Aus: Ausgabe vom 10.11.2017, Seite 4 / Inland

Auseinandergelebt

Politik gedenkt der Grenzöffnung durch die DDR-Regierung vor 28 Jahren, Sachsens Integrationsministerin bittet um Verständnis für die Ostbevölkerung

Von Jana Frielinghaus
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»Abgewickelt« und in die Arbeitslosigkeit entlassen: Frauen des Büromaschinenwerks im thüringischen Sömmerda bei einer Betriebsversammlung im September 1991. 40 Prozent der Werktätigen der DDR verloren nach der »Wende« ihren Job

Die Mauer hat 28 Jahre lang die Hauptstadt der DDR von Westberlin getrennt. Am Donnerstag war es 28 Jahre her, dass Günter Schabowski seinen berüchtigten Zettel zückte und vor der BRD-Presse verkündete, die innerstädtischen Grenzkontrollen wie auch die in der Fläche seien »ab sofort« bzw. »unverzüglich« einzustellen. In jenen Novembertagen des Jahres 1989 glaubten Zehntausende DDR-Bürger, jetzt einen »dritten Weg« einschlagen zu können. Sie wünschten sich eine irgendwie emanzipatorische Gesellschaft jenseits des als spießbürgerlich und diktatorisch verurteilten und schnell entsorgten Sozialismus des »SED-Regimes« wie auch des BRD-Kapitalismus. Da riefen aber viele auf den Straßen schon nicht mehr »Wir sind das Volk«, sondern »Wir sind ein Volk«. Eine knappe Mehrheit (48 Prozent) wählte bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 ein Regierungsbündnis unter Führung der CDU. Es ließe sich mit »AfD« abkürzen. In der »Allianz für Deutschland« hatten sich die Ost-CDU, der »Demokratische Aufbruch« um »Friedenspfarrer« Rainer Eppelmann und die rechtslastige »Deutsche Soziale Union« (DSU) zusammengetan. Sie waren mit dem Slogan »Freiheit und Wohlstand – Nie wieder Sozialismus« angetreten und versprachen eine schnellstmögliche Fusion mit der alten BRD. Die SPD erhielt 21,9 Prozent, die in »Partei des demokratischen Sozialismus« (PDS) umbenannte SED 16,4 Prozent. Der CDU-Ministerpräsident Lothar de Maizière bildete anschließend eine große Koalition aus den Allianz-Parteien sowie SPD und Liberalen.

Trotz aller Manipulationen durch Medien und Spindoktoren bleibt also: Die DDR-Bürger haben in beispielloser Naivität und Gier nach der Glitzerwelt des Westens mehrheitlich gewählt, was danach mit ihnen geschah und was heute auch in einflussreichen Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Sendern als Kolonisierung bezeichnet werden darf. Der Kabarettist Christian Ehring brachte es in der NDR-Sendung »Extra 3« Anfang Oktober auf den Punkt: Vor den DDR-Bürgern hätten zuletzt die Apachen ihr Land so billig hergegeben. Hergeben hätten sie es allerdings in jedem Fall müssen. Die weltpolitischen Kräfteverhältnisse ließen keine realistische Alternative. Für ein gleichberechtigtes Zusammengehen hat es ebensowenig eine Chance gegeben wie für einen dritten Weg, geschweige denn für einen reformierten DDR-Sozialismus.

Und von den regierenden Konzernen des Westens wie auch von der Verwaltungsnomenklatura war nicht eine Sekunde gewollt, was SPD-Altkanzler Willy Brandt damals behauptete, nämlich, dass nun zusammenwachse, »was zusammengehört«.

Heute hat man sich, freundlich gesagt, wieder auseinandergelebt bzw. man ist nie zusammengekommen. Die ökonomische Trennlinie verläuft bis heute, das zeigen alle relevanten Statistiken zu Altersarmut, Erwerbslosigkeit, Hartz-IV-Bezug etc., zwischen Ost und West. Vielleicht, weil das so ist – und weil man ein wenig erschrocken über die enorme Begeisterung für die AfD im Osten ist, gibt es jetzt in den Hauptmedien ein wenig Balsam für die Seele der nach Artikel 23 des Grundgesetzes Annektierten: Ja, das müsse sich anfühlen, als sei man kolonisiert worden, meinte kürzlich der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Krüger, heute Chef der Bundeszentrale für politische Bildung. Und das ARD-Magazin »Monitor« berichtete Mitte Oktober über die fast ausschließliche Besetzung der Leitungspositionen in Behörden, Gerichten, Stiftungen und Hochschulen mit Westkadern. Die paar Ostdeutschen, die dort sitzen, sind sorgfältig ausgewählt. Eine Chance haben vor allem Leute, die sich als Opfer der »zweiten deutschen Diktatur« zu präsentieren verstehen oder sich zumindest von ihr distanzieren. Im Deutschlandfunk warb die sächsische Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping (SPD), am Donnerstag angesichts dieser eklatanten Marginalisierung um etwas Verständnis für die Eingeborenen der »neuen« Bundesländer. Leute, die »eine Umschulungsmaßnahme nach der anderen« und zahllose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mitgemacht hätten, seien eben frustriert, wenn dann auf ihrem Rentenbescheid »irgendwelche 690 Euro« stünden.

In Berlin wurde derweil erneut der nach abschließender Mitteilung des »Forschungsverbundes SED-Staat« vom 7. Juni dieses Jahres 327 Opfer des »DDR-Grenzregimes« gedacht. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) teilte dabei mit, der 9. November 1989 habe den Weg zu einem »geeinten, demokratischen Deutschland eröffnet«.


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  • Peter Andreas Schöbel: Köpfe und Füße Vieles in dem Artikel ist sicher richtig, aber den Satz teile ich nicht: »Die DDR-Bürger haben in beispielloser Naivität und Gier nach der Glitzerwelt des Westens mehrheitlich gewählt, was danach mit ...

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