Aus: Ausgabe vom 20.10.2017, Seite 12 / Thema

Zwerge und Scheinriese

Heimvolkshochschule in Schnellroda: Das Institut für Staatspolitik bildet mit dem Verlag »Antaios« und der Zeitschrift Sezession das Zentrum einer »Neuen Rechten« in Deutschland. Die werden dabei stärker gemacht, als sie tatsächlich sind

Von Volkmar Wölk
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Das Institut für Staatspolitik wendet sich an eine erfolgversprechende und hip daherkommende »neurechte« Jugendbewegung (Demonstration der »Identitären « am 17. Juni 2017 in Berlin)

Antaios war, so weiß es die griechische Sage, ein Riese, nach heutigem Maß fast 30 Meter groß. Ein Riese mit göttlichen Vorfahren: Poseidon, der Gott des Meeres, war sein Vater, Gaia, die Erdgöttin, seine Mutter. Antaios ist der Name eines Verlages in Schnellroda, der gelegentlich Schlagzeilen produziert, da es dem Inhaber Götz Kubitschek immer wieder gelingt, sich selbst zur Galionsfigur einer »Neuen« Rechten und sein Verlagsprogramm als deren Ausformung zu stilisieren. Hatte er den in Libyen beheimateten Riesen bei der Namensgebung im Sinn? Das ist trotz der mythischen Erdverbundenheit des Antaios zu bezweifeln. Denn schließlich jagte dieser nicht nur Fremde, sondern auch die Einwohner des eigenen Landes. Und letztlich ist dem Krieger Kubitschek – einem Oberleutnant der Reserve – kaum soviel Selbstironie zuzutrauen, dass er als Namenspatron ausgerechnet eine mythische Gestalt wählt, zu deren Bezwingung es nur ein wenig an Intelligenz bedarf. Antaios war nahezu unbesiegbar, da er beim Schwinden seiner Kräfte neue aus seiner Mutter Erde schöpfen konnte. Sein Gegner Herakles erkannte dies und erwürgte ihn in der Luft. Sollen wir nach Kubitscheks Willen also lernen, dass die »Neue« Rechte mit Verstand und Strategie leicht zu besiegen ist? Wohl kaum, auch wenn es zutrifft.

Ja, es ist schon ein Kreuz mit der Tradition und mit der Mythologie. Doch »Antaios«, dieses publizistische Flaggschiff einer rudimentären deutschen »Neuen« Rechten, könnte sich auch auf andere Traditionen berufen. Zwerge stehen eben zuweilen auf den Schultern von Riesen, damit man sie sehen kann. Und so verweist der Verlagsname auch auf eine Zeitschrift gleichen Namens, die von 1959 bis 1971 im Klett-Verlag erschien, gemeinsam herausgegeben von Ernst Jünger (1895–1998) und Mircea Eliade (1907–1986), geplant zur Bündelung »konservativer Stimmen« aus Literatur und Geisteswissenschaften.¹ Ernst Jünger ist nun wahrlich ein würdiger Bezug für jemanden, der sich wie Kubitschek selbst als »Konservativer Revolutionär« versteht. Der Verfasser der »Stahlgewitter«, des »Waldgangs«, von »Auf den Marmorklippen« und »Der Arbeiter« kann schließlich wahlweise als tapferer, traditionswürdiger (deutscher) Krieger, als wichtiger Autor des »Neuen Nationalismus«, als führender Ideologe der »Nationalrevolutionäre« (mit zeitweiliger Nähe zum Nationalbolschewisten Ernst Niekisch) oder nicht zuletzt als literarischer Ausdruck des konservativen Widerstands gegen Hitler herangezogen werden. Und bei Mircea Eliade, dem aus Rumänien stammenden und nach dem Krieg in Frankreich und den USA lehrenden Religionsphilosophen, handelte es sich schließlich um einen Wissenschaftler von Weltrang.² Doch auch bei ihm finden sich – wie bei Jünger – schnell die Schönheitsfehler: Vor 1945 wirkte er in der faschistischen »Legion des Erzengels Michael«, danach als Weggefährte der französischen Nouvelle Droite, u. a. als Mitglied des Patronatskomitees ihrer Zeitschrift Nouvelle École, akademisch als Verfechter einer deutlichen Aufwertung von Mythos, Religion und Erfahrung in einer »entzauberten Welt« der Moderne gegen die Dominanz von Rationalismus und Wissenschaft.

