Aus: Ausgabe vom 07.11.2017, Seite 12 / Thema

Sprung ins Ungewisse

Vor hundert Jahren eroberten die Bolschewiki in Russland die politische Macht. Entgegen ihren Erwartungen blieben sie mit der Oktoberrevolution auf dem ­europäischen Kontinent allein

Von Reinhard Lauterbach
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Günstige Situation: Die alte Herrschaft war abgesetzt, die neue, bourgeoise, hatte ihren Repressionsapparat noch nicht errichten können und Soldaten und Matrosen – Arbeiter und Bauern – waren kriegsmüde und gaben die russische Armee dem Zerfall preis (Wladimir Koslinksi: Matrose. 1919. Linolschnitt)

Im Spätwinter 1917 – in Russland war es noch Februar, in Europa wegen des gregorianischen Kalenders schon März – war das russische Zarenreich innerhalb weniger Tage zusammengebrochen. Angestoßen durch Demonstrationen für »Mehr Brot für die Soldatenfrauen« hatten sich innerhalb von Tagen Massenstreiks entwickelt, die die trotz aller Repression erhalten gebliebenen Organisationskerne der verschiedenen sozialistischen Parteien Russlands in ihrer Intensität überraschten.

Sie waren nicht »spontan« in dem Sinne, dass sie urplötzlich aus dem Nichts »ausgebrochen« wären. Streiks vor allem gegen die schlechte Versorgungslage waren schon seit 1915 immer häufiger geworden. So registrierten die Behörden für die Monate September und Oktober 1914 für St. Petersburg, das bei Kriegsbeginn in das altkirchenslawisch klingende »Petrograd« umbenannt worden war, 2.400 Streikende, für die entsprechenden Monate des Jahres 1915 dann 115.000 und im Herbst 1916 schon 217.500. In den sieben Wochen zwischen Neujahr 1917 und dem Beginn der »Februarrevolution« gingen in Petrograd bereits 320.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in den Ausstand.1 Allein am 24. Februar, dem zweiten Tag der Proteste, verließen sogar 240.000 Petersburger Beschäftigte die Fabriken. Generell ist der hohe Anteil von Frauen an den Aktionen bemerkenswert. Er erklärt sich vermutlich aus dem ursprünglich auf die schlechte Versorgung bezogenen Anlass der Demonstrationen. Am 25. Februar traten neben die Forderungen nach Brot die nach Beendigung des Krieges und die nach Abdankung des Zaren. Lokale Arbeitsniederlegungen weiteten sich zum Generalstreik in ganz Petrograd aus. Der Protest wurde zum Aufstand.

Versuche des Regimes, das Militär gegen die Streikenden zu schicken, scheiterten. Kosakentruppen weigerten sich, gegen die protestierenden Frauen vorzugehen. Die Entscheidung der Militärführung, Ausbildungseinheiten von Garde­regimentern gegen die Aufständischen in Marsch zu setzen, führte zwar am 25. Februar noch zu einem Massaker mit 150 Toten auf Seiten der Demonstranten, aber auch dazu, dass immer mehr Kasernen empört über das Blutbad der Führung den Gehorsam aufkündigten. Und am 27. Februar solidarisierte sich genau das Garderegiment, das zwei Tage zuvor auf die Demonstranten geschossen hatte, samt seinen Offizieren mit den Streikenden. Damit war die Herrschaft des Ancien Régime ausgerechnet in seiner Hauptstadt eingestürzt. Die Zahl der meuternden Soldaten, die am Morgen des Tages bei etwa 10.000 gelegen hatte, war bis zum Abend auf 67.000 gestiegen und einen weiteren Tag später auf 127.000.

Die Doppelherrschaft

Erst jetzt wurde auch das bürgerliche Russland mutig. Eine Order des Zaren, im bekannten Stil der letzten zehn Jahre ein weiteres Mal das Parlament aufzulösen, wurde am 27. Februar vom Duma-Präsidium ignoriert. Als der russische Kaiser aus seinem Hauptquartier im frontnahen Mogilew in Weißrussland nach Petrograd zurückkehren wollte, um die Niederschlagung der Revolution persönlich zu beaufsichtigen, scheiterte das daran, dass streikende Eisenbahner seinen Zug blockierten. Er kam gerade noch bis ins Hauptquartier der Nordfront nach Pskow, wo ihm die Armeeführung eröffnete, dass auf die bewaffnete Niederschlagung des Aufstandes nicht mehr zu rechnen sei. Nikolais Abdankung zugunsten seines Bruders blieb Episode. Die Monarchie der Romanows endete sang- und klanglos, weil nicht einmal ihr eigenes Militär sie noch verteidigen wollte.

