Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 15 / Geschichte

Der 9. November und die APO

Vor 50 Jahren demonstrierten Studenten in Hamburg gegen den »Muff von 1.000 Jahren«

Von Gerhard Hanloser
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Gelungene Aktion, deren Motto sich zum Leitspruch der Studentenbewegung entwickelte

Der 9. November wird häufig als deutscher Schicksalstag betrachtet. Ein Tag, an dem Licht- wie Schattenseiten gleichermaßen zum Ausdruck kommen: die deutsche Revolution und zweifache Proklamation der Republik durch Scheidemann und Liebknecht 1918, das Scheitern des ersten faschistischen Anlaufs zur Machtergreifung in Form des Hitler-Ludendorff-Putsches und schließlich die antisemitische Reichspogromnacht 1938. Mehr als fünfzig Jahre später folgte der Tag der angeblich allseitigen deutschen Freude über den Mauerfall 1989. Doch es gibt auch noch zwei andere »9. November«, die der außerparlamentarischen Bewegung (APO) der späten 1960er Jahre.

Bei der feierlichen Amtseinführung des neuen Rektors der Hamburger Universität am 9. November 1967 entfalten Studenten ein Transparent mit dem Spruch »Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren«, der zum Symbol der 68er-Bewegung wurde. Zwei Jahre später plazierten die Tupamaros Westberlin unter Führung des linksradikalen Situationisten Dieter Kunzelmann eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in West-Berlin, die nicht zündete. War die erste Aktion ganz von der Idee des Antifaschismus und der Reform der Universitäten durchdrungen, war die letztere ein beschämender Ausläufer eines fehlgehenden Antiimperialismus und einer vorgeblich subversiven Tabubruchpolitik. Subjektiv und von der Intention her sollten beide antifaschistisch wirken. Die Aktion der studentischen 67er-Protagonisten, die den schwarzen Stoff mit den bekannten Lettern beklebten, traf tatsächliche Alt-Nazis. Verdrehter­weise bezogen aber gerade deren Akteure sich nicht auf die Pogrome des 9. November 1938, wogegen in dem Bekennerschreiben der Tupamaros Westberlin, 31 Jahre nach der Reichspogromnacht, erklärt wurde: »Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem US-Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.«

Nazi-Kontinuitäten

Der Protest am 9. November 1967 in der Hamburger Uni atmete den Geist der Empörung über die in Amt und Würden gebliebenen Nazis in Verwaltung, Behörden und Lehre. Der Slogan »Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren« stand auf dem einen halben Meter hohen und rund drei Meter langen Transparent, das die damaligen Studenten und angehenden Juristen Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer bei der Rektoratsübergabe in der Öffentlichkeit enthüllten. Der Zeitpunkt war gut gewählt. Und Albers und Behlmer waren keine Unbekannten: Im Januar 1967 hatten die beiden Mitglieder des Hamburger AStA nach langjährigem Tauziehen endlich durchgesetzt, dass Studentenvertreter an den Fakultätssitzungen teilnehmen konnten. Doch nun stand ein wichtiger Wechsel an: die Übergabe des Rektorats von Karl-Heinz Schäfer an Werner Ehrlicher. Im vollbesetzten Audimax, wo eine offizielle Feier anlässlich der Amtsübergabe stattfand, schritten die Lehrstuhlinhaber, alle mit Talaren, also der traditionellen akademischen Amtstracht, bekleidet, eine Treppe hinunter, an der Spitze der alte und der neue Rektor. Schäfer hatte zumindest verbal den Anliegen der Studenten öfters Rechnung zu tragen versucht und Verständnis signalisiert. Wessen Geistes Kind Ehrlicher war, zeigte er bei seinem Auftritt sofort. Kein Wort zu den studentischen Belangen, statt dessen startete er mit einem finanzpolitischen Fachvortrag. Damit symbolisierte er den Geist der BRD-Gesellschaft.

Der 1920 geborene Wirtschaftswissenschaftler Ehrlicher verfügte über eine lupenreine deutschnationale Familiengeschichte. Als Soldat nahm er am Frankreichfeldzug teil, später auch am Angriff gegen die Sowjetunion, wo er ein Panzerjagdbataillon befehligte. Wie so viele andere stand der neue Rektor für die ausgebliebene Aufarbeitung der Verbrechen der Nazizeit in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft.