Ja, es ist schon ein Kreuz mit der Tradition, wenn diese, wie bei der »Zeitschrift für eine freie Welt« – so der Untertitel von Antaios – nebenbei auch immer wieder auf die faschistische Vergangenheit der Vorbilder verweist. Sicher: nach Kubitscheks Willen wären die großen Namen in der Zeitschrift Antaios für das in seinem gleichnamigen Verlag erscheinende Zweimonatsblatt Sezession mehr als wünschenswert. Doch selbst das historische Vorbild führte ein eher randständiges Leben in der damaligen Zeitschriftenlandschaft. Und die Sezession kann heute, nach langen Anlaufschwierigkeiten, in denen die Auflage bei rund 1.000 Exemplaren dümpelte, in einer Zeit der Hochkonjunktur für rechte Politik und Ideologie auf nicht mehr als 8.000 gedruckte Hefte verweisen. Die Autoren sind, bis auf wenige Ausnahmen, Wissenschaftler aus der zweiten Reihe oder Publizisten, die dem Blatt seit Jahren verbunden sind. Der Stamm der Schreiber ist eingeschränkt; man stößt immer wieder auf die gleichen Namen. Eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus.

Magere Bilanz

Nicht viel besser steht es um das im Mai 2000 gegründete »Institut für Staatspolitik«, das eigentlich die deutsche Entsprechung zum französischen Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (GRECE) werden sollte, dem traditionsreichsten und noch immer wichtigsten Ideologieproduzenten der »Neuen« Rechten in Frankreich. An dieses Vorbild reichen die Gesinnungskameraden aus Deutschland allerdings weder nach der Zahl der Besucher von Kongressen oder der Teilnehmer an den Kolloquien heran noch nach Umfang oder gar Bedeutung des publizistischen Ausstoßes. Auf ganze zehn Broschüren und fünf Bücher, allesamt in der Reihe »Berliner Beiträge zur Ideenkunde«, kommt das Institut seit dem Jahr 2000. Eine doch recht magere Bilanz nach 17 Jahren.

Reduziert man die Arbeit der »Denkfabrik« in Schnellroda auf ihren Kern, dann bleibt eigentlich nicht viel mehr als eine Heimvolkshochschule für den rechten Nachwuchs, der die Notwendigkeit einer Modernisierung des eigenen Ideologiefundus erkannt hat, um mit präziserer Zielgruppenansprache die objektiv verbesserten Erfolgsmöglichkeiten zu realisieren. Beim französischen Vorbild ist es geblieben, doch sind an die Stelle des zuvor unangefochtenen GRECE nunmehr die sogenannten Identitären getreten. An diesem Erfolgsmodell einer »neu«rechten Jugendbewegung, so jedenfalls das gewünschte und weitgehend erfolgreich vermittelte Eigenbild, orientieren sich die Protagonisten des Instituts. Erreicht werden damit Burschenschafter, Aktive der bündischen Korporation »Deutsche Hochschulgilde« und anderer rechter Jugendbünde, die jüngere Generation völkischer Siedlerfamilien, ehemalige Kader von NPD und JN sowie nicht zuletzt die der Jugendorganisation der AfD, der »Jungen Alternative«.³ Bei letzterer gibt es zwar offiziell einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der »Identitären Bewegung«, doch der besitzt faktisch nur noch auf dem Papier Gültigkeit.

Ein Beispiel: Andreas Lichert aus dem hessischen Karben, dort Gründer eines »Identitären Zentrums«, Landesvorstandsmitglied und Bundestagskandidat der AfD in Hessen, Mitarbeiter der thüringischen AfD-Landtagsfraktion, ist Geschäftsführer des »Instituts für Staatspolitik« und steht zugleich in enger Verbindung zum Hausprojekt der relativ starken Gruppe der Identitären in Halle. Hier ist die Verknüpfung von Partei und ihrem außerparlamentarischen Umfeld einmal gelungen.

