Aus: Ausgabe vom 06.11.2017, Seite 4 / Inland

Rechter Bedrohung getrotzt

Antifakongress im Münchener DGB-Haus: Rund 600 Menschen besuchten die Tagung. Draußen hetzte ein AfD- und Pegida-Mob, geschützt von der Polizei

Von Sebastian Lipp, München
Der Kongress in München diente auch der überregionalen Vernetzun
Der gut besuchte Kongress in München diente der überregionalen Vernetzung von Antifaschisten verschiedenster Herkunft und der Selbstverständigung über Aktionsformen

Für die Veranstalter war die Tagung ein Erfolg – gerade vor dem Hintergrund des Kampfes um die Räumlichkeiten im Vorfeld. Ursprünglich hatten sie mit 200 Teilnehmern gerechnet. Tatsächlich haben sich rund 600 Personen am vielfältigen Programm des Antifa-Kongresses Bayern am Wochenende im Münchner Gewerkschaftshaus mit rund zwei Dutzend Workshops, Vorträgen, Exkursionen und Podiumsdiskussionen beteiligt. Es sei gelungen, mit Gewerkschaftern, Friedensbewegten, jungen Antifas, Autonomen und anderen Gruppen ein sehr heterogenes Publikum anzusprechen, sagte Matthias, ein Sprecher des Vorbereitungskreises, am Sonntag gegenüber jW. Er will aufgrund der heftigen Drohungen, die von Rechten vor und während der Veranstaltung ausgingen, seinen vollen Namen nicht in der Zeitung sehen.

Auf der Straße vor dem DGB-Haus hielt die Münchner Pegida das gesamte Wochenende über eine Dauerkundgebung gegen den Kongress ab. Auf eine riesige Videoleinwand hatten die Rechten eine eindeutige Botschaft projiziert: Der Pegida-Kader Heinz Meyer posierte neben »Paulchen Panther«, einer Figur aus einer Zeichentrickserie, die Pegida in gleicher Weise wie der NSU in seinem Bekennervideo aufgriff: »Von jetzt ab, da ist eines klar: Das Paulchen jagt bald Antifa!« Der Staatsschutz ermittele inzwischen wegen dieser unverhohlenen Bezugnahme auf den NSU-Terror wegen Billigung von Straftaten, sagte ein Polizeisprecher der Münchner Abendzeitung.

Unter der Projektion hielten der verurteilte Rechtsterrorist Karl-Heinz Statzberger und Neonazis vom »III. Weg«, der »Brigade Giesing« und der »Schießsportgruppe München« um Heinz Meyer Reden. Als ein Aufzug der AfD das Gewerkschaftshaus erreichte, glich die Situation einer Umzingelung des Kongresses durch die extreme Rechte. Der Freisinger AfD-Bundestagsabgeordnete Johannes Huber hielt ebenfalls eine Rede.

Die »Schießsportgruppe«, die als »bewaffneter Arm« von Pegida München gilt, ist nach Aussage von Robert Andreasch auf der Tagung trotz öffentlichkeitswirksamer Polizeiaktionen bis heute nicht entwaffnet. Der Journalist referierte am Samstag über Geschichte, Konzepte und Bedingungen rechten Terrors in Bayern und diskutierte anschließend auf einem Podium über dessen Kontinuitäten und gesellschaftliche Wahrnehmung.

Die historischen Dimensionen faschistischer Gewalt wurden am Sonntag bei zwei Exkursionen in das Münchener NS-Dokumentationszentrum beleuchtet. Auf einer Veranstaltung der DGB-Jugend wurde der Opfer der antisemitischen Pogrome im November 1938 gedacht.

In vielen Vorträgen und Workshops ging es um die Grundlagen antifaschistischer Aktion sowie um Möglichkeiten des Austauschs und der Vernetzung verschiedenster Akteure. Dem Vorbereitungskreis ging es laut seiner Pressemitteilung zum Auftakt des Kongresses dabei um die Frage, welche gesellschaftliche Perspektive antifaschistische Kräfte »dem Rechtsruck und der Verschärfung der Lebensumstände von Millionen von Menschen entgegensetzen« könnten und »wie eine solidarische Gesellschaft und ein gutes Leben für alle aussehen könnte«. Deshalb hatten sie für das Auftaktreferat am Freitag abend auch die feministische und marxistische Theoretikerin Frigga Haug eingeladen. Sie sprach über das »Verhältnis von politischen Utopien zu praktischer Politik«.

Im Vorfeld hatte es einigen Wirbel um den Kongress gegeben. Nachdem Rechte gegen die Tagung gehetzt hatten, sprangen die beiden Polizeigewerkschaften auf deren Kampagne auf und erwirkten über den DGB-Bundesvorstand zunächst die Kündigung der Räumlichkeiten. Unzählige Gewerkschafter und linke Aktivisten solidarisierten sich daraufhin mit dem Kongress und erwirkten so die Rücknahme der Entscheidung (jW berichtete).

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