Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Anarchie in Altlandsberg

Impressionen vom Stock-Car-Derby in Brandenburg

Von Maximillian Schäffer
Staub, Dreck und Abgase. Drei Hauptbestandteile für ein Stock-Ca
Staub, Dreck und Abgase. Drei Hauptbestandteile für ein Stock-Car-Rennen

»Ich wiederhole noch einmal: Beim Vernichtungsrennen geht es gleich um einen Gewinnpot von 50 Euro! 50 Euro für den letzten, der noch fahren kann!« ruft der Streckensprecher. Er hat Helene Fischer aufgelegt, vorhin Karat, und aus der Ferne dröhnen die Böhsen Onkelz. Im ausrangierten Linienbus sitzt eine Rennleitung, die mit der Fédération Internationale de l'Automobile wenig zu tun hat. Stock-Car ist keine anerkannte Rennsportdisziplin, aber Herz und Seele der anwesenden Akteure. Hier bei Wegendorf, Landkreis Märkisch-Oderland, versammelt sich Anfang Oktober eine ganz eigene Gemeinschaft aus Schraubern und Motorenköpfen.

Neben dem Rundkurs aus Matsch und Sand treffen sich Familien. Kinder bewerfen sich mit Schneebällen aus Dreck. Eltern schimpfen ihre Kinder nicht aus. Benzingeruch, Schlammbelag und Pilsener Bier. Nur ein paar Kilometer von den Aufregungen der Metropole Berlin entfernt, hat man sich ein Wochenendidyll geschaffen. Ein bisschen ländliche Freiheit und Arbeiteranarchie.

Ricardo Gerlach (34) fläzt auf der zerbeulten Motorhaube seines giftgrünen Buggys, Marke Eigenbau. Das Pils in seiner Hand kommt aus der Hauptstadt. Eines der raren Relikte, die noch an den Weltzirkus um die Ecke erinnern. Die Blechkisten sind völlig improvisiert, wenn auch mit viel Leidenschaft und unzähligen Werkstunden. Zwei Tage lang ist vieles egal: Beispielsweise, ob der Trabant 600, Baujahr 1963, noch die original Chromzierleiste besitzt, oder statt dessen ein Seitenauspuff aus dem Fensterloch ragt. In Altlandsberg kommen alle durch den TÜV, »aber auf der Strecke in Herzfelde, da gehen sie mit dem Alkomaten durch – dann biste gleich raus!«

Freiheit bedeutet hier für manche auch, ihre faschistische Gesinnung offen zu präsentieren. Das rechte Milieu zeigt sich selbstbewusst: Am Souvenirstand gibt es die Reichskriegsflagge und T-Shirts mit Aufdrucken, für die man in den meisten Bezirken Berlins ganz sicher verprügelt würde. Man sieht Pitbull-Terrier, Thor-Steinar-Klamotten und auffällig häufig Rennummern mit den Endziffern 8 und 8.

Schade für all die anständigen, freundlichen Leute, die man hier kennenlernen darf. Trotz der elenden Jahre nach der »Wende« sind sie geblieben. Auch die jungen. Darauf darf man mindestens so stolz sein, wie auf die phantasievoll zusammengeschweißten Schrottkarren. Für die schönsten gibt es einen Rotkäppchensekt. Die hässlichsten werden ganz am Ende, beim Vernichtungsrennen, eingemottet. Bei einem lila Kombi springt nach der ersten Runde die Heckklappe auf. Ob sie wieder zugeht – scheißegal!

    Helene Fischer und Böhsen Onkelz dröhnen am Rande der Rennstreck
    Helene Fischer und Böhse Onkelz dröhnen am Rande der Rennstrecke aus den Boxen. Die Startnummer fügt sich ins Bild
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    Der Streckensprecher kommentiert die Rennen aus einem Linienbus
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    »Afrika braucht deutsche ­Kolonien«. Die Auswahl des ­fahrenden Händlers entspricht dem Zeitgeist
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    Gina-Maria Nabben (links) fährt seit drei Jahren Rennen und ­Antonia Henkel seit vier Monaten
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    Manche Rennwagen scheinen Mad Max entsprungen zu sein
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    Die Einhaltung der 0,0-Promillegrenze wird hier nicht so streng kontrolliert wie auf anderen ­Strecken
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    Das Vernichtungsrennen bildet den Abschluss des Rennwochenendes
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    Nach dem Rennen ist vor dem ­billigen Sekt

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