Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Heimat auf Zeit

Landkäufe im Ausland und Entstehung einer neuen Flüchtlingskategorie: Vor allem pazifische Ministaaten vom Anstieg der Meere bedroht

Von Thomas Berger
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Bedrohte Idylle: Frau am Strand der bereits teilweise ­versunkenen Bikeman-Insel in Kiribati

Vertreter von über 190 Staaten der Welt ringen sei Montag bei der Bonner Klimakonferenz darum, die beim Gipfeltreffen 2015 in Paris gefassten Beschlüsse zu ergänzen und zu präzisieren. Und während die Abgesandten um Kompromisse streiten, scheint der Klimawandel trotz aller bisherigen Bemühungen längst Realität zu sein. Kaum irgendwo sonst zeigen sich die von Forschern prophezeiten Symptome deutlicher als im Südpazifik. Dort drohen – sollte die aktuelle Entwicklung ungebremst weitergehen – ganze Länder von der Karte zu verschwinden oder unbewohnbar zu werden. Letzteres auch dann, wenn das weitere Ansteigen des Meeresspiegels noch eingedämmt werden kann. Im Bewusstsein dieser Entwicklung könnte Neuseeland schon bald weltweiter Vorreiter dabei sein, Klimaflüchtlinge offiziell anzuerkennen und ihnen Zuflucht zu bieten.

Wenige Wochen ist es her, dass ein Gericht in Neuseeland die Asylgesuche zweier Familien aus dem Ministaat Tuvalu ablehnte. Die Antragsteller hatten argumentiert, dass bei der Rückkehr in ihr Heimatland ihre Lebensgrundlage gefährdet sei. Das Atoll Funafuti mit dem Flughafen und sämtlichen Regierungseinrichtungen, das als Gesamtgemeinde die Hauptstadt bildet, ist lediglich knapp zweieinhalb Quadratkilometer groß. Ständig fressen Berichten zufolge die Wellen des Ozeans an dieser schon geringen Landmasse. Das Gericht nahm die Schilderungen der beiden Familien sehr ernst, erkennt deren Darlegungen offiziell an. Wenn man die Anträge dennoch ablehnen müsse, liege das daran, dass die Antragsteller keine individuelle Bedrohung nach den fünf grundlegenden Kategorien der Genfer Flüchtlingskonvention nachweisen könnten. 1951, als diese beschlossen wurde, war Klimawandel noch kein Thema.

James Shaw, Parteivorsitzender der neuseeländischen Grünen und in der neuen Regierung der sozialdemokratischen Premierministerin Jacinda Ardern mit dem Amt des Klimaschutzministers betraut, wartete vergangene Woche mit der Ankündigung auf, zumindest für sein Land eine neue Asylkategorie einführen zu wollen. Unter einer besonderen Einstufung humanitärer Hilfe sollen pro Jahr 100 Aufenthaltstitel explizit an Klimaflüchtlinge vergeben werden. Mit diesem Vorstoß hatte die Partei schon im Wahlkampf geworben. Nun mit in Regierungsverantwortung, obliegt es Shaw in nächster Zeit, in Abstimmung mit den Koalitionspartnern ein entsprechendes Gesetz auszuarbeiten.

Dass ein solches Programm gerade in Neuseeland demnächst konkrete Gestalt annimmt, ist kein Zufall. Denn die südlichste Industrienation der Welt wird eher als andere mit dem Problem Zufluchtsuchender konfrontiert sein, wenn sich die gegenwärtige Entwicklung fortsetzt. Einwohner von Tuvalu, Kiribati und anderen Kleinstaaten in der Nachbarschaft werden weniger den Weg ins ferne Europa antreten, obwohl viele davon die britische Königin Elisabeth II. als Staatsoberhaupt anerkennen und Commonwealth-Mitglieder sind. Sie wollen sich offenbar möglichst nahe ihrer bedrohten Heimat eine neue Existenz aufbauen. Schon heute ist das wirtschaftlich im Vergleich sehr wohlhabende Neuseeland das Ziel zahlreicher Arbeitsmigranten aus dem Südpazifik. 100 anerkannte Klimaflüchtlinge sind zunächst eher eine Geste von symbolischem Wert. Der Bedarf ist höher, auch wenn nach bisherigen Berechnungen der Anstieg des Meeresspiegels relativ langsam vonstatten geht.

Die Inseln sind arm. Wenn dort heute teilweise ganze Dörfer entvölkert sind, weil zum Beispiel Meerwasser landwirtschaftlich genutzte Flächen unbrauchbar gemacht hat oder die wenigen Süßwasserreservoire bedroht sind, ist das nicht nur Resultat des steigenden Meeresspiegels, sondern auch dem Abbau von Korallensand für Straßenbau oder der Abholzung von Mangrovengewächsen geschuldet, die die Ufer stabilisierten. Dennoch ist die Gefahr durch den Klimawandel mittelfristig weit größer.

Sollten entsprechende Szenarien Realität werden, dürften viele Inseln lange vorher bereits unbewohnbar sein. So richtet sich auch Kiribati darauf ein, als Nation nur noch begrenzte Zeit zu existieren. Bereits 2014 hatte der damalige Präsident Anote Tong (bis 2016) für seine 110.000 Landsleute im 2.000 Kilometer entfernten Fidschi ein 20 Quadratkilometer großes Stück Land erworben, um eine neue Heimstatt aufbauen zu können. Kiribati, dessen höchster Punkt nur drei Meter über dem Meeresspiegel liegt, hatte schon 1999 zwei seiner Inseln verloren.

Das Land steht mit solchen Maßnahmen nicht allein. Bereits 2012 hatte die Regierung der Malediven in Australien Land gekauft. Die Inselrepublik liegt zwar im Indischen Ozean, steht aber der gleichen Bedrohung gegenüber wie die südpazifischen Atolle.

Der erste, der offiziell versucht hatte, eine Anerkennung als Klimaflüchtling zu erreichen, war Ioane Teitiota. Lange hatte er für seine Familie mit den neuseeländischen Behörden gerungen. Ende September 2015 wurden sie deportiert. Schon damals hatten die Richter keine juristische Grundlage für eine Gewährung von Asyl gesehen. Mit Shaw und seiner Ankündigung könnte sich das ändern.

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