Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Vom Trumpf zum Bluff

Start und Ziel? Egal. Asterix Nr. 37 ist erschienen

Von Hagen Bonn
Neuer_Band_Asterix_i_55080094.jpg
Mit Gegenwartsbezügen traktiert: »Asterix in Italien«

Wiederholen wir zuerst die drei wichtigsten Eingangsverse des Weltschriftkulturerbes: 1. »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.« (Marx, Engels) 2. »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« (Gott, Johannes) 3. »Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt … Ganz Gallien? Nein!« (zwei Götter: Goscinny, Uderzo)

Um es vorwegzunehmen: Zitat Nr. 3 wurde abgeschafft! Der neue »Asterix« (Folge 37) hat diese Seite 1 nicht mehr. Puritanische Anhänger des gallischen Dorfes werden sich beim Aufschlagen des neuen Heftes »Asterix in Italien« freiwillig an die nächste Herz-Lungen-Maschine anschließen. Didier Conrad (Zeichnungen) und Jean-Yves Ferri (Text) konnten bei dem dritten von ihnen verantworteten Heft trotzdem recht entspannt ans Werk gehen, nachdem 2015 ihr zweites Heft (»Der Papyrus des Cäsar«) recht gut beim Publikum angekommen war.

Wir können nur ahnen, wie schwer es sein muss, den Schöpfern der Reihe gerecht zu werden. Seit dem Tod des genialen Texters René Goscinny 1977 hatte sich der Zeichner Albert Uderzo abgemüht, mal mehr, mal weniger allein diese klassische Comicreihe fortzusetzen. Die Qualität überzeugte die Kritiker und Fans zwar nicht immer, aber finanziell betrachtet, war jedes neue Asterix-Heft ein Renner. Das neue kostet übrigens 40 Cent mehr als das vorherige. Deshalb müssen wir nicht weiter fragen, ob und inwiefern ein neues Heft sinnvoll ist oder gar die Legende beschädigt.

Fangen wir aber mit der eigentlichen Kritik an. Zuerst die positiven Seiten: Äh … Gut, vielleicht fällt mir später noch etwas ein. Bis dahin eben die Kehrseite: Wer sich Augenkrebs holen möchte, schlage bitte Seite 17 auf. Das letzte Panel. »Expressive« Dynamik trifft auf den Bart von Obelix; der rote Fleck kann aber auch seine seitlich heraushängende Zunge sein, was im ganzen Heft (!) nicht klar wird. Nun gut, wenden wir uns dem Inhalt zu – und der Dramatik. So etwas erwächst für gewöhnlich aus den Nöten und Widersprüchen der Figuren, der Helden, der Widersacher – und in unserem Falle aus den besonderen stilistischen Mitteln wie dem »Running Gag« (z. B. die Seeräuber) oder dem feinsinnigen Humor, der oft den unterschiedlichen Bildungskarrieren der beiden ungleichen Helden entspringt.

Doch unsere Figuren befinden sich auf einem Streitwagen. Sie fahren ständig von A nach B. Dieses antikisierte Roadmovie hat aber einen nicht zu unterschätzenden Fehler. Roadmovies leben allein vom Psychogramm der Figuren. Start und Ziel sind Kulisse. Die Stationen dazwischen verändern die Figuren, mischen die Karten ständig neu; was eben noch Trumpf war, mutiert an der nächsten Kreuzung zum Bluff. Aber hier: Nichts! Dünne Witze im Maschinengewehrtakt treffen auf kyrillisch anmutende Buchstaben, und das gallische Gemüt wird mit Gegenwartsbezügen traktiert. Auf Holzhammerart. Und das Gute? Cäsar fährt auch mit.

Jean-Yves Ferri/Didier Conrad: ­Asterix in Italien. Übersetzt von Klaus Jöken, Egmont, 48 S., 6,90 Euro

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Mehr aus: Feuilleton