Aus: Ausgabe vom 08.11.2017, Seite 15 / Antifa

»Widerstehen oder mitschuldig sein«

Beim Gedenken an die antisemitisch motivierte Pogromnacht am 9. November in Berlin-Moabit kommen auch Überlebende des Naziterrors zu Wort. Ein Gespräch mit Kurt Hillmann

Von Lothar Bassermann
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Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin am 9. November 2016

Sie sprechen am 9. November in Berlin-Moabit auf der Demonstration im Gedenken an die Pogromnacht vor 79 Jahren. Sie waren damals fünf Jahre alt, als der faschistische Mob jüdische Geschäfte plünderte, Synagogen in Brand setzte und rund 1.300 Jüdinnen und Juden umbrachte. Was verbinden Sie mit diesem Datum?

An die Pogromnacht oder die Tage darum selbst habe ich keine unmittelbaren Erinnerungen. Allerdings weiß ich noch, wie in unserer Berliner Familie darüber gesprochen wurde. Mein Vater, der Kommunist war, sah die Ereignisse als Beginn der Verwirklichung der Pläne Hitlers, wie sie in »Mein Kampf« niedergeschrieben wurden. Besonders schockiert hat uns in der Familie, wie gleichgültig viele Deutsche den Angriffen auf ihre Nachbarn gegenüberstanden. Denn eins ist doch ganz klar: Die Optionen der und des einzelnen waren Widerstehen oder das Unrecht akzeptieren und mitschuldig sein.

Wie hat Ihre Familie, ihre Mutter war eine polnische Jüdin, den Antisemitismus im Nazistaat erlebt?

Ich ging noch bis 1940 auf eine jüdische Schule am Alexanderplatz. Auf dem Weg dorthin kam es regelmäßig zu Angriffen von Mitgliedern der Hitler-Jugend auf mich sowie Mitschülerinnen und Mitschüler. Zudem erlebte ich immer wieder antisemitische Beschimpfungen und Übergriffe, weil meine Mutter auf dem Markt am Traveplatz in Friedrichshain einen Verkaufsstand unterhielt und ich da manchmal mitkam. Ich selbst geriet nicht so sehr ins Fadenkreuz der Nazis, weil mein Vater entschied, dass ich entgegen der Anordnung keinen Judenstern tragen sollte.

Durch eine Listenfälschung konnte verhindert werden, dass Sie deportiert wurden. Berichten Sie bitte davon.

Um meine Deportation zu verhindern, führte mein Vater einen jahrelangen Papierkrieg mit dem Reichsministerium des Innern um meine Einordnung als Jude. Er schickte immer wieder Widersprüche und im Jahr 1944 gab es den endgültigen Bescheid. Demzufolge galt ich als Jude. Ich sollte mich dann eigentlich zu einem Transport nach Österreich für Kinder aus sogenannten Mischehen einfinden. Allerdings gelang es meinem Vater durch Kontakte zu den Behörden, dass ich statt dessen eine Kur in einer Lungenheilstätte im Allgäu bekam. Die begann im Oktober 1944 und dort habe ich dann auch die Befreiung durch französische Soldaten erlebt.

Wie erging es Ihrer Familie, nachdem Sie im Allgäu und nicht mehr in Berlin waren?

Mein Vater überlebte, und wir fanden uns nach meiner Rückkehr in Friedrichshain wieder. Meine Mutter lebte bis Ende November 1944 bei einer Freundin versteckt. Sie war seit Jahren an Tuberkulose erkrankt und wurde nicht behandelt, weil nur jüdische Ärzte Juden behandeln durften. Jüdische Ärzte gab es aber nicht mehr. So mußte meine Mutter sterben, im jüdischen Krankenhaus in Berlin. Die nahen Verwandten von ihr sind im besetzten Polen ausnahmslos umgebracht worden, der Bruder meines Vaters wurde in Sachsenhausen wegen seiner Aktivitäten für die KPD ermordet.

Ihre Familie hat dabei geholfen, Jüdinnen und Juden vor Deportationen zu bewahren.

Meine Mutter und mein Vater waren anscheinend in einem Netzwerk, in dem sich koordiniert wurde, sobald Jüdinnen und Juden zu Hause abgeholt werden sollten. Ich begleitete als Kind zwei von ihnen in Wohnungen, in denen sie sich dann versteckten. Dies war wegen meiner großen Statur und meiner blonden Haare recht unauffällig möglich.

Wie ging es nach dem Krieg für Sie weiter?

Ich lebte in Ostberlin, später in der DDR und ging wieder zur Schule, studierte dann Wirtschaftswissenschaften und war im DDR-Außenhandel tätig. Zur Gründung im Jahr 1948 trat ich auch der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes bei, der heutigen VVN-BdA. Hier bin ich weiterhin in der Pankower Kreisvereinigung aktiv.

Wie bewerten Sie den Rechtsruck, etwa durch die AfD, in der BRD?

Mich macht es wütend. Es ist Ausdruck von Fehlern in der Politik. In der alten BRD gab es eine lange Tradition, die das Fortleben braunen Gedankenguts ermöglichte. Ich will nur ansprechen, wie die alten Nazis in Amt und Würden blieben, eine antisowjetische Stimmung omnipäsent war und wie mit Kriegsverbrechern umgegangen wurde und bis heute wird.

Kurt Hillmann wurde am 11. Februar 1933 in Berlin geboren und ist Überlebender des Holocaust. Er wohnt heute im Stadtteil Pankow

Antifa-Gedenkdemo »Solidarität mit den Opfern des deutschen Antisemitismus und Rassismus«: Donnerstag, 9.11., 17 Uhr, Denkmal Levetzowstraße 7-8 (nahe U-Bahnhof Hansaplatz), Berlin-Moabit. Informationen: 9november.blogsport.eu und pankow.vvn-bda.de

Ein ausführlicheres Interview mit Kurt Hillmann erschien in der 2. Ausgabe der Broschüre »Fragt uns, wir sind die Letzten«, Download unter fragtuns.blogsport.de


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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

»Endlösung« Der Massenmord an den europäischen Juden

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