 37 Vernehmungstage; 107 Zeugen, vertreten durch 39 Anwälte, standen Rede und Antwort stehen; Anwalt Jacques Vergès übernahm die Verteidigung, unterstützt durch einen kongolesischen und einen algerischen Anwalt. Nachdem Barbie zur Person befragt worden war, bestand er darauf, in seine Zelle zurückgeführt zu werden. Er berief sich auf seine bolivianische Staatsbürgerschaft und bezeichnete seine Ausweisung und Überführung nach Frankreich als illegal.

Es gab Zeugen, die nur mit größter Mühe aussagen konnten, weil sie die schreckliche Vergangenheit eingeholt hatte. Da wurde es manchmal ganz still im Saal. Eine Betreuerin von Izieu, die am 6. April 1944 verreist war, schrie unter Tränen: »Und die 44 Kinder? Was waren die denn? Waren das Résistance-Kämpfer?« Aber der Stuhl von Barbie, dem sie das ins Gesicht schleudern wollte, blieb leer.

Die Verteidigung hatte zwei Strategien: Sie stellte die Glaubwürdigkeit der Zeugen und die Echtheit der Dokumente in Frage, und sie führte Verbrechen Frankreichs während der Kolonialzeit an, um Barbies Verbrechen zu relativieren. Vergès hielt sein langes Schlussplädoyer in exzellenter Rhetorik; dabei kam es im Saal öfter zu Turbulenzen.

Seit 1972 hatte Barbie allein gelebt. 1971 erlitt sein Sohn Klaus (geboren 1946) einen tödlichen Unfall, und bald darauf starb Barbies Frau. Seine Tochter Ute (geboren 1941) lebte seit 1969 in der Bundesrepublik und dann in Österreich. Sie war während des Prozesses anwesend. Gegenüber Journalisten sagt sie: »Ich kenne ihn als meinen Vater, nicht als Verbrecher. Er ist mein Vater und er wird es bleiben.«⁸

Gegen Ende des Prozesses wurde Barbie hereingeführt, erhielt das Wort und erklärte auf französisch, regungslos wie immer: »Ich habe die Razzia von Izieu nicht durchgeführt. Ich habe nie die Macht gehabt, über Deportationen zu entscheiden. Ich habe die Résistance, die ich respektiere, hart bekämpft. Aber das war Krieg. Und der Krieg ist vorbei – danke.«

Nachdem die Geschworenen sechseinhalb Stunden beraten hatten, wurde das Urteil in den frühen Morgenstunden des 4. Juli 1987 verkündet: lebenslange Haft.

Anmerkungen

1 Dass die Deutschen ausgerechnet am 11. November das Ende der »freien Zone« besiegelten, war ein zynischer Affront gegen Frankreich und besonders gegen Marschall Pétain, der seit dem 11. November 1918 als Symbolfigur des Sieges über das deutsche Kaiserreich gilt. Noch heute ist der 11. November staatlicher Feiertag.

2 Die »Armen von Lyon« wurden ab 1200 von der katholischen Kirche verfolgt und überlebten in den Alpen, bis sie im 19. Jahrhundert die protestantische Kirche in Italien bildeten, die noch heute als kleine Minderheit existiert.

3 Jacques Gelin: L'affaire Jean Moulin, Paris 2013, S. 516ff.

4 Tom Bower: Klaus Barbie. Itinéraire d'un bourreau ordinaire, Paris 1984, S. 191

5 Gustavo Sánchez Salazar und Elisabeth Reimann: Barbie in Bolivien, Berlin 1989, S. 153

6 Serge Klarsfeld: Les enfants d’Izieu, Paris 1984; S. 95. Der Autor listet darin 44 Namen von Kindern zwischen 4 und 17 Jahren und von sieben Erwachsenen auf. Während seines Plädoyers verteilte Barbies Verteidiger Vergès dieses Buch und versuchte damit nachzuweisen, dass die Dokumente gefälscht seien.

7 Entgegen sonstigem Recht wurde der Prozess gefilmt. Die Aufnahmen werden seitdem regelmäßig im Lyoner »Centre de l'Histoire de la Déportation et de la Résistance« gezeigt. Seit kurzem ist eine Kassette mit sechs DVD im Handel, die Aufzeichnungen über 19 Stunden des Prozesses und einige Kommentare enthält.

8 Undatierter Artikel der Lyoner Tageszeitung Le Progrès

Horsta Krum schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. Juli 2017 über die Wanderausstellung »Entartete Kunst«


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