Aus: Ausgabe vom 25.10.2017, Seite 16 / Sport

Hinter der Ringautobahn

Von André Dahlmeyer, Córdoba
RTXRPT4.jpg
Längst muss man nicht mehr in die Armenviertel, um das Elend mitzubekommen (»1.11.14«-Slum in Buenos Aires)

Einen wunderschönen guten Morgen! Seit Jahren ist in den argentinischen Fußballstadien runter bis nach Feuerland kein Gästepublikum mehr zugelassen. Die gute alte Folklore geht dem silberländischen Balltreten seither bedenklich ab. Suggeriert wird, dass derlei Maßnahmen notwendig seien, um »verfeindete Jugendgangs« auseinanderzuhalten, die anderswo treffender als »urbane Stämme« klassifiziert werden. Nicht ist weiter von der Realität entfernt.

»Barra bravas« werden die hartgesottenen Boys in Argentinien genannt. Wenn sie überhaupt etwas für Fußball übrig haben, sind sie in Buenos Aires Anhänger von Klubs des Conurbano außerhalb der Ringautobahn, wo das Leben keine zehn Pesos wert ist. Bei den großen Hauptstadtklubs fungieren sie nur als Claqueure. Sie kontrollieren als »Trapitos« mit dem Segen der Klubchefs das Parkplatzgeschäft: Wer die horrenden Summen nicht bezahlt, bekommt den Schlüssel anschließend nicht mehr in den Schrotthaufen, der eben noch ein »Cero-Kilómetro«-Neuwagen war. Sie kassieren die Schutzgelder in den Restaurants rund um die Stadien, überwachen das illegale (Produktfälschung) und zum Teil auch das legale Merchandising. Die Liste könnte seitenlang fortgesetzt werden, aber wir wollen diesen Kleinbürgern nicht zuviel Ghettoromantik zuschreiben.

Sehr viele »Barras« stehen auf den Gehaltslisten der Municipios (Kommunen), und einige der härtesten sind offiziell im argentinischen Kongress angestellt. Manche sieht man beizeiten tatsächlich an ihren »Arbeitsplätzen« herumlungern: sogenannte »Ñoquis«. So heißen in Argentinien Leute, die als Karteileichen am 29. jedes Monats abkassieren (eine Erfindung des Peronismus).

Die Barra bravas stehen auf den Gehaltslisten von Parteien und Gewerkschaften als deren Stoßtrupp oder Reservearmee. Sie töten, brandschatzen, bringen täglich Tausende von Kindern auf »Paco«. Von diesem Abfallprodukt der Kokainproduktion kommt definitiv niemand mehr runter. Längst muss man nicht mehr in die »Villas misérias« (argentinische Favelas), um das Elend mitzubekommen. Es ist omnipräsent. Kinder, die keine zehn Jahre alt sind, vergammeln voll mit Paco auf der Straße, kein Freund und Helfer nimmt sich ihrer an – ist eh nichts mehr zu machen. Und die Bürger haben Angst, sich anzustecken.

Ungefähr seit dem Jahr 2000 hauen sich in Argentinien praktisch keine »verfeindeten« Fans mehr aufs Maul. Bei den argentinischen Barras geht es in der Regel um die Kontrolle des Drogengeschäfts (im Stadion) und also die Vormachtstellung in der eigenen, von der offiziellen Macht finanzierten »Clique«.

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Mehr aus: Sport
  • Nach einem katastrophalen Saisonstart trennt sich der 1. FC Köln von Geschäftsführer Jörg Schmadtke. jW-Bericht