Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Es lebe die Revolution!

Am 7. November 1917 begann der Aufstand der Bolschewiki in Petrograd. Lenin verfasste die ersten Dokumente der Sowjetmacht

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St. Petersburg, 16. Oktober 2011: Aktivisten klettern die Masten des Panzerkreuzers «Aurora« hoch, um gegen Krieg und Armut zu protestieren

Der »Aufruf an die Bürger Russlands« wurde von Lenin im Namen des Militärischen Revolutionskomitees des Petrograder Stadtsowjets am frühen Morgen des 25. Oktober (julianischer Kalender) bzw. des 7. November (gregorianischer Kalender, alle weiteren Datumsangaben nach diesem) 1917 verfasst. Er ist das erste Dokument der Bolschewiki nach Beginn der Revolution. In der Nacht zum 7. November hatte der Aufstand begonnen, nachdem der Kreuzer »Aurora« mit einem Platzpatronenschuss für ihn das Signal gegeben hatte. In der Nacht zum 8. November wurde der Sitz der Provisorischen Regierung, das Winterpalais, ohne Blutvergießen eingenommen.

An die Bürger Russlands! Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in die Hände des Organs des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, des Revolutionären Militärkomitees, übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und der Petrograder Garnison steht.

Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer am Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung – sie ist gesichert.

Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern!

Der II. Sowjetkongress tagte am 7. und 8. November 1917 im Smolny. Zur Eröffnung um 10.40 Uhr abends waren 649 Delegierte aus mehr als 400 örtlichen Sowjets anwesend, davon 390 Bolschewiki. Lenin nahm an der ersten Sitzung nicht teil, weil er den Aufstand leitete. Um 4 Uhr morgens am 8. November wurde der Kongress darüber informiert, dass das Winterpalais eingenommen und die Provisorische Regierung verhaftet worden war. Er nahm den von Lenin verfassten Aufruf »An die Arbeiter, Soldaten und Bauern!« an:

Der Zweite Gesamtrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist eröffnet. Auf diesem Kongress ist die gewaltige Mehrheit der Sowjets vertreten. (…) Gestützt auf den Willen der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern, gestützt auf den in Petrograd vollzogenen siegreichen Aufstand der Arbeiter und der Garnison nimmt der Kongress die Macht in seine Hände.

Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die meisten Mitglieder der Provisorischen Regierung sind bereits verhaftet.

Die Sowjetmacht wird allen Völkern einen sofortigen demokratischen Frieden und den sofortigen Waffenstillstand an allen Fronten anbieten. Sie wird die entschädigungslose Übergabe der Gutsbesitzer-, Apanage- und Klosterländereien in die Verfügungsgewalt der Bauernkomitees sicherstellen, die Rechte der Soldaten schützen, indem sie die volle Demokratisierung der Armee durchführt, sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion einführen und die rechtzeitige Einberufung der Konstituierenden Versammlung gewährleisten, sie wird dafür sorgen, dass die Städte mit Brot und die Dörfer mit den wichtigsten Gebrauchsgegenständen beliefert werden, sie wird allen in Russland lebenden Nationen das wirkliche Recht auf Selbstbestimmung sichern.

Der Kongress beschließt: Die ganze Macht geht allerorts an die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten über, die eine wirkliche revolutionäre Ordnung zu gewährleisten haben.

Der Kongress ruft die Soldaten in den Schützengräben zur Wachsamkeit und Standhaftigkeit auf. Der Sowjetkongress ist überzeugt, dass die revolutionäre Armee es verstehen wird, die Revolution gegen jegliche Anschläge des Imperialismus zu verteidigen, bis die neue Regierung den Abschluss eines demokratischen Friedens erzielt hat, den sie unmittelbar allen Völkern anbieten wird. Die neue Regierung wird alle Maßnahmen treffen, um durch eine entschlossene Politik von Requisitionen und Besteuerungen der besitzenden Klassen die revolutionäre Armee mit allem Nötigen zu versorgen, sie wird auch die Lage der Soldatenfamilien verbessern.

Die Kornilow-Leute – Kerenski, Kaledin u. a. – (Lawr Kornilow, 1870–1918, zaristischer General, unternahm Anfang September 1917 einen Putschversuch gegen die Provisorische Regierung; Alexander Kerenski, 1881–1970, Sozialrevolutionär, war seit Juli 1917 Chef der Provisorischen Regierung; Alexej Kaledin, 1861–1918, zaristischer General, seit Juni 1917 Ataman der Donkosaken, jW) versuchen, Truppen gegen Petrograd zu führen. Einige Truppenteile, die Kerenski durch Betrug in Marsch gesetzt hatte, sind auf die Seite des aufständischen Volkes übergegangen.

Soldaten, setzt dem Kornilow-Mann Kerenski aktiven Widerstand entgegen! Seid auf der Hut!

Eisenbahner, haltet alle Truppentransporte an, die Kerenski gegen Petrograd schickt!

Soldaten, Arbeiter, Angestellte! In euren Händen liegen das Schicksal der Revolution und das Schicksal des demokratischen Friedens!

Es lebe die Revolution!

»An die Bürger Russlands!« Zuerst veröffentlicht in der Zeitung Rabotschi i Soldat am 7. November 1917. Hier zitiert nach Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 26. Dietz Verlag, Berlin 1974, Seite 227

»An die Arbeiter, Soldaten und Bauern!« Geschrieben am 7. November, veröffentlicht am 8. November 1917 in Rabotschi i Soldat. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 26. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 237–238

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