Doch die Revolution hatte zunächst nur in Gestalt des Zaren den Kopf des autokratischen Russlands abgesprengt. Wer das Land künftig leiten sollte, war damit nicht entschieden und wurde in den darauffolgenden acht Monaten Gegenstand schärfster politischer Kämpfe. Auf der einen Seite standen Räte der Arbeiter und Soldaten, die sich nach dem Februaraufstand in den wichtigsten Städten spontan gebidet hatten, auf der anderen die Provisorische Regierung. Dies gesagt, ist gleichzeitig Vorsicht geboten: die Polarisierung stimmt zwar objektiv, ist aber eine Betrachtung ex post. Die politischen Zielsetzungen der Räte waren – über den Wunsch nach dem Sturz der Autokratie und nach Frieden hinaus – uneinheitlich, und die Zusammensetzung der Gremien änderte sich im Laufe des Jahres mehrmals. So war die Oktoberrevolution organisatorisch vom Petrograder Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten vorbereitet worden, während die Zentralexekutive der Räte bis nach der Revolution von den Menschewiki dominiert war. Die Stärkung der Bolschewiki in Teilen der Räte ab dem Sommer konnte im Frühjahr 1917 niemand voraussehen. Die Provisorische Regierung allerdings sah mit dem Ende der Autokratie das gewünschte Maß an Veränderung erreicht. Sie stellte sich die Aufgabe, die laufenden Geschäfte des kapitalistischen und kriegführenden Russlands weiterzuführen. Über die künftige Staatsform und Verfassung des Landes sollte eine später einzuberufende konstituierende Versammlung entscheiden, jene Konstituante, die – wir greifen vor – einige Wochen nach dem Oktober zusammentrat und die ein Rotgardist nach stundenlangen ermüdenden Geschäftsordnungsdebatten um vier Uhr morgens in einer Januarnacht 1918 mit dem Argument in die Hotels geschickt haben soll: »Genossen, die Garde ist müde«. Am nächsten Tag wurde einfach der Versammlungssaal nicht mehr geöffnet. Für dieses Nebeneinander zweier konkurrierender Machtzentren 1917 hat sich die Bezeichnung »Doppelherrschaft« eingebürgert.

Die Provisorische Regierung hatte dabei in der Konkurrenz mit den Räten politisch einen großen Nachteil: Sie beanspruchte ja, die Rechtsnachfolge des Zarenreiches anzutreten und sah sich insofern verpflichtet, nicht nur den für Russland katastrophal verlaufenden Krieg an der Seite von Großbritannien, Frankreich und – ab dem 6. April 1917 – den USA fortzusetzen, sondern auch die Auslandsschulden Russlands weiter zu bedienen. In der Landfrage, dem entscheidenden innenpolitischen Konfliktthema, war die Provisorische Regierung aufgrund ihrer eigenen sozialen Grundlage, der besitzenden Klassen des alten Russlands, gezwungen, das Privateigentum an Produktionsmitteln zu schützen. Damit verteidigte sie aber nicht nur das Eigentum der klein- bis großkapitalistischen Unternehmer, sondern auch das der bei den Bauern verhassten Großgrundbesitzer. Hierin wurzelte ihre objektive Unfähigkeit, den für das damalige Russland zentralen Sozialkonflikt durch eine Bodenreform aus der Welt zu schaffen. Für die radikale Opposition, darunter die Bolschewiki, war das eine politische Steilvorlage.