Vertreter der »alten« Rechten

Ansonsten lässt sich das Herkommen dieser »neuen« Rechten aus der alten extremen Rechten auch mit viel Mühe kaum verbergen. Dies ist z. B. bei einem Referenten wie dem Rechtsanwalt Thor von Waldstein nahezu unmöglich. Das ehemalige Mitglied im Parteivorstand der NPD, früher auch Bundesvorsitzender von deren Nationaldemokratischem Hochschulbund, sprach bei der letzten Sommerakademie des IfS, erstellt für das »neu«rechte Miniaturimperium in Schnellroda juristische Expertisen zum Widerstandsrecht und publiziert in dessen Zeitschrift und Verlag.

Ein anderer Referent ist zwar bekannt, allerdings weder durch seine Intellektualität noch gar durch »neu«rechte Ideologie. Dafür durch eine Reihe von Skandalen. So hatte der ehemalige sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche die Parole »Arbeit, Familie, Vaterland« als Slogan für seinen Wahlkampf genutzt. Zuvor hatte dies bereits die NPD getan, geklaut war er in beiden Fällen von der französischen Nazikollaborateursregierung in Vichy.

Nüchtern betrachtet halten sich die Erfolge des Projekts Schnellroda also in Grenzen. Einzelne Verkaufserfolge, besonders der des Bändchens »Finis Germania« des Historikers Rolf Peter Sieferle, kamen wohl selbst für Kubitschek überraschend und waren dem – berechtigten – Skandal um den Band geschuldet. Zum blühenden Unternehmen in verfallenden Landschaften langt das trotzdem nicht. Die Erschließung neuer Zielgruppen außerhalb der extremen Rechten ist bis heute nicht gelungen. Auch einzelne Medienhighlights, beispielsweise die Ehe der identitären Sezession-Autorin Caroline Sommerfeld mit dem bekannten und wichtigen linken Literaturwissenschaftler Helmut Lethen, führen lediglich zu einem kurzfristig gesteigerten Interesse der Öffentlichkeit⁴ und könnten so den Verkauf des gemeinsam mit dem Identitären Martin Lichtmesz verfassten »Antaios«-Bandes »Mit Linken leben« fördern, sind aber nicht dazu geeignet, dem Projekt die benötigte Schubkraft zu geben.

Staunende Pressevertreter

Wie ist es dann zu erklären, dass der Spiegel unter dem anspielungsreichen Titel »Der dunkle Ritter« Ende vergangenen Jahres eine siebenseitige Story über Kubitschek brachte? Wieso macht die linksliberale niederländische Wochenzeitung De groene Amsterdamer eine lange Geschichte unter dem Titel »Nur Barbaren können sich verteidigen« mit einem Bild von Kubitschek in dessen Arbeitszimmer auf und hält es für »eine neue Erscheinung in Deutschland«, dass Intellektuelle »öffentlich sagen, rechts zu sein«. Das Miniaturimperium Schnellroda wird vorgestellt, und der sich in dessen Umfeld bewegende AfD-Philosoph Marc Jongen kommt ausführlich zu Wort. Wieso kommt die angesehene New York Times bereits in der Überschrift einer umfangreichen Reportage zu der Einschätzung: »Von einem kleinen Dorf im ländlichen Osten des Landes aus erschafft ein führender nationalistischer Intellektueller eine Vision der Zukunft seiner Bewegung in ganz Europa«? Als Bebilderung dient ein Foto Kubitscheks im (natürlich ökologischen) Garten seines Rittergutes im Trachtenjanker gemeinsam mit seinen (natürlich weißen) Ziegen. Zuviel der Ehre, genug des Personenkultes.

Allen Autoren der genannten Artikel scheint gemeinsam zu sein, dass ihr Staunen darüber, dass es (scheinbar) plötzlich in Deutschland Rechte gibt, die tatsächlich lesen und sogar schreiben können, ihre Urteilsfähigkeit so stark eintrübt, dass sie sich der Faszination des für sie fremden Terrains nicht entziehen können und statt der Analyse und möglicherweise sogar der Kritik ein Werbetext entsteht.⁵ Um den erwähnten Journalisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Die deutsche extreme Rechte galt zurecht über Jahrzehnte als die dümmste in ganz Europa. Das betraf sowohl die Ideologie wie auch die Strategie. In Deutschland schaffte es dieser Teil des politischen Spektrums im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern weder, Modernisierungsprozesse der eigenen Ideologie durch Rückgriff auf »Klassiker« des Denkens aus dem eigenen Lager, durch Veränderung der Themenschwerpunkte oder durch eine Wissenschaftsförmigkeit des eigenen Diskurses einzuleiten, noch die Aktionsformen durch Übernahmen vom politischen Gegner zu erweitern.

