Aus: Ausgabe vom 07.11.2017, Seite 5 / Inland

Betreutes Ein-Euro-Jobben

Neues Programm in Sachsen-Anhalt: Magdeburg will Langzeiterwerbslose mit Hilfe von »Intensivbetreuern« in Arbeitsmarkt integrieren

Von Susan Bonath
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Räumkommando in Leipzig: Wenn der Winter kommt, gibt es viel zu tun. Besonders für Ein-Euro-Jobber

Wenn die Politik von Integration spricht, meint sie selten gesellschaftliche Teilhabe. Es geht gewöhnlich darum, Erwerbslose in den Arbeitsmarkt einzugliedern, ganz egal, zu welchem Preis. Die Grundannahme, Betroffene seien träge und ungebildet, müssten zum Schaffen animiert werden, liegt offenbar auch einem neuen Programm in Sachsen-Anhalt zugrunde. Es trägt den Titel »Stabilisierung und Teilhabe am Arbeitsleben«. Seit Montag stehen damit Plätze für 2.000 Langzeiterwerbslose aus der Landeshauptstadt Magdeburg zur Verfügung, wie der MDR Sachsen-Anhalt berichtete. Das erklärte Ziel dahinter: Betroffene über 35 Jahre sollen »Hemmnisse abbauen« und zur Aufnahme einer Beschäftigung »motiviert« werden.

Drei Jahre prekär

Um regulär entlohnte Arbeitsplätze geht es dabei nicht. Das Programm, das die Landesregierung initiiert und gestartet hat, ist vielmehr eine Neuauflage der Ein-Euro-Jobs in geballter Form. »Die Arbeitsverhältnisse sollen den Teilnehmern eine Perspektive von drei Jahren Beschäftigung geben«, hatte die Ministerin für Arbeit, Soziales und Integration, Petra Grimm-Benne (SPD), bei der ersten Vorstellung des Vorhabens im September gesagt.

Bisher konnten Ein-Euro-Jobs für ein halbes Jahr und mehrfach verlängert werden. 2016 setzte die frühere Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) die maximal zulässige Zeitspanne von zwei auf drei Jahre innerhalb von fünf Jahren herauf. Bei diesen Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung erhalten Teilnehmer weiterhin ihre Grundsicherung. Pro tatsächlich geleisteter Arbeitsstunde gibt es einen Obolus. Im Raum Magdeburg liegt dieser bei 1,50 Euro. Nehmen Ein-Euro-Jobber die ihnen zustehenden zwei Tage Urlaub pro Monat in Anspruch oder werden krank, wird auch kein Mehraufwand entschädigt. In Sachsen-Anhalt könne die gezahlte Summe nun auch bis zu 240 Euro betragen, wenn der Aufwand für Anfahrt, Arbeitskleidung oder ähnliches höher sei, heißt es in den Richtlinien für das neue Programm. Der Projektträger bekommt darüber hinaus pro Teilnehmer und Monat bis zu 250 Euro, um die Betroffenen zu betreuen.

Intensiv gecoacht?

In den vergangenen Jahren kritisierten Fachleute wie Gewerkschafter die Ein-Euro-Jobs als wenig sinnvoll. Es gelinge nur selten, die Menschen mit Hilfe eines solchen in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Diesmal will das Land an der Mittelelbe wohl Nägel mit Köpfen machen: Damit die Betroffenen auch »fit für den Arbeitsmarkt« werden, bekommen sie »Intensivbetreuer« an die Seite, wie das Ministerium in seinem Programm ausführt.

Diese sollen die Erwerbslosen nicht nur beim Ein-Euro-Job coachen, sondern Lösungsstrategien für eventuelle private Probleme entwickeln, etwa im Falle von Schulden, Drogenkonsum oder bei der Kindererziehung. Die Intensivbetreuer sollen »am Profiling des Jobcenters mitwirken«, mindestens einmal jährlich bei ihren Klienten eine »Potentialmessung« vornehmen, sie »kontinuierlich beobachten« und nach gelungener Maßnahme bei der Suche nach geeigneten Jobs helfen. Diese sollen Jobcenter zunächst bezuschussen, heißt, einen Teil des Lohnes übernehmen. Die »Intensivbetreuung« könne auch dann fortgesetzt werden, erklärt das Ministerium. Regelmäßig sollen die Betreuer gemeinsam mit der Hartz-IV-Behörde und dem Klienten »Ziele der Integration« vereinbaren.

Laut Arbeitsagentur sind in Sachsen-Anhalt aktuell rund 360.000 Menschen auf Hartz IV angewiesen. Das sind mehr als elf Prozent der Gesamtbevölkerung des Bundeslandes. Etwa 35.000 davon zählt die Behörde als langzeitarbeitslos, in Magdeburg soll es etwa 3.600 Menschen betreffen. Im Bundesland sollen insgesamt 30 Millionen Euro aus der öffentlichen Kasse in das Programm fließen. In einigen Landkreisen läuft es bereits.

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Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Sandra Borchardt: Schwer erziehbar Eine einzige Entrechtung von Menschen. Poolauffüllung für die Hartz-IV-Industrie. Reine Statistikbereinigung, nichts anderes. (…) Wem nützt dieses Arbeitsmarktprogramm? Den Erwerbslosen mit Sicherheit...

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