Aus: Ausgabe vom 28.10.2017, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen

Auf Lenins Spuren

Langer Weg zur letzten Ruhe. Russland beherbergt viele Museen, die an den Revolutionär ­erinnern

Von Alexandre Sladkevich
Bewahrte Geschichte: Auf dem Dachboden dieses Schuppens in Rasliw verbrachte der ­untergetauchte Lenin im Juli 1917 mehrere Tage
Personenkult post mortem: Im Lenin-Mausoleum am Roten Platz in Moskau ist der Leichnam des 1924 verstorbenen Revolutionsführers aufgebahrt
Von der Theorie zur ­Praxis: Am Abend des 25. Oktober 1917 gab der Panzerkreuzer »Aurora« das Signal zum Sturm auf das Petrograder ­Winterpalais
Rückzugsort und Treffpunkt: Diese Hütte soll Lenin während seiner Verbannungszeit in ­Schuschenskoje genutzt haben
Längst Museum: 1898 zog der spätere Staatsgründer mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja in ­dieses Haus in Schuschenskoje
Historisches Zeugnis: Gedenktafel in der Frankfurter Allee im heutigen Berliner Stadtteil Friedrichshain, wo Lenin 1895 an einer Arbeiterversammlung teilnahm
Sowjetischer »Wallfahrtsort«: Freilichtmuseum in Rasliw südlich von Sankt Petersburg, wo sich Lenin 1917 versteckte
Gegenwärtig: Am Finnländischen Bahnhof in Sankt Petersburg endete im April 1917 für den ­Revolutionär die Emigration. Lenindenkmäler finden sich auf den Plätzen vieler russischer Städte

Es wird kaum übertrieben sein, zu behaupten, dass Wladimir Iljitsch Lenin auf dem Weg zum Begründer und Regierungschef der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und danach der Sowjetunion die halbe Welt durchquerte. Schon am Anfang seiner politischen Tätigkeit bereiste Lenin mehrere Monate lang Deutschland, Frankreich und die Schweiz. Er besuchte im Jahre 1895 auch Berlin, wo er unter anderem an einer Arbeiterversammlung teilnahm.

1897 wurde er für drei Jahre nach Schuschenskoje in Südsibirien verbannt. Nach zweiwöchiger Fahrt mit dem Zug erreichte er Krasnojarsk in Sibirien. Danach wurde er mit dem Dampfschiff »Swjatitel Nikolai« über den Jenissei nach Minussinsk befördert. Nach knapp einwöchiger Reise stieg er dort in eine Telege, einen schlichten Pferdewagen, und erreichte endlich die Siedlung Schuschenskoje.

Anfangs lebte Lenin im Haus des Bauern Apollon Syrjanow. Als 1898 Nadeschda Krupskaja und ihre Mutter Jelisaweta zu Lenin kamen, zogen sie in Praskowja Petrowas Haus. Im selben Jahr haben Lenin und die Krupskaja geheiratet. Beide Häuser stehen heute zur Besichtigung offen: Im November 1930 wurde hier das »Museum Lenin-Haus« eröffnet, und seit 1970 – aus Anlass des 100. Geburtstages von Lenin – prunkt Schuschenskoje mit dem großen Freilichtmuseum »Sibirische Verbannung Wladimir Iljitsch Lenins«. Noch eine weitere Sehenswürdigkeit befindet sich im Nationalpark »Schuschenskij Bor«, der an die Siedlung grenzt. Dort, am See Perowo, steht eine Hütte, die im Volksmund »Lenins Hütte« heißt. Hier erholte sich Lenin auf seinen Spaziergängen und führte Gespräche mit den Bauern und auch mit anderen Verbannten, die ihn gelegentlich auf seinen Ausflügen ins Grüne begleiteten.

Schuschenskoje war in der Sowjetzeit ein »Wallfahrtsort« und wohl jedem Sowjetmenschen ein Begriff. In fast jeder Stadt von Moskau bis Schuschenskoje und darüber hinaus trifft man noch immer unterschiedlich ausgeführte Lenin-Denkmäler an. Auch das Dampfschiff »Swjatitel Nikolai« blieb erhalten. Es beherbergt ein Museum am Ufer des Jenissei in Krasnojarsk.