Während in Frankreich die »Neue« Rechte längst zu der Einschätzung gelangt war, die Nation sei zu einer »obsoleten« Angelegenheit des Politischen geworden, da sie zu klein sei, die großen Probleme (Ökologie, Frieden, Ernährung etc.) in Angriff zu nehmen, und zu groß, um das Gefühl nach Nähe und Identität zu vermitteln, steht der deutschen extremen Rechten die völkisch verstandene Nation noch immer unumstößlich im Zentrum ihres Handelns. Die französische »Neue« Rechte hatte zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, zu Beginn der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, aus dem weltweiten Entkolonialisierungsprozess den Schluss gezogen, dass eine imperiale Politik auf nationaler Ebene nicht mehr möglich sein werde. Wolle man nicht auf das Niveau einer normalen Mittelmacht zurücksinken, sei eine europäische Einigung mit dem Ziel einer dritten Weltmacht in Äquidistanz zu den USA und der UdSSR unverzichtbar.

»Konservative Revolutionäre«

Der Ausgangspunkt der deutschen extremen Rechten war ein anderer. Nach dem Verlust beträchtlicher Teile des ehemaligen Reichsgebietes als Folge der militärischen Niederlage des Naziregimes konnte deren mittel- bis langfristige Ziel nur in der Wiedererlangung der nationalen Integrität liegen. Die Nation blieb also Ausgangspunkt und Zentrum aller Überlegungen. Ideologische Traditionslinien jenseits der belasteten und gescheiterten nazistischen Weltanschauung blieben über Jahrzehnte verschüttet, die Werke der betreffenden Autoren waren kaum bekannt und erst recht nicht greifbar. Die Zusammenarbeit mit vergleichbaren Bewegungen in anderen westeuropäischen Ländern war von Anfang an durch den Umstand belastet, dass die deutschen Gesprächspartner revanchistische Gebietsansprüche gegenüber den Staaten ihrer ausländischen Gesinnungskameraden stellten.

Götz Kubitschek begann wie zahlreiche andere Protagonisten der deutschen »Neuen« Rechten seine politische Aktivität in der »Deutschen Hochschulgilde«, einer bündischen Korporation. Entstanden in der bündischen Jugendbewegung der Weimarer Republik, hatte diese ein mehrgleisiges strategisches Konzept verfolgt. Ein Teil engagierte sich in den traditionellen konservativen Parteien (Zentrum, DNVP), ein anderer war in dem ebenso regen wie umfangreichen Netzwerk der Konservativen Revolution aktiv. Ein kleinerer Teil lief noch vor 1933 zur erstarkenden NSDAP über. Übereinstimmendes Ziel war es, das politische Koordinatensystem der ersten deutschen Republik nach rechts zu verschieben. Überall dort, wo man aktiv war, wollte man Schlüsselstellungen besetzen. Dieser strategische Ansatz wurde auch nach der Wiedergründung der Organisation in der Bundesrepublik verfolgt. Während sich ein Teil der Aktiven in der NPD und deren Umfeld engagierte, machte ein anderer in den Unionsparteien Karriere. Ideologisches Bindeglied dabei blieb das Gedankengut der Konservativen Revolution. Sowohl die Wochenzeitung Junge Freiheit als auch das »Institut für Staatspolitik« gingen aus den Überlegungen dieser Gruppierung hervor.6

