Aus: Ausgabe vom 10.11.2017, Seite 1 / Titel

Ignorierte Katastrophe

Vereinte Nationen warnen vor humanitärer Krise im Jemen. Saudi-Arabien blockiert Hilfslieferungen. Große Hungersnot befürchtet

Von Knut Mellenthin
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Menschengemachte Notlage: Eine Frau und ihr achtjähriger Sohn, der an Mangelernährung leidet, in einem Krankenhaus in Hudaida (13.6.2017)

Sprecher der UNO und internationaler Hilfsorganisationen warnen vor einer weiteren Verschärfung der humanitären Lage im Jemen. Saudi-Arabien führt dort seit März 2015 einen Krieg gegen die Ansarollah-Miliz, die weite Teile des Landes kontrolliert. Die Intervention ist mit einer Land-, See- und Luftblockade verbunden. Seit Sonntag lässt das saudische Regime auch keine kontrollierten Hilfslieferungen mehr zu. Der derzeitige Vorsitzende des UN-Sicherheitsrats, Sebastiano Cardi, forderte die Regierung in Riad am Mittwoch auf, diese Blockade sofort aufzuheben.

Der Leiter des UN-Nothilfebüros OCHA im Jemen, George Khoury, prognostizierte am Donnerstag: »Im November können wir die notleidenden Menschen noch versorgen, im Dezember nicht mehr.« Ebenfalls am Donnerstag warnte der Nothilfe-Koordinator der Vereinten Nationen, Mark Lowcock, dass Millionen Menschen sterben könnten, wenn Saudi-Arabien seine totale Blockade fortsetzt. »Es wird die größte Hungersnot sein, die die Welt seit vielen Jahrzehnten gesehen hat.«

Schon jetzt ist die Lage im Land an der Südspitze der arabischen Halbinsel beispiellos schlecht. Die Luftwaffen der Saudis und ihrer Verbündeten haben die Infrastruktur großenteils zerstört: Krankenhäuser, Schulen, Fabriken, Straßen und Brücken.

Nach UN-Angaben sind 20 Millionen Menschen – mehr als zwei Drittel aller Einwohner des Jemen – auf Unterstützung angewiesen. Sieben Millionen könnten ohne Hilfe von außen nicht überleben. Mehr als zwei Millionen Kinder sind unterernährt, darunter 400.000 in lebensbedrohlichem Ausmaß. Fehlender Zugang zu sauberem Trinkwasser, unzureichende sanitäre Anlagen und mangelnde medizinische Versorgung haben zusammen mit der Unterernährung zum Ausbruch einer Cholera-Epidemie geführt, die alle seit 1949 registrierten übertrifft. Über 2.200 Menschen sind bereits gestorben, mehr als 830.000 Verdachtsfälle sind bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet mit einer Million Erkrankter zum Jahresende, darunter 600.000 Kinder.

Der UN-Sicherheitsrat hat durch seine einseitige Parteinahme und durch die Tolerierung der saudischen Militärintervention eine Beendigung des Bürgerkriegs auf dem Verhandlungsweg praktisch unmöglich gemacht. Die reguläre Amtszeit des 2012 unter fragwürdigen Umständen gewählten Präsidenten des Jemen, Abed Rabbo Mansur Hadi, ist seit Februar 2014 abgelaufen. Seither existiert keine legitime Regierung, die der Militärintervention einen Schein von Rechtmäßigkeit verleihen könnte. Hadi lebt in Saudi-Arabien im Exil und war seit Februar dieses Jahres nicht mehr im Jemen. Am Dienstag meldete die Nachrichtenagentur AP, dass Hadi, seine Söhne sowie mehrere seiner Minister und militärischen Führer in Riad unter Hausarrest stünden.

Eine Rückkehr erscheint auch schwer vorstellbar, da Hadis offizieller Regierungssitz Aden, ebenso wie der gesamte Süden des Jemen, sich in der Hand separatistischer Aufständischer befindet, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgebildet, bewaffnet und finanziert werden. AP berichtete am 22. Juni, dass die Emirate im Jemen mehr als ein Dutzend Geheimgefängnisse eingerichtet haben, wo Inhaftierte – angeblich nur Terroristen – gefoltert und unter Beteiligung von US-Dienststellen verhört werden.


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  • Thomas Pelte: Gegen Massaker im Jemen Ich bitte die jW, für eine machtvolle Protestdemonstration noch in diesem Jahr gegen den von den Saudis sowie von den US- und EU-Imperialisten organisierten Völkermord im Jemen (…) zu werben. (…) Wir ...

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