Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Raus aus der Kohle

Klimaproteste im Revier

Von Wolfgang Pomrehn
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Klimaproteste in Bonn 2015

Der Lack ist ab. Lange hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der internationalen Bühne die Rolle der heldenhaften Vorkämpferin für den Klimaschutz gespielt. Versprechen wurden großspurig auf eine entfernt scheinende Zukunft gegeben, in der sich hoffentlich keiner mehr so genau erinnern würde. Zuletzt hatte Merkel 2006 versprochen, die deutschen Emissionen bis 2020 auf 60 Prozent des Niveaus von 1990 zu reduzieren. Doch inzwischen pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass daraus kaum noch was werden kann. Die Kraftwerksemissionen bleiben gleich, und der Straßenverkehr stößt sogar wieder mehr Treibhausgase aus. Die Kanzlerin wird also reichlich entblößt dastehen, wenn am Montag die diesjährige UN-Klimakonferenz in Bonn am Rhein ihre Tore öffnet.

Zahlreiche Proteste und Veranstaltungen von Umweltgruppen aus aller Welt werden den Finger in die Wunde legen. Bewohner der pazifischen Inselstaaten haben sich für Sonntag zu einer Demonstration durch das rheinische Braunkohlerevier angekündigt, werden dort ihre Solidarität mit den von Vertreibung bedrohten Dorfbewohnern zeigen und die hiesigen Kraftwerksbetreiber an ihre Verantwortung für die vom steigenden Meer sowie stärkeren Stürmen bedrohten Inselstaaten erinnern. Schließlich ist Deutschland immer noch weltweit größter Nutzer von Braunkohle, des schmutzigsten aller fossilen Brennstoffe. Sie wird insbesondere im Rheinland zunehmend für den weiter wachsenden Stromexport verbrannt und verdrängt in den benachbarten Niederlanden die weniger umweltschädlichen Gaskraftwerke. Zugleich behindern die Kraftwerke wegen ihrer Schwerfälligkeit den Ausbau der erneuerbaren Energieträger. Weil ihr Hoch- und Runterfahren Zeit braucht und kostspielig ist, laufen sie auch dann weiter, wenn es ein Überangebot an Wind- oder Sonnenstrom gibt. Das drückt den Preis für Großabnehmer an der Börse und treibt zugleich die Umlage für den »grünen Strom« in die Höhe. Braunkohlekraftwerke sind also nicht nur Deutschlands Treibhausgasquelle Nummer eins, sondern haben sich auch zum Instrument entwickelt, mit dem die privaten Verbraucher und kleinen Gewerbetreibenden den Strom der industriellen Großverbraucher subventionieren.

Die Organisatoren der Proteste haben sich mit der Braunkohle also den zentralen Punkt herausgesucht, an dem hierzulande eine Klimaschutzstrategie ansetzen muss. Angesichts erheblicher Überkapazitäten könnten einige der Braunkohlekraftwerke sofort und die anderen schon in den nächsten Jahren abgeschaltet werden. Und wenn Parlament und Bundesregierung dann endlich beim Ausbau von Wind- und Solarenergie den Fuß von der Bremse nehmen, könnten auch die Steinkohlekraftwerke bald folgen. Der Schritt wäre überfällig, wie zuletzt die verheerendste Hurrikan-Saison seit Menschengedenken gezeigt hat.

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