1900 – nach der sibirischen Verbannung – bereiste Lenin einige Städte im europäischen Teil des Landes, wo er Verbindungen zu sozialdemokratischen Gruppen herstellte. Später ließ er sich in Pskow im Nordwesten Russlands nieder, so wie es ihm nach der Verbannung vorgeschrieben war. Danach gesellte er sich zu Krupskaja in Ufa, östlich von Moskau gelegen. Das Haus, in dem sie gelebt haben, ist heute auch ein Museum. Weitere Lenin-Häuser findet man unter anderem auch in Kasan, Samara, Gorki Leninskije und natürlich in Uljanowsk, damals Simbirsk, wo Uljanow/Lenin geboren wurde.

Nach dieser »Tournee« durch das russische Kaiserreich folgte die erste Emigration. Von 1905 bis 1907 bereicherte Lenin seinen Lebenslauf um Aufenthalte in England, Finnland, Schweden und wiederum in der Schweiz und in Deutschland. Seine zweite Emigration von 1908 bis 1917 führte ihn ein weiteres Mal nach Frankreich, Italien, in die Schweiz und nach Deutschland sowie nach Österreich-Ungarn. Im April 1917 kehrte Lenin mit seiner berühmten Ankunft auf dem Finnländischen Bahnhof Petrograds (früher Sankt Petersburg) aus der Emigration zurück. 1926 wurde zum Gedenken daran auf dem Bahnhofsvorplatz ein Denkmal für diesen Führer des Proletariats errichtet.

Im Juli 1917 floh Lenin zu dem Arbeiter Nikolai Jemeljanow nach Rasliw. Einige Tage verbrachte er auf dem Dachboden des Schuppens, in dem Jemeljanow wohnte. Später wurde Lenin in einer Laubhütte am anderen Ufer des Rasliwer Sees untergebracht. Die Siedlung Rasliw, die seit 1959 zu Sestrorezk gehört, hat somit zwei Gedenkstätten. Daher galt Rasliw in der Sowjetunion ebenfalls als ein »Wallfahrtsort«. Das »Museum Lenins Laubhütte« zeigt die Laubhütte selbst, das Laubhütten-Denkmal, eine große Büste Lenins und das Museumsgebäude. Die Laubhütte ging als die letzte Stätte aus der Untergrundzeit Lenins in die Geschichte ein. Im »Schuppen-Museum« ist – was sonst – der Schuppen zu sehen. Komplett und sorgsam mit Glas umhüllt, ähnelt er einem Gebäude in einem Treibhaus.

Im August verließ Lenin die Laubhütte und zog heimlich in das Großfürstentum Finnland um, wo er bis Anfang Oktober 1917 blieb. Danach kehrte er für immer nach Russland zurück, das durch die Große Sozialistische Oktoberrevolution zur RSFSR wurde. Das Signal zum Beginn der Oktoberrevolution war ein Schuss des Panzerkreuzers »Aurora«. Die »Aurora« gilt als Symbol der Oktoberrevolution. Das Museumsschiff liegt in Sankt Petersburg, das 67 Jahre lang Leningrad hieß.

Eine weitere große Reise führte Lenin wieder nach Sibirien. Allerdings nach seinem Tod. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion 1941 wurde sein einbalsamierter Leichnam aus dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau nach Tjumen evakuiert. Bis 1945 befand er sich unter ständiger Bewachung im damaligen landwirtschaftlichen Institut. Die letzte lange Fahrt mit Autos und mit dem Zug brachte ihn zurück nach Moskau. Seitdem ruht Lenin in ebenjenem Mausoleum, dem wichtigsten »Wallfahrtsort« der UdSSR und bis heute ein Besuchermagnet.

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Roter Oktober Beginn einer neuen Epoche der Weltgeschichte

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