Aus: Ausgabe vom 07.11.2017, Seite 6 / Ausland

Kriegsgeschrei aus Riad

Die Saudis kündigen Militärschläge gegen Iran »zum passenden Zeitpunkt und in geeigneter Weise« an

Von Knut Mellenthin
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Saudi-Arabien hat Iran am Montag mit Militärschlägen gedroht. Unmittelbarer Anlass der verbalen Eskalation ist ein Vorfall am Sonnabend: Vom Jemen aus war eine Mittelstreckenrakete in Richtung Riad abgefeuert worden. Die saudische Luftabwehr zerstörte den Flugkörper mit Hilfe des von den USA gelieferten »Patriot«-Systems, bevor er sein Ziel erreichte. Als verantwortlich für den Angriff erklärte sich die schiitische Organisation Ansarollah, die von ihren Gegnern meist als »Huthis« bezeichnet wird.

Die Saudis und einige ihrer Verbündeten, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, beteiligen sich seit März 2015 hauptsächlich mit Luftangriffen am Bürgerkrieg im Jemen. Durch die planmäßige Zerstörung der Infrastruktur und durch eine Land-, See- und Luftblockade haben sie eine schwere Hungersnot ausgelöst, von der mehrere Millionen Menschen betroffen sind. Die Cholera und andere Krankheiten breiten sich aus. Die Zahl der getöteten Zivilisten wird, eher vorsichtig, auf 12.000 geschätzt.

Die von den Saudis angeführte Kriegskoalition wirft dem Iran vor, die Streitkräfte der Ansarollah mit Waffen zu versorgen. Iranische Politiker und Militärs weisen die Anschuldigungen zurück. In einer Erklärung, die das »Kommando der Koalition zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit im Jemen« am Montag veröffentlichte, wird Iran auch für den Raketenzwischenfall vom Sonnabend verantwortlich gemacht. »Die Huthis« stünden »unter iranischem Kommando«; die Rakete sei vom Iran aus »eingeschmuggelt« worden. Es handele sich um »einen eklatanten Akt militärischer Aggression seitens des iranischen Regimes«, der möglicherweise sogar als »Kriegsakt gegen das Königreich Saudi-Arabien« zu betrachten sei. Dieses behalte sich »sein Recht« vor, »dem Iran darauf zum passenden Zeitpunkt und in geeigneter Weise zu antworten«.

Indessen deuten die Anzeichen darauf hin, dass die von Ansarollah abgefeuerte Rakete tatsächlich aus eigener Produktion stammt, wie die Organisation behauptet. Dafür spricht unter anderem, dass die Ansarollah diesen Waffentyp, der als »Borkan H-2« bezeichnet wird, zuvor erst ein Mal, am 22. Juli dieses Jahres, eingesetzt hatten. Die Rakete soll eine Reichweite von 1.400 Kilometer haben und 80 Prozent des saudiarabischen Territoriums erreichen können.

In der Erklärung des »Kommandos der Koalition« wird neben den Drohungen gegen Iran angekündigt, die Blockade gegen den Jemen noch strikter durchzusetzen. Ab sofort würden »vorübergehend« alle jemenitischen See- und Lufthäfen »geschlossen«. Offenbar sollen die von den Saudis kontrollierten humanitären Lieferungen unterbrochen werden.

Ebenfalls am Montag veröffentlichten die Saudis eine Liste mit den Namen von 40 tatsächlichen oder angeblichen Führern und Mitgliedern der Ansarollah. Sie werden dort als »Terrorunterstützer« bezeichnet. Im einzelnen jeweils genannte Belohnungen sind für Hinweise ausgesetzt, die zur Verhaftung oder Lokalisierung dieser Personen führen. Die Summe der Kopfgelder liegt bei 440 Millionen US-Dollar.

Wenige Stunden nach dem Raketenzwischenfall flog die saudisch geführte Kriegskoalition am Sonntag zahlreiche »Vergeltungsangriffe« gegen die jemenitische Hauptstadt Sanaa und andere Ziele in der gleichnamigen Provinz. Die Ansarollah-Miliz kündigte am Montag an, ihre militärischen Operationen gegen Stützpunkte der Koalition im Jemen, an der Grenze zu Saudi-Arabien und »tief im Inneren« des Königreichs zu verstärken. Auch Abu Dhabi und andere Orte in den Vereinigten Emiraten würden als »legitime Ziele« betrachtet.

Für den Iran bezeichneten Verteidigungsminister Amir Hatami und der Oberkommandierende der Revolutionsgarden, Mohammed Ali Dschafari, die saudischen Anschuldigungen erneut als »substanzlos«. Eine ausdrückliche Reaktion auf die Kriegsdrohungen aus Riad erfolgte zunächst nicht.

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