Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

»Wir befreien uns selbst«

Ein linker Verlag wird 50: Ein Buch – »Die Trikont-Story« – und zwei »Labelnights« zum Jubiläum

Von Frank Schäfer
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»Guck mal, was ich für’n Lied entdeckt hab’!«: Idee für das Labellogo vor mehr als drei Jahrzehnten von Thomas Busse (der heute Prosperi heißt)

Die Trikont-Story ist eine dieser linken Erfolgsgeschichten, die einen nostalgisch erschauern lassen darüber, was in dieser anderen Zeit alles möglich war. Ein paar Universal-Dilettanten gründen 1967 einen Agitpropverlag, um den »trikontinentalen« Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas im Kampf gegen die Ausbeutung durch den Westen zur Seite zu stehen. Am besten, indem man gleich mal die eigene Gesellschaft auf links krempelt. Der Geist der Zeit bläst ihnen ordentlich Wind in die Segel, und so landen sie sofort einen Bestseller nach dem anderen: Ches »Bolivianisches Tagebuch«, die »Mao-Bibel«, später dann die transkribierten Tonbandbekenntnisse des gesuchten Stadtguerilleros Bommi Baumann, »Wie alles anfing«. Deren Verbotsgeschichte wäre ein eigenes Buch wert gewesen, weil sich an ihr der autoritäre Geist der gar nicht mehr so jungen Bundesrepublik Mitte der Siebziger ganz hübsch zeigen ließe.

Die Erinnerungen des frustrierten, an den deutschen Verhältnissen leidenden Betonbauers aus Westberlin, der schließlich zum Staatsfeind und gesuchten Bombenleger der Bewegung 2. Juni wird, passte auch deshalb gut ins Trikont-Programm, weil ihnen Baumanns Befund aus der Seele sprach. Er monierte die Transformation ihrer Szene vom solidarischen, miteinander kiffenden, vögelnden, debattierenden und manchmal auch etwas kaputt machenden Freundeskreis aus »Freak Brothers« zu einem kalt kalkulierenden, humorlos-funktionalistischen Terrorunternehmen. Auch Achim Bergmann und die anderen von Trikont vermissten den Zauber des Anfangs, wollten der zunehmenden Desillusionierung, der depressiven Verhärtung, dem K-Gruppen-Dogmatismus wieder etwas mehr Spaß entgegensetzen.

Knallhart einfacher Folk

Nicht zuletzt deshalb erscheinen ab 1972 auch Platten. Zunächst robuste Arbeiterkampflieder. »Wir befreien uns selbst« heißt das erste Album, »knallhart einfache Folkmusik«, urteilen Christof Meueler (Feuilletonchef der jW) und der Schriftsteller Franz Dobler in ihrer vielstimmigen, reich illustrierten Montage-Historie zum 50. Geburtstag der alten Revoluzzerbude, »gesungen zur Gitarre, teilweise unterstützt von Congas, Tamburin und Händeklatschen. Liedermacherstyle zum Nachmachen geeignet.« Trikont hat das Album gerade wiederveröffentlicht.

Später kommen Politrock, Straßenmusik, Knastsongs, subversiver Folk hinzu. Als die umfassende gesellschaftliche Transformation ausbleibt und die desillusionierten Revolutionäre nicht selten aufs Land ziehen – oder wie der Verlagsgründer Herbert Röttgen gleich ins esoterische Phantasialand abrauschen –, setzt auch Trikont auf »Regionalisierung«. Ab Mitte der Siebziger sucht man nach dem Renegatentum an der musikalischen Peripherie – und findet überall Widerstandsnester, die den Mächtigen die Flötentöne beibringen. In den Indianerreservaten, den Sümpfen des Südens (Cajun, Zydeco, Soul), in griechischen Hafenvierteln (Rembetiko) oder gleich im bajuwarischen Hinterland, das, so geht jedenfalls die Legende, aus 60 Prozent CSU-Wählern und 90 Prozent Anarchisten besteht.

1990 gerät Eva Mair-Holmes in die Firma, und schnell werden Bergmann und sie das Liebespaar, das Trikont bis heute führt – als mittlerweile ältestes Independentlabel in Deutschland, wenn nicht in Europa. Das halbe Jahrhundert Trikont feiern sie mit dem wiederveröffentlichten ersten Album (Katalognummer: 500), einer Dreifach-CD-Kompilation »Our own Voices« und zwei »Labelnights« mit ihren Künstlern, eine nächste Woche in Berlin, die andere Ende des Monats in München, wo sie immer noch sitzen, in Obergiesing.