Strategiewechsel

Die Bolschewiki waren – ebenso wie ihre »feindlichen Brüder«, die sozialdemokratischen Menschewiki – durch die Ereignisse völlig überrascht worden. Die meisten Parteiführer waren im Gefängnis oder im Exil und kamen erst im Laufe des Frühjahrs von dort zurück, Lenin Anfang April nach einer mit den deutschen Behörden abgesprochenen Reise im »plombierten Waggon« aus der Schweiz (tatsächlich war er nicht plombiert, sondern ein Kreidestrich auf dem Fußboden des Seitengangs eines D-Zug-Wagens 2. Klasse trennte den »exterritorialen« und den gewöhnlichen Teil des Waggons voneinander ab). Trotzki brauchte aus den USA noch länger, um wieder nach Russland zu kommen.

Die Petrograder Parteiorganisation der Bolschewiki hatte unmittelbar vor dem Aufstand noch von diesem abgeraten und auf eine allmähliche Stärkung der Reihen der Partei orientiert. Nach dem ersten Zusammenstoß mit dem bewaffneten Militär hatte sie, ähnlich wie die örtlichen Menschewiki, für einen Rückzug plädiert, um unnötige Opfer zu vermeiden. Mit seiner Zurückhaltung bewegte sich das Petrograder Stadtkomitee der Partei praktisch im Rahmen konventioneller politischer Klugheit und theoretisch in dem des klassischen Marxismus, wie er in der Zeit der II. Internationale gelehrt wurde. Dieser ging davon aus, dass vor dem Sozialismus der Kapitalismus zu kommen habe, der seinen Überwindern insbesondere die Entwicklung der materiellen Produktion auf »Weltniveau« quasi als Morgengabe einbringen solle.

Die strategisch-programmatische Revolution, die der gerade erst aus dem Exil heimgekehrte Lenin am 4. April 1917 (nach julianischem Kalender) seinen nach allen Zeugenaussagen davon völlig überraschten Genossen und einen Tag später nochmals auf einer gemeinsamen Versammlung von Bolschewiki und Menschewiki verkündete, bestand darin, dieses Schema zwar nicht zu zertrümmern, aber zu ignorieren. Die bürgerliche Revolution der späten Februartage, so argumentierte Lenin, habe nur deshalb siegen können, weil der Petrograder Generalstreik die Autokratie gelähmt habe. Anders gesagt: Die russische Bourgeoisie habe sich selbst in der Situation der letzten Februartage als unfähig erwiesen, auch nur ihr eigenes historisches Programm – die Verwandlung Russlands in eine Republik – aus eigener Kraft durchzusetzen. Von sich aus könne die Provisorische Regierung dem Volk weder Frieden noch Land oder Brot bieten, weil ihr Überleben angesichts des begrenzten sozialen Rückhalts der russischen Bourgeoisie auf Gedeih oder Verderb an einer Allianz mit den Kräften der gestürzten Autokratie hänge. Es sei daher Aufgabe des Proletariats, selbst und gegen die Bourgeoisie Ziele zu verwirklichen, die eigentlich ins Programm einer bürgerlichen Revolution gehörten – und dadurch gleichzeitig über diese hinauszugehen, weil für diesen nächsten Schritt ohnehin die Bewaffnung des Proletariats und die Stärkung der Räte erforderlich sei. Es war ein kühner Gedanke: aus der doppelt negativen Bestimmung der revolutionären Situation »die oben können nicht mehr, und die unten wollen nicht mehr« ein positives Programm zu entwickeln.

