Aus: Ausgabe vom 10.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Noch zehn Jahre

Wissenschaftler fordern Kohleausstieg

Von Wolfgang Pomrehn

Klimaforscher, zumal hierzulande, sind meist eher zurückhaltend. Sobald sie den sicheren Boden ihres Fachgebiets und ihrer Forschung verlassen und es darum geht, wirtschaftliche und politische Schlussfolgerungen aus ihren Projektionen eines künftigen Klimas zu ziehen, agieren vor allem die deutschen Experten für gewöhnlich sehr vorsichtig. Um so bemerkenswerter ist daher eine Stellungnahme des Deutschen Klimakonsortiums (DKK), mit dem es am Donnerstag die künftige Bundesregierung zu einem »zügigen Beginn des Kohleausstiegs« aufforderte. Im DKK ist ziemlich alles vertreten, was in der Klimawissenschaft Rang und Namen hat: zum Beispiel verschiedene Max-Planck-Institute, das Alfred-Wegener-Institut und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, aber auch der Deutsche Wetterdienst und das Umweltbundesamt (UBA).

Während zum Beispiel FDP-Chef Christian Lindner die bestehenden Klimaschutzverpflichtungen in Frage stellt und die Grünen schon in den Sondierungen wichtige Positionen, wie die Festsetzung eines Stichtags für den Ausstieg aus Antriebstechnologie des Verbrennungsmotors aufgeben, fordert der geballte Sachverstand der deutschen Klimawissenschaften rasches Handeln. Was jeder bei einem Blick auf die Daten seit Jahren sehen kann, schreiben sie den potentiellen Koalitionären noch einmal ins Stammbuch: Die deutschen Treibhausgasemissionen stagnieren seit acht Jahren auf hohem Niveau. Während die Autoindustrie Öffentlichkeit und Käufer seit Jahren in Sachen Verbrauch und Ausstoß belügt, die Polizei mit Reiterstaffel und Pfefferspray gegen Sitzblockaden von Umweltschützern vorgeht wie am vergangenen Sonntag, dreht die vermeintliche Klimakanzlerin Angela Merkel Däumchen. Seit acht Jahren schon. Schlimmer noch, sie bremst erst mit Hilfe der FDP den Ausbau der Solarenergie aus, um dann gemeinsam mit der SPD die Windenergie ins Visier zu nehmen. Im nächsten Jahr wird deren Ausbau erheblich ins Stocken geraten, weil er künftig bundesweit streng limitiert ist.

All das steht im krassen Widerspruch zu den Erfordernissen des Klimaschutzes und zu den bereits 1992 eingegangenen internationalen Verpflichtungen, um einen gefährlichen Wandel zu verhindern. Dieser ist inzwischen auf dem Weg. Allein seit 1990 hat der durch menschliche Aktivitäten verursachte Treibhausgaseffekt um 40 Prozent zugenommen. Steigende Temperaturen lassen Gletscher und Eisschilde schmelzen und so den Meeresspiegel ansteigen. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird eine Entwicklung angestoßen, so die Warnung der Wissenschaftler, die sich dann unaufhaltsam über viele Jahrhunderte fortsetzen wird. Zu verhindern sei das nur, wenn das Energiesystem weltweit innerhalb der nächsten zehn Jahre umgestellt wird. Deutschland verfügt längst über die wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten, mit gutem Beispiel voranzugehen.


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