Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 6 / Ausland

Die Luftwaffe der Terroristen

Israel will durch Militärschläge die syrischen Streitkräfte und deren Verbündete ­schwächen

Von Knut Mellenthin
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Unerklärter Krieg in Syrien: Am Mittwoch hat die israelische Luftwaffe eine Fabrikanlage südlich von Homs bombardiert

Israel führt seit Monaten einen unerklärten Krieg in Syrien. Angriffsziele sind hauptsächlich Militärstellungen der syrischen Regierungsarmee und Nachschubkonvois der Streitkräfte der schiitischen Hisbollah. Die israelische Regierung rechtfertigt diese Einsätze zwar grundsätzlich, nimmt aber in der Regel zu einzelnen Angriffen nicht Stellung.

So gibt es auch für den jüngsten Militärschlag keine Bestätigung aus Tel Aviv. Syrische, libanesische und andere arabische Medien hatten berichtet, dass israelische Kampfflugzeuge am Mittwoch eine Fabrikanlage südlich der Stadt Homs bombardiert oder mit Raketen beschossen hätten. In ihr seien Kupferkessel oder nach anderen Darstellungen Waffen produziert worden. Die Onlineausgabe der bedeutendsten israelischen Tageszeitung Jediot Acharonot, Ynetnews, beschrieb am Donnerstag genauer, dass es sich um eine Industriezone handele, die sich über mehrere Quadratkilometer erstrecke. Besonders stark seien dort iranische Unternehmen wie der Autohersteller SAIPA engagiert. Von einer Waffenfabrik war bei Ynetnews nicht die Rede, sondern nur von glas-, plastik- und metallverarbeitenden Produktionsstätten, deren Erzeugnisse möglicherweise auch militärisch genutzt werden könnten.

Es war der dritte israelische Angriff gegen Syrien in weniger als drei Wochen. Zuvor hatten israelische Kampfflugzeuge am 16. Oktober eine syrische Luftabwehrbatterie östlich von Damaskus angegriffen. Angeblich war von dort aus eine Rakete auf Maschinen der israelischen Luftwaffe (IAF) abgeschossen worden, die sich auf einem »Routineflug« im libanesischen Luftraum befanden. Fünf Tage später zerstörte die IAF nach eigenen Angaben drei syrische Artilleriestellungen in der Nähe der seit 1967 besetzten Golanhöhen. Begründet wurde dieser »Vergeltungsschlag« damit, dass drei Granaten aus Syrien – offensichtlich versehentlich während eines Gefechts mit einer bewaffneten Gruppe – auf von Israel beanspruchtem Gebiet gelandet seien. Schaden war dabei nicht entstanden.

Syrien hat sich nach dem jüngsten Vorfall am Mittwoch erneut, wie schon nach dem Angriff vom 21. Oktober, mit Briefen an den Generalsekretär und an den Sicherheitsrat der UNO gewandt, um eine Verurteilung des israelischen Verhaltens zu erreichen. Aber vermutlich wird sich das Gremium mit diesem Hilferuf, wie bisher, nicht einmal befassen.

Russland nimmt Israels Militärschläge gegen seinen Verbündeten mit beharrlich durchgehaltenem Schweigen hin. Israelische Medien behaupten, es gebe zwischen den Regierungen beider Länder direkte Absprachen, nach denen Moskau die Angriffe toleriert. Das ist nicht unwahrscheinlich, da die israelischen Luftoperationen über syrischem Gebiet ein gewisses Maß an Kommunikation und Koordination im Vorfeld voraussetzen, wenn es nicht zu beiderseits ungewollten Zwischenfällen kommen soll.

Israels Regierung scheint es sogar darauf anzulegen, das schweigende Russland »vorzuführen« und bloßzustellen. Der Angriff vom Mittwoch, dem kein aktueller Anlass zugrunde lag, war zeitlich genau auf den Besuch von Präsident Wladimir Putin in der iranischen Hauptstadt Teheran abgestimmt. Die »Vergeltungsaktion« vom 16. Oktober fand wenige Stunden vor dem Eintreffen des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu in Jerusalem statt. Sein israelischer Amtskollege Avigdor Lieberman hatte schon im Frühjahr einen Aufenthalt zu Gesprächen in Moskau mit einem Militärschlag am folgenden Tag verbunden: Israelische Raketen lösten am 27. April eine starke Explosion und einen Brand auf einem Stützpunkt der syrischen Streitkräfte in der Nähe des internationalen Flughafens von Damaskus aus.

Andeutungen israelischer Politiker ließen darauf schließen, dass der Schlag einem vermuteten Waffendepot der Hisbollah gelten sollte. IAF-Chef Amir Eschel behauptete im August, Israel habe in den vergangenen fünf Jahren mindestens hundert Angriffe zur Unterbindung des Hisbollah-Nachschubs in Syrien durchgeführt.


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