Perlen und Probleme

Insbesondere für bayrische Musikgeschichte hat sich der Sauerländer Bergmann sehr interessiert, anfangs zum großen Erstaunen der Allgäuerin Mair-Holmes, die in dem Buch sagt: »Aus der Musik bin ich hergekommen, diese Musik lief bei meiner Großmutter im Radio. Wenn wir früher jemanden in unserer WG mit Volksmusik erwischt hätten, den hätten wir sofort rausgeschmissen. Und dann kommt der Achim mit glänzenden Augen und sagt: ›Guck mal, was ich für’n Lied entdeckt hab’!‹ Und du sagst nur: ›Ach das, das hab’ ich als Kind gesungen.‹ Diesen Blick von außen konnte nur er haben. (…) Ich habe durch Achim viele Sachen neu entdeckt oder überhaupt erst registriert, dass die anders sind.« Wer das Populäre bzw. Volkstümliche auf Krawall bürstet, sich in den Dienst der emanzipatorischen Sache stellt und beides richtig kann, hat bis heute ziemlich gute Chancen, bei Trikont zu erscheinen.

Dass bei »Volkmusik« in der Linken alle Warnlampen angingen, hätte man sich eigentlich denken können. Vor allem wenn das Epitheton deutsch davor steht. Da schienen die gesungenen Inhalte schon beinahe gleichgültig zu sein. Meuelers Koautor Franz Dobler musste das schmerzlich erfahren, als er für seine Kompilation »Wo ist zu Hause, Mama? Perlen deutschsprachiger Popmusik« Mitte der 90er vom Poptheoretiker Günther Jacob in Konkret angegangen wurde. Denn wer »als zentrales gemeinsames Merkmal von musikalisch sehr disparaten Bands die Eigenschaft DEUTSCH« hervorhebe, setze sie der Gefahr aus, dass sie sich »schneller als erwartet mitten in einem Heimatdiskurs wiederfinden«. Seiner Ansicht nach könnten »selbst ausgesprochen antirassistische Texte einzelner Bands« dies nicht verhindern.

Nun, man darf aus der historischen Distanz durchaus Entwarnung geben. In diesem Sumpf hat man Künstler wie F. S. K., Die Sterne, Element of Crime, Funny van Dannen et alii, allesamt Beiträger der ersten von vier »Perlen«-Kompilationen, denn doch bisher nicht verklappen können. Dass man so etwas durchaus versucht hat, steht auf einem anderen Blatt. Heinz Rudolf Kunze forderte bald darauf eine Deutschrock-Quote in Radio und Fernsehen, um der »Flut von ausländischer Musik und eben auch ausländischem Schund« mal wieder echte deutsche Wertarbeit entgegenzusetzen, und er nannte auch einige Künstler aus dem Trikont-Portfolio, um zu erläutern, wen er lieber hören wollte. Dass er damit nicht durchkam, lag sicher auch daran, dass die ihm geschlossen den Stinkefinger zeigten.

Anarchie in Germoney

Die Autoren erzählen die Genese des Verlags und ab 1980 des Labels vor dem Hintergrund des politischen, zeit- und popgeschichtlichen Horizonts und demonstrieren damit plastisch und in griffiger Diktion, wie sich Trikont an den jeweiligen Verhältnissen abgearbeitet, gerieben und gelegentlich auch mit ihnen gemeinsame Sache gemacht hat. Diese wechselseitige Abhängigkeit mit ordentlich Farbe ausgepinselt zu haben, macht dieses Buch über die reine Verlags- und Labelhistorie hinaus wertvoll. Eine nicht geringe Rolle spielen dabei die vielen O-Töne der Akteure, die sie auf einer zweiten Ebene mitlaufen lassen, mal bestätigend, ergänzend, eher selten auch mal kontrastierend.

Gelegentlich hätte man ein bisschen mehr Widerspruch erwarten dürfen – so wie im Falle der eher bieder humorigen, mit dem Anarcho-Appeal spielenden Jazz-Rock-Theatraliker von Schroeder Roadshow. Während Achim Bergmann immer noch abfährt auf »Anarchie in Germoney«, haben die Autoren für diesen linken Männerstammtisch, der »die spießbürgerlichen Ressentiments ungebrochen in die linksalternative Szene durchwinkte«, nur lässige Verachtung übrig. Von solchen Dissonanzen hätte man gern mehr gelesen. Aber vielleicht gab es ja auch gar nicht so viele. Über die Qualitäten der wichtigen Hauskünstler wie Hans Söllner, Ringsgwandl, Bernadette La Hengst, Kofelgschroa oder Attwenger, die sie in zupackenden Porträts würdigen, gibt es jedenfalls keine zwei Meinungen.

Christof Meueler mit Franz Dobler: Die Trikont-Story. Musik, Krawall und andere schöne Künste. Heyne-Verlag, München 2017, 461 Seiten, 30 Euro

Trikont-Labelnights: 15.11. Berlin, Bi Nuu (mit Kofelgschroa, Bernadette La Hengst, Lydia Daher, Textor & Renz); 30.11. München, Feierwerk (mit Attwenger, Express Brass Band, Eric Pfeil, Franz Dobler, Christof Meueler u. a.)

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