Pragmatismus

In seinem unter dem Namen »Aprilthesen« bekanntgewordenen Text argumentierte Lenin einerseits mit weitgehenden Überlegungen zum objektiven Charakter der Situation in Russland, so wie er die Lage sah: Man stehe am »Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der mangelhaften Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss«2. Mit Verlaub: Wenn das proletarische Klassenbewusstsein bisher unzulänglich war, stellt sich die Frage, woher Lenin die Gewissheit für die Formulierung »muss« im zweiten Halbsatz hatte. Hier unterschob er eine Notwendigkeit, die so nicht bestand, um den Wagemut seiner praktischen Schlussfolgerung als in objektiven Tendenzen wurzelnd zu rechtfertigen und sich gegen den – im übrigen tatsächlich in der Partei erhobenen – Vorwurf des Voluntarismus zu wappnen. Lenin argumentierte mit ausschließlich taktischen Einschätzungen: Der aktuelle Übergang sei gekennzeichnet durch »einerseits (…) ein Höchstmaß an Legalität (Russland ist zur Zeit von allen kriegführenden Ländern das freieste Land der Welt)« – was denn jetzt: der Welt oder der Kriegführenden? – »andererseits dadurch, dass gegen die Massen keine Gewalt angewandt wird«3. Man könnte auch sagen: Lenin erkannte die praktische Gelegenheit, dass die dank einer Arbeiterrevolte an die Macht gelangte Bourgeoisie noch keine Zeit gefunden hatte, ihren eigenen Repressionsapparat zu schaffen, während der des alten Regimes desorganisiert war. Bürgerlich nennt man das ein Machtvakuum. Und diese praktische Gelegenheit zur Revolution erhob Lenin zum Charakterzug der Lage. Viel Theorie ist da nicht dran, aber als praktische Feststellung war es genial. Die größte soziale Umwälzung des 20. Jahrhunderts4 wurde im Kern vollkommen pragmatisch begründet: Wir haben die mit hoher Wahrscheinlichkeit historisch einmalige Chance – also versuchen wir es.

Genial war das deshalb, weil Lenin den Bolschewiki damit die Gelegenheit eröffnete, die oben beschriebenen objektiven Schranken der Handlungsmöglichkeit der Provisorischen Regierung schonungslos auszunutzen und einem maximal ausgedehnten Adressatenkreis (»alle armen Schichten der Bevölkerung, d. h. (…) neun Zehntel der Bevölkerung«5 – das war mehr Wunschdenken als Klassenanalyse) in einer Art und Weise, die man heute populistisch nennen würde, alles zu versprechen, was die Zuhörer erwarteten: den Bauern Land, den Soldaten Frieden, den Arbeitern ein Ende der Ausbeutung. Die Bolschewiki stützten sich in starkem Maße auf einen »Schützengrabenbolschewismus«6: eine Stimmung der Soldatenmassen, die sich darin erschöpfte, nach Hause zu wollen und diejenigen zu unterstützen, die das am eindeutigsten versprachen. Die Beantwortung aller Fragen, die diese Parolen konzeptionell und praktisch implizierten, wurde auf später verschoben. Lenin hielt sich 1917 nicht an die bis zu seiner Zeit entwickelte marxistische Theorie, sondern an die napoleonische Devise »Erst engagiert man sich, und dann sieht man weiter«.

Ernüchterung

Das war politisch naheliegend, blieb aber nicht ohne Folgen. Die Fragen, die Lenin im Frühjahr 1917 ausklammerte, stellten sich schneller, als es den Bolschewiki lieb sein konnte. Denn was die von der Front heimkehrenden und so die zaristische Armee dem Zerfall preisgebenden Bauernsoldaten in ihren Dörfern anstellten, war im Grunde die Durchführung der in den Jahren vor dem Krieg vom zaristischen Ministerpräsidenten Pjotr Stolypin in die Wege geleiteten bürgerlichen Agrarreform im Eiltempo und – anders als es dieser vorgesehen hatte – als Revolution ohne die geringste Rücksicht auf vorgefundene Eigentumsverhältnisse. Jeder nahm sich auf Kosten der in die Städte oder ins Ausland geflohenen Gutsbesitzer so viel Land, wie er bearbeiten konnte und ging mit dem Ertrag der eigenen Arbeit um, wie es ein Privateigentümer eben tut: ihn dem Bedürftigen notfalls auch vorenthalten, wenn dem die Kaufkraft fehlt. Man weiß, welche Schwierigkeiten die Bolschewiki schon im Bürgerkrieg mit dem Eigensinn – hinter dem sich das Interesse einer frischgebackenen Klasse zeigte – der russischen Parzellenbauern bekamen, welchen Widerstand diese der Kollektivierung entgegensetzten, an der sie als Eigentümer nur die gegen ihr kaum errungenes Hab und Gut gerichtete Seite wahrnahmen. Es ist nicht erstaunlich, dass sich die Bolschewiki in späteren Jahren nur noch auf die »Dorfarmut« beriefen, also diejenigen Bauern, die bei der spontanen, regellosen und vom Zufall abhängigen Umverteilung des Landes nicht genug davon abbekommen hatten, um sich auf ihm als Privateigentümer zu ernähren – was ihnen auf dem Dorf den Ruf einbrachte, die »Partei der Säufer« zu sein.