Gegenüber dem Auftreten von entsprechenden Strömungen in anderen europäischen Ländern ist also eine erhebliche zeitliche Verzögerung festzustellen. Richtig Schwungkraft erhielt die Sache erst mit der Verwirklichung der »kleinstdeutschen Lösung«, so die Bezeichnung für den Anschluss der DDR. Allerdings waren rechte bündische Kreise im Umfeld der »Hochschulgilde« bereits zu einem frühen Zeitpunkt an den Versuchen der Wiederentdeckung der Konservativen Revolution und der Modernisierung der eigenen Ideologie beteiligt, so über die Zeitschrift Fragmente. Bereits Anfang der sechziger Jahre wurden in diesen Kreisen über Themen wie »Das Verhältnis der Jugendbewegung/bündischen Jugend zu Gesellschaft und Staat« debattiert.7 Die Veränderung von Gesellschaft und Staat war ebenso wie heute und lange vor den Ereignissen des »magischen Jahres« 1968 das zentrale Thema. Die angestrebte Veränderung zielte nicht auf Demokratisierung der Demokratie, sondern auf Führung in der Demokratie. Oder, wie Christean Wagner, damals CDU-Kultusminister in Hessen und heute im »Berliner Kreis« der CDU, 1988 seinen Vortrag bei der »Akademischen Feierstunde« im Frankfurter Römer zum 30. Jahrestag der Wiedergründung der »Deutschen Hochschulgilde« betitelte, um »Elitebildung in der Demokratie«. Richtiger wäre wohl gewesen: »Elite statt Demokratie«.

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Die Homestory über den Herausgeber von Sezession auf seinem Rittergut in Schnellroda ist zu einer »Art journalistischem Subgenre« geraten. Eine lange Zeit ziemlich esoterische Szene ist mittlerweile in den Fokus der Mainstreammedien geraten. Götz Kubitschek in seinem Arbeitszimmer

Alleine hätte dies der rechte Flügel der nach der Nazizeit ohnehin stark geschwächten Jugendbünde wohl kaum geschafft, selbst wenn die gezielte Besetzung von Schlüsselpositionen in Staat und Gesellschaft umfassend gelungen wäre. Doch man war Teil eines Geflechtes von Kleingruppen und Zirkeln, die die Lösung der extremen Rechten von der Vergangenheitsfixierung der NPD anstrebten. Gruppen wie die um die »nationalrevolutionäre« Hamburger Zeitschrift Junges Forum arbeiteten einerseits an der Wiederentdeckung der »Konservativen Revolutionäre« und andererseits an der Erschließung zusätzlicher Traditionslinien und neuer Themenfelder.

Ideenimport aus Frankreich

Ein Schlüsselereignis dabei war sicherlich der Aufenthalt des jungen »Nationalrevolutionärs« Henning Eichberg (1942–2017) bei einem Sommerlager der französischen »Vereinigung Nationalistischer Studenten« (FEN), einer frühen Struktur der Nouvelle Droite, im Jahr 1967. Damals lernte er eine andere Traditionslinie des Faschismus kennen als die NS-Ideologie. Einen Rassismus, der wissenschaftsförmig argumentierte. Eine Ideologie, die Nationalismus und soziale Frage zu einer Synthese zusammenführen wollte. Eine extreme Rechte, die sich mit Ökologie und Regionalismus neue Themenfelder erschloss. Extrem rechtes Denken, das den Nationalismus in Richtung einer Europakonzeption überwinden wollte. Und nicht zuletzt junge, aktivistische Kader, die bereit waren, von den Aktionsformen und Inhalten der radikalen Linken, besonders des Situationismus, zu lernen. All dies war in der Bundesrepublik bei der Altherrenriege der NPD und den verstaubten Kulturvereinigungen rechtsaußen vollkommen undenkbar. Im Verein mit anderen Nationalrevolutionären versuchte Eichberg, diese Ansätze nach Deutschland zu importieren.

Gelungen ist dies bestenfalls fragmentarisch. Und wenn Götz Kubitschek ehrlich zu sich wäre, dann müsste er zugeben, dass er nur wenig dazu beigetragen hat, das zu ändern. Er hat die Gunst der Stunde genutzt, die sich ihm mit dem Entstehen von AfD und Pegida geboten hat. Mehr nicht. Er hat sein Anwesen als Treffpunkt zur Verfügung gestellt, hat Angebote gemacht und junge rechte Kader zusammengeführt. Das ist mehr, als die Konkurrenz im eigenen Lager von sich behaupten kann. Doch es wäre irreführend, der New York Times in ihrer Charakterisierung seiner Person als »führender nationalistischer Intellektueller« zu folgen.

