Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 7 / Ausland

Es wird ernst

Polen rechnet mit neuen russischen Raketen im Gebiet Kaliningrad. Deren Ziel: Die US-amerikanische »Raketenabwehrbasis« bei Slupsk

Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Hochgerüstet gegen Russland: Werbung für US-Waffen auf einer Militärmesse im polnischen Kielce (7.9.2017)

Polen erwartet, dass Russland ab 2018 auf polnische Ziele programmierte Kurzstreckenraketen in der Region Kaliningrad stationieren wird. Aus einer Analyse des pensionierten Brigadegenerals Jaroslaw Strozyk auf dem Portal »Strat­points« geht hervor, dass ein wesentlicher Grund für die Aufstellung die im Bau befindliche US-Raketenabwehrbasis in Redzikowo bei Slupsk sein werde. Die Basis liege etwa 300 Kilometer von der russischen Exklave entfernt und damit ebenso wie die Großstädte Gdansk, Warschau und Lublin innerhalb der Reichweite der neuen Raketen des Typs »Iskander«.

Die polnische Zeitung Rzeczpospolita zitierte am Freitag den Chefredakteur der russischen Militärfachzeitschrift Nazionalnaja Oborona, Igor Korotschenko, mit einer indirekten Bestätigung dieses Vorhabens. Koro­tschenko sagte der Zeitung, die »Iskander«-Raketen seien bisher immer nur vorübergehend zu Übungen in der Region Kaliningrad stationiert gewesen. Sobald die US-Basis betriebsbereit sei, würde die in Tschernjachowsk östlich von Kaliningrad stationierte 152. Raketenbrigade mit den neuen Systemen ausgestattet. Korotschenko erklärte der polnischen Zeitung, Russland betrachte die US-Basis in Pommern als besondere Bedrohung, denn die Abschussvorrichtungen für die Abfangraketen könnten ohne großen Aufwand mit den Offensivmarschflugkörpern des Typs »Tomahawk« bestückt werden. Diese Waffen seien schwer abzufangen, weswegen das strategische Gleichgewicht in der Region destabilisiert werden könnte. Korotschenko bezeichnete das Risiko, dass in der Region am Ostufer der Ostsee ein Krieg »ausbrechen« könne, als »hoch«. Er erklärte gleichzeitig, die nahegelegene 90.000-Einwohner-Stadt Slupsk sei kein Ziel russischer Raketen.

Aus der Analyse Strozyks geht indes auch hervor, dass Polen sich von den russischen Raketen nur bedingt bedroht sieht. Der polnische Militärexperte, in seiner aktiven Dienstzeit im Spionagedienst der NATO tätig, erklärte die Stationierung der »Iskander« zum Bestandteil einer routinemäßigen Umrüstung der russischen Raketentruppen. Die Brigade in Tscher­njachowsk zähle sogar zu den letzten Einheiten ihrer Waffengattung, die mit diesen Waffen ausgerüstet werde. Dass dieses Detail, wenn es denn stimmt, gerade nicht von offensiven Absichten Russlands zeugt, übergeht Strozyk. Er verwendet statt dessen einigen Aufwand auf den Nachweis, dass die »goldene Zeit« der russischen Aufrüstung vorbei sei, seitdem 2015 erstmals der Verteidigungshaushalt um 20 Prozent gekürzt worden sei. Die Tendenz sinkender oder allenfalls noch der Inflation angepasster russischer Aufwendungen für das Militär werde auch in den kommenden Jahren anhalten.

Unterdessen setzt die NATO nach einer dem Spiegel zugespielten Analyse ihre Aufrüstung in Osteuropa fort. Das Papier, aus dem das Magazin zitiert, fordert die Reaktivierung von Kommandostrukturen aus der Zeit des »ersten« Kalten Krieges und den Aufbau neuer Stäbe. Sie sollten die Logistik im Hinterland künftiger Kämpfe organisieren bzw. die Abwehr russischer Bedrohungen für Seekonvois auf dem Nordatlantik vorbereiten. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte vor einigen Tagen explizit die EU aufgefordert, die Straßen und Eisenbahnen in den östlichen Mitgliedsländern gezielt auszubauen, um Truppenverlegungen zu erleichtern. Gegenwärtig, so der Spiegel, fehle es der NATO sowohl an Eisenbahnwaggons als auch an Tiefladern, mit denen schwere Panzer wie der »Leopard 2« ins Einsatzgebiet geschafft werden könnten. Polen hat, um dieses Dilemma zu umgehen, seit 2016 den Großteil seiner Panzer an Standorte östlich der Weichsel verlegt, um von eventuellen Brückenzerstörungen unabhängig zu sein.

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