Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Gottlose des Tages: Polens Nationalkatholiken

Von Reinhard Lauterbach
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Rabiater Gläubige: Rechter Demonstrant bei einem Aufmarsch von Nationalisten am 11. November 2016 in Warschau

Dass es die Rechten mehr in den Fäusten haben als in den Köpfen, ist kein Geheimnis. Entsprechend kommt es, wenn sie sich schon mal verbal äußern, gelegentlich zu gewissen theoretischen Leichtfertigkeiten. Beispiel: die aktuelle Demo polnischer Rechter zum heutigen Unabhängigkeitstag des Landes. Sie steht unter der Hauptparole: »Wir wollen Gott.«

Werte Mitbrüder in Christo: Da befindet Ihr Euch auf schlüpfrigem Grund. Entweder gibt es Gott, dann ist er sowenig Gegenstand menschlichen Wollens wie die Jahreszeiten oder die Schwerkraft. Oder man kann ihn wollen – dann kann man ihn aber erstens auch genausogut nicht wollen, was eine gewisse Leugnung seiner von Euch behaupteten Objektivität darstellt. Vor allem ist er aber dann ein Konstrukt des menschlichen Bewusstseins, eine Unterwerfung aus freiem Willen. Das haben schon bestimmte Klassiker aus dem 19. Jahrhundert gewusst. Um den berühmtesten unter ihnen zu zitieren: »Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. (…) Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. (…) Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.«

Wäre es so, wie der in diesen Tagen vielfach zitierte Lenin in einem Moment des Idealismus gesagt hat: dass der Marxismus allmächtig sei, weil er wahr sei – dann wäre einiges auf dieser Welt einfacher. Statt dessen werden sich auch heute wieder militante Abhängige der Droge Nation und ihres religiösen Überbaus zusammenrotten, um geistlose und brutale Zustände um ihre Dummheiten und Brutalitäten zu bereichern. Nicht weiter erstaunlich: Das Sein bestimmt halt das Bewusstsein. Ein Kompliment ist das für keine der beiden Seiten.


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