In der Frage des Friedens kam die Ernüchterung noch schneller. Schon Wochen nach dem Sieg der Oktoberrevolution kam es zu schweren Auseinandersetzungen innerhalb der Partei, ob man sich den Bedingungen des Raubfriedens von Brest-Litowsk unterwerfen solle, die der deutsche Imperialismus seinem besiegten russischen Gegner aufzwang. Im Innern erwies sich die im April 1917 von Lenin konstatierte Schwäche des Klassengegners schon bald als eine vorübergehende. Das Fenster der Gelegenheit begann sich schon im zweiten Halbjahr 1917 angesichts wachsender Repressionen gegen die Sowjets und die Bolschewiki wieder zu schließen. Kräfte des alten Regimes zogen militärisch sowohl gegen die Räte als auch gegen die Provisorische Regierung zu Felde, und wieder zeigte sich die Richtigkeit von Lenins Analyse aus dem Frühjahr: Die Provisorische Regierung hatte aus sich heraus nicht die Kraft, der Restauration des alten Regimes Widerstand entgegenzusetzen. Also neigte sie, je gefährlicher ihr die Rätebewegung wurde, um so stärker zu einer Allianz mit den kaum geschlagenen Kräften der Reaktion. Das Machtvakuum des Frühjahrs begann sich im zweiten Halbjahr 1917 zu füllen. Die spontane Revolution des Februars stand vor dem Scheitern, es drohte das Schicksal der Pariser Kommune: durch eine Allianz von Bourgeois und Gutsbesitzer niederkartätscht zu werden. Sollten die russischen Sozialisten dieser Bedrohung widerstandslos zusehen – einer Bedrohung die weder von ihrem radikalen noch von ihrem gemäßigten Flügel viel übriggelassen hätte?

Eine Bourgeoisie, die sich als unfähig gezeigt hatte, ihre eigene Revolution zu machen, und der die politische Seite ihres Programms als Nebenprodukt eines proletarischen Aufstands in den Schoß gefallen war, hätte sich zur Restauration ihres ökonomischen Einflusses auf die Kräfte des alten Regimes stützen müssen. Was bürgerliche Historiker heute nostalgisch die acht freiesten Monate in der Geschichte Russlands nennen, war nicht das Ergebnis des absichtsvollen Tuns der Provisorischen Regierung, sondern das Resultat ihrer Handlungsunfähigkeit.

Wettlauf gegen die Zeit

Wie John Reed in seinem Zeitzeugenbericht »Zehn Tage, die die Welt erschütterten« eindrucksvoll schilderte7, kämpften die Bolschewiki im Herbst 1917 in einem Wettlauf gegen die Zeit. Der Oktoberumsturz erfolgte sozusagen in letzter Minute. Unmittelbar danach begann ein jahrelanger blutiger Bürgerkrieg, den nicht die Bolschewiki gesucht hatten, sondern den die Kräfte der Reaktion begannen, die sich mit dem Verlust der Macht nicht abfanden. Und was wurde in dieser Situation aus der Frage des Sozialismus? Lenin plädierte schon im Sommer 1918 auf Vertagung, schließlich sei »der Staatskapitalismus ein Schritt vorwärts (…) gegenüber der jetzigen Lage der Dinge in unserer Sowjetrepublik.«8

Lenin und die Bolschewiki haben 1917 etwas gewagt, was vor ihnen noch nie jemand getan hatte. »Nicht Russlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der historischen Aufgaben hat der Verlauf des Krieges und der Russischen Revolution erwiesen,« hat Rosa Luxemburg 1918 geschrieben.9 Der Satz ist idealistisch formuliert, aber er enthält eine historische Wahrheit: Die Bolschewiki wagten die Revolution in Russland in der Hoffnung, dass dies nur eine Phasenverschiebung gegenüber der in wenigen Monaten oder Jahren erwarteten Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern sein würde. Diese Hoffnung hat getrogen.

