Aus: Ausgabe vom 20.10.2017, Seite 11 / Feuilleton

Marias Sturmprediger

Texte von Gerhard Oberkofler über klerikale Ideologie und Marxismus

Von Arnold Schölzel
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Marienstatue aus Osteuropa und Lenin-Büste (von 1974 bis 1992 in Dresden) am 15. Juni auf dem Gelände einer Steinmetzfigur in Gundelfingen an der Donau

Zweimal ordneten Päpste in der Geschichte der katholischen Kirche ein »marianisches Jahr« an, 1954 und 1987/1988. Die jungfräuliche Muttergottes sollte die Schäfchen gegen Kommunismus, das Böse schlechthin, immunisieren. Josef Kardinal Frings aus Köln ließ 1954 zu diesem Zweck aus Portugal eine Kopie der Marienstatue von Fátima einfliegen – die Verbindungen der jungen Bundesrepublik zur faschistischen Salazar-Diktatur waren schließlich ausgezeichnet. 1987 feierte der polnische »Fátima«-Papst Johannes Paul II. die ideologische Macht der Heiligen. Die war im Verlauf des Jahres 1917 drei portugiesischen Hirtenkindern erschienen, parallel zu den russischen Revolutionen jenes Jahres, und hatte angeblich das Ende des Kommunismus prophezeit.

An solche und andere Sternstunden des siegreichen klerikalen Kampfes gegen den Marxismus erinnert der österreichische Wissenschaftshistoriker und langjährige Leiter des Archivs der Universität Innsbruck, Gerhard Oberkofler, in seinem Band »Vatikanideologie und Marxismus. Texte über Aspekte einer historischen Konfrontation«. Das Buch enthält zwölf Beiträge des Autors, die er in den vergangenen Jahren während seiner Beschäftigung mit dem schweizerischen Marxisten Konrad Farner (1903–1974) verfasst hat. Über ihn hatte der Autor 2015 eine Monographie veröffentlicht, nun folgen kommentierende, einbettende Texte – mit Bezug auf die Feuerbach-Marxsche Religionsauffassung, auf den Bildhauer Alfred Hrdlicka, den Friedenskongress von Intellektuellen 1948 in Wroclaw, das päpstliche Dekret gegen katholische Kommunisten, den Kampf der Kurie gegen Papst Franziskus und anderes. Die Skizzen werden ergänzt durch die Dokumentation von Texten Farners, die als Typoskripte in der Zentralbibliothek Zürich in dessen Nachlass archiviert sind.

Oberkofler erläutert im Vorwort den Buchtitel so: »Vatikanideologie und Marxismus spiegeln die Interessengegensätze der Gesellschaft wider, in der sie existieren. Der Vatikan stellte sich, angezogen von imperialer Macht und Geld, mit seiner Ideologie bis in die Gegenwart herauf in den Dienst des kapitalistischen Systems«. Mehr als allgemeines Bedauern über »die schreckliche Realität der Welt« habe er nie verlautbart. Die Auffassung von Johannes Paul II. und seinem deutschen Nachfolger Benedikt XVI., der Marxismus sei satanisch, war, so Oberkofler, stets präsent. Er räumt ein, dass mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 ein Dialog zwischen christlichen und marxistischen Intellektuellen möglich wurde. Dieser sei aber über »Deklarationen des gegenseitigen Respekts« nie hinausgelangt. Neben diesen beiden sieht der Autor noch eine dritte in der Kirche verbreitete Position: die Nutzung der marxistischen Analyse »zur Entschleierung der kapitalistischen Barbarei«. Oberkofler würdigt vor allem Befreiungstheologen, die »mit ihrem prophetischen Christentum zu einer revolutionären Kraft der Umkehr der Geschichte« geworden seien.

Für alle drei Richtungen im zeitgenössischen Katholizismus finden sich in diesem Band, der durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat und ein Personenregister gut erschlossen werden kann, eine Fülle von Quellen. Oberkofler erinnert u. a. daran, dass Vertreter insbesondere des deutschen Klerus in den 50er Jahren sogar den Einsatz von Atomwaffen gegen die sozialistischen Länder rechtfertigten. Er nennt sie »Atomkanoniere«, Anhänger einer »Theologie des Todes« und die lautstärksten Exemplare der Zunft »Sturmprediger«. Ähnliches wiederholt sich bis heute. Oberkofler: »Fátima ist in der Gegenwart ein Synonym für die katholischen Kampfmissionen in den Nachfolgerepubliken der früheren Sowjetunion, nicht zuletzt in Randgebieten zur Volksrepublik China.« Er meint mit Recht, »die von Papst Franziskus ausgehende Inspiration hat offenkundig Grenzen«.

Gerhard Oberkofler: Vatikanideologie und Marxismus. Texte über Aspekte einer historischen Konfrontation. Mit Illustrationen von Thomas J. Richter. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2017, 188 Seiten, 24,90 Euro


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