Aus: Ausgabe vom 07.11.2017, Seite 1 / Titel

Der erste Schritt

100 Jahre Oktoberrevolution

Von Stefan Huth
jW-Illustration nach dem Titelbild John Heartfields für das Buch
jW-Illustration nach dem Titelbild John Heartfields für das Buch von John Reed: »10 Tage, die die Welt erschütterten«

Der Rote Oktober 1917 in Russland war im vollen Wortsinn ein epochales Ereignis. Er beendete das Gemetzel des Ersten Weltkriegs, den Lenin als imperialistischen Krieg analysiert hatte, fegte die bürgerliche Herrschaft hinweg und ergriff mit der Parole »Land, Brot und Frieden« die Massen. »Einfache« Menschen überwanden ihre Unterdrücker und nahmen sich mit einem Mal als Subjekte der Geschichte wahr. In allen gesellschaftlichen Bereichen setzte die Oktoberrevolution enorme produktive Kräfte frei und strahlte auf alle Kontinente aus. Die neue Epoche, die sie einleitete, stand für den Bruch mit dem von inneren Widersprüchen zerrissenen krisenhaften Kapitalismus und dessen Ablösung durch eine neue Gesellschaftsordnung: den Sozialismus als neue Stufe der Menschheitsentwicklung. Sie war »das Signal zum Aufbruch in geschichtliches Neuland« (Hans Heinz Holz).

Die Oktoberrevolution ist keineswegs Stoff nur für die Geschichtsbücher. Als Stachel sitzt sie bis heute tief im Fleisch der Herrschenden. Dass sich dergleichen niemals wiederhole, darauf richten sich unvermindert die Anstrengungen der Apparate und ihrer angeschlossenen Ideologen. Die FAZ (4.11.) charakterisierte die Ereignisse von 1917 ff. gar als »Zivilisationsbruch« und beschwor mit Blick auf die sozialist­ische Gesellschaftsordnung die »im Erbgut liegend(e) Bösartigkeit des Systems«. Furor waltet auch sonst in der politischen Debatte, wenn es gegen die Linke geht. Der entscheidende Auslöser für diesen Erregungszustand bürgerlicher Gemüter ist nunmehr hundert Jahre alt.

Folgerichtig soll von den zivilisatorischen Leistungen jener welthist­orischen Umwälzung, die auch dem Westen soziale Konzessionen abnötigte, keine Rede mehr sein – von der sozialen Absicherung bis zur Gleichstellung der Geschlechter, von der Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs bis zur Niederringung des faschistischen Aggressors in einem mit mindestens 27 Millionen Toten allein in der Sowjetunion unfassbar verlustreichen Krieg.

Seit 1989/91 werden die Uhren wieder zurückgedreht, gibt es Rückschläge von einer Wucht, die die Jahre der Restauration nach dem Wiener Kongress 1815 in mildem Licht erscheinen lassen: Der Imperialismus befindet sich in einer tiefen Krise und überzieht immer mehr Länder mit Vernichtung und Tod. Nun richtet er seine Waffen gegen China, die einzige noch von einer Kommunistischen Partei geführte Großmacht. Acht Milliardäre besitzen einer Oxfam-Studie vom Januar zufolge genausoviel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Obdachlosigkeit und Hunger grassieren selbst in den reichen Metropolen, faschistische Bewegungen gedeihen allerorten. Organisierte Gegenwehr existiert kaum. Der Linken in Europa droht eine Rückkehr zum Zirkelwesen.

Keines der mit dem Imperialismus verbundenen Menschheitsprobleme, die 1917 in Russland zum Umsturz führten, ist seither verschwunden. Die Kanonensalve des Panzerkreuzers »Aurora«, die die Oktoberrevolution und mit ihr eine neue Epoche einleitete, hallt bis heute nach. Im kollektiven Bewusstsein der Menschheit mahnt sie den nächsten historischen Schritt an.

Ein Kanonenschuss vom Panzerkreuzer »Aurora« gab das Signal: Am 7. November 1917 (25. Oktober nach dem Julianischen Kalender) stürmten Rotgardisten das Winterpalais in Petrograd und verhafteten die Provisorische Regierung. Die Staatsmacht ging in die Hände der Bolschewiki über, die Große Sozialistische Oktoberrevolution leitete eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte ein.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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