Was später aus der Sowjetunion wurde, war auch eine Folge davon, dass dieser notwendige zweite Schritt, das Nachholen einer eigentlich einkalkulierten Voraussetzung, ausgeblieben ist und der »Sozialismus in einem einzelnen Land« unter Voraussetzungen aufgebaut werden musste, von deren Unzulänglichkeit Lenin ausweislich seiner Spätschriften überzeugt war. Es blieb Stalin vorbehalten – darin war dieser ähnlich pragmatisch wie Lenin 1917 – zu dekretieren, dass es eben gehen müsse. Ob das, was herauskam, der Sozialismus war, den sich die Bolschewiki oder die anderen Revolutionäre des Jahres 1917 vorgestellt hatten, darüber kann man lange spekulieren, was müßig wäre. Aber eines erscheint sicher: dass die Oktoberrevolution ein historischer Solitär war.

Leo Trotzki hat die Spezifik der Russischen Revolution so beschrieben: »Wäre das Agrarproblem, als Erbe der Barbarei der alten russischen Geschichte, von der Bourgeoisie gelöst worden, (…) das russische Proletariat hätte im Jahre 1917 keinesfalls an die Macht gelangen können. Um den Sowjetstaat zu verwirklichen, war die Annäherung und gegenseitige Durchdringung zweier Faktoren von ganz unterschiedlicher historischer Natur notwendig: des Bauernkrieges, das heißt einer Bewegung, die für die Morgenröte der bürgerlichen Entwicklung charakteristisch ist, und des proletarischen Aufstandes, das heißt einer Bewegung, die den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet.«10

Unterscheiden lernen

Es ist schwer vorstellbar, dass ähnliche soziale und politische Rahmenbedingungen, wie sie 1917 in Russland bestanden, noch einmal eintreten werden. Deshalb sind die Oktoberrevolution und ihre Folgen weder ein Vorbild zur Nachahmung noch ein Argument zur Abschreckung künftiger Sozialisten. Mit dieser Einsicht gewinnt man die Freiheit, Lenin und den Leninismus als zeit- und kontextgebundenes Phänomen zu erkennen. Von der Sowjetunion lernen heißt unterscheiden lernen. Zwischen der heroischen Erzählung der »Zehn Tage, die die Welt erschütterten«, die die subjektive Seite durchaus zutreffend wiedergeben mag, und der Tatsache, dass die Bolschewiki einerseits Bedingungen ausnutzten, die nicht wiederholbar sind, und dass auch sie andererseits ihre Geschichte »nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen« machten11: gegen eine Welt von Feinden und mit Russlands Rückständigkeit im Gepäck. Andersherum gesagt: Derselbe Faktor, der den Bolschewiki den Sieg in der Revolution erleichterte, erschwerte ihnen anschließend die Gestaltung der neuen Gesellschaft, die ohnehin eine Pionieraufgabe war. Das ist die Dialektik der Oktoberrevolution und ihrer begünstigenden Altlasten.

Anmerkungen:

1 Diese und die folgenden Zahlen nach: Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution, München 2013, S. 1.069

2 Wladimir I. Lenin: Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution. In: ders.: Werke, Bd. 24, Berlin 1959, S. 1–8; hier: S. 4

3 Ebd.

4 Die chinesische Revolution von 1949 ist historisch und logisch eine Folgeerscheinung der Oktoberrevolution, auch wenn sie mehr Menschen betraf.

5 Lenin: Briefe aus der Ferne, Werke, Bd. 23, Berlin 1975, S. 319

6 Der Begriff stammt von dem Historiker Allan K. Wildman (»The End of the Russian Imperial Army. The Old Army and the Soldiers' Revolt (March–April, 1917), 2 Bde., Princeton 1980).

7 John Reed: Zehn Tage, die die Welt erschütterten, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 42 ff.

8 Lenin: Über »linke« Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit. Werke, Bd. 27, Berlin 1960, S. 327

9 Rosa Luxemburg: Zur Russischen Revolution, Teil I. In: dies.: Politische Schriften, Bd. 3, Frankfurt am Main 1968, S. 106–141; hier: S. 107

10 Leo Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution, Bd. I: Februarrevolution, Frankfurt am Main 1973, S. 53

11 Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 8, S. 115

Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. Oktober 2017 über Wladimir Putin.


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