Auf die Identitären, die heute die Seminare des Instituts füllen, ist er erst aufmerksam geworden, nachdem diese in Frankreich umfassende Medienöffentlichkeit mit ihrer Besetzung einer im Bau befindlichen Moschee erzielten. Den heute von ihm verlegten Renaud Camus mit seiner »Revolte gegen den großen Austausch«, der Verschwörung der Eliten gegen das Volk mit dem Ziel seiner Ersetzung, lernte er erst in Frankreich durch die Identitären kennen. Wesentliche Stammväter der »Neuen« Rechten wie der Romancier und Europa-Ideologe Pierre Drieu La Rochelle oder der strategische Vordenker Dominique Venner, auf die Eichberg 1967 in Frankreich gestoßen war, wurden nicht in Kubitscheks Verlag »Antaios« veröffentlicht, sondern erst unlängst im Dresdner »Jungeuropa-Verlag« des Burschenschafters Philip Stein. Seinem Projekt einer rechten Kulturmesse blieb der Erfolg versagt.

Nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte, auch wenn um Kubitscheks Stand auf der Frankfurter Buchmesse erneut viel Wind gemacht wurde. Ein kluger Philosoph des Mittelalters kam einmal zu der weisen Einschätzung, dass die Zeitgenossen jeweils nur als Zwerge auf den Schultern von Riesen stehen. Im Falle Kubitscheks und seines Umfelds handelt es sich sogar lediglich um die Schultern von Scheinriesen. Damit ist das Projekt nicht ungefährlich, keineswegs. Es handelt sich eben nicht um den ebenso freundlichen wie ängstlichen Scheinriesen Tur Tur aus Michael Endes »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer«. Der ist traurig, weil ihn die Leute fürchten. Kubitschek und sein Umfeld dagegen wollen Angst schüren und diese für sich nutzen8. Das sollte analysiert werden. Ruhig, gelassen und gründlich.

Anmerkungen

1 Zur Rezeption dieser Traditionslinie siehe Alexander Pschera: Heilige Tiefe und geistiger Überblick: Die Zeitschrift Antaios (1959–1971), in: Sezession Nr.16 (2007), S.18-23

2 Mit dem vernichtenden Urteil, es handele sich um »Schwindel und Pseudowissenschaft« Daniel Dubuisson: Impostures et pseudo-science. L’œuvre de Mircea Eliade, Villeneuve, 2005

3 Es sollte nicht vergessen werden, dass auch das Vorbild, der »Bloc identitaire«, aus einer »nationalrevolutionären« Gruppierung entstand, die 2002 verboten wurde, da ein Anhänger ein Attentat auf den französischen Präsidenten versucht hatte. Auch die immer wieder beteuerte Gewaltlosigkeit der heutigen Identitären ist ein Mythos. Vgl. zuletzt http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2017/10/10/identitaerer-ermoeglichte-mit-illegalem-waffenverkauf-islamistenanschlag-in-frankreich_24855 (10.10.2017)

4 Johann Schloemann: Er predigt den Austausch, sie marschiert auf Fackelzügen, Süddeutsche Zeitung v. 12.10.17

5 Zu der darin zum Ausdruck kommenden »Faszination des Bösen« vgl. Charles Paresse: Rechte Homestory. Im Journalismus hat sich ein neues Genre etabliert. Der Besuch bei Götz und Ellen Kubitschek; in: Der Rechte Rand, Nr.168, Sept./Okt. 2017, S. 8 f.

6 Zum zwiespältigen Verhältnis zum »Nationalsozialismus« vgl. Helmut Kellershohn: Im »Dienst an der nationalsozialistischen Revolution« – Die Deutsche Gildenschaft und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus; in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 19/1999–2001, S. 255–292

7 Vgl. Jürgen Reulecke (Hg.): 50 Jahre danach – 50 Jahre davor. Der Meißnertag 1963 und seine Folgen, Göttingen 2014, S. 219

8 Dieses Bild des eigenen Spektrums bemüht Götz Kubitschek in der jüngsten Ausgabe seiner Hauszeitschrift: »Annäherung an den Scheinriesen«, in: Sezession Nr.80, Oktober 2017, S. 8–11

Volkmar Wölk schrieb an dieser Stelle zuletzt am 26. September zu Theorie und Geschichte der »Querfront« und deren Anwendung durch die »Neue« Rechte.

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