Die Reaktion auf das Transparent der Studenten erfolgte umgehend. So rief der Ordinarius für Islamkunde, Bertold Spuler, nachdem er die Aufschrift gelesen hatte: »Sie gehören alle ins Konzentrationslager!« Spuler war nach 1933 zeitweise als Übersetzer für Hebräisch und Jiddisch für die Gestapo tätig gewesen, seit 1937 NSDAP-Mitglied und während des Zweiten Weltkriegs im Auswärtigen Amt tätig. Ab 1943 Professor für semitische Philologie und Islamwissenschaft, bildete er unter anderem muslimische Kriegsgefangene zu Feldgeistlichen, sogenannten Feldmullahs, aus. Für seine Äußerung wurde Spuler immerhin zeitweilig von seinen Dienstgeschäften suspendiert.

APO-Karrieren

2006 erklärte der ehemalige AStA-Aktivist Albers: »Mit dem Transparent wollten wir die Hochschulen darauf stoßen, dass sie sich bislang vor der Aufarbeitung ihrer Rolle im ›Dritten Reich‹ gedrückt hatten. Außerdem war es die Zeit der außerparlamentarischen Opposition gegen die erste Große Koalition: Wir kämpften gegen die Notstandsgesetze, gegen den Vietnam-Krieg und für nichts weniger als eine Umwälzung der gesamten Gesellschaft.« Albers wurde später Politologe und Hochschullehrer an der Uni Bremen. Der SPD-Linke stand von 1995 bis 2004 an der Spitze der Bremer Sozialdemokraten und galt in der Bundespartei als programmatischer Vordenker. Gert Hinnerk Behlmer war ebenfalls Mitglied der SPD und arbeitete später als Verwaltungsjurist. Von 1994 bis 2004 war er Staatsrat in Hamburg, erst unter Henning Voscherau in der Senatskanzlei, dann in der Kulturbehörde.

Mit ihrer Aktion stehen die beiden für die positive antifaschistische Seite des APO-Aufbruchs. Gesellschaftlich gehörten sie zu den Gewinnern der Umbrüche seit den 1960er Jahren. Dieter Kunzelmann, Spiritus Rector des Anschlags auf das jüdische Gemeindehaus, versuchte mit seinem Politikaktivismus in den Reihen der Alternativen Liste Berlin der Idee der Fundamentalopposition treu zu bleiben. Zu seinem sechzigsten Geburtstag im Juli 1999 wanderte er kurzfristig nochmal ins Gefängnis wegen eines Eierwurfs auf den damaligen Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen. Ach ja, an einigen deutschen Hochschulen gibt es wieder eine Tendenz zur Wiederbelebung der Talartradition.

Es begann wie im Karneval, Talare wurden zu Narrenkleidern. Als in Hamburg hundert Professoren zum feierlichen Rektorwechsel in das Auditorium maximum einzogen, setzten sich zwei Studenten mit einem Transparent vor den Zug: »Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren.« Es wurde gelacht und gepfiffen. Luftballons stiegen auf, Flugblätter fielen nieder.

Es ging weiter wie in einem Krimi: Sieben Tage lang suchten die Studenten einen Professor, der ihnen im Audimax zugerufen hatte: »Sie gehören alle ins Konzentrationslager.« Am Tatort hatte der Philologiestudent Dr. jur. Wolfgang van den Daele, 28, den Rufer am Talar gepackt und vergebens nach dem Namen gefragt. Am Mittwoch vergangener Woche war der Täter gefasst und geständig: Bertold Spuler, 55, ordentlicher Professor für Islamkunde. Er beantragte ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst. (…)

Von Spulers Forderung, die Studenten ins KZ zu sperren, solle »sich die Professorenschaft distanzieren« – forderte Björn Pätzoldt, Vorsitzender des Allgemeinen Studenten-Ausschusses (AStA); der Rektor und die Dekane aller Fakultäten taten es.

In einem »Steckbrief« erklärte der AStA-Vorstand, die Studenten wollten Spuler »nicht mehr behalten«. Doch kaum war der Text verteilt, hielt AStA-Sprecher Thomas Walde den Text nicht mehr »für ganz glücklich«. Walde: »Wir wollen keine Hexenjagd auf Spuler. Sonst haben die anderen Professoren jemanden, auf den sie zeigen können und hinter dem sie sich verstecken können.«

Spuler-Assistent Dr. Werner Ende, 30: »Wenn eine konservative Grundhaltung wie die Spulers schon einen Mann disqualifiziert, könnte man, die ganze Universität dichtmachen.«

Am Donnerstag vergangener Woche wurde Spuler vorläufig suspendiert.

Der Spiegel 48/1967


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