Aus: Ausgabe vom 17.10.2017, Seite 14 / Feuilleton

Gegen Glauben und Rauben

Von Rafik Will
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»Nie mehr warten«, ein Sprech-, Sing- und Musikdrama über die beiden russischen Revolutionen von 1917: Effi Rabsilber spricht die Rolle der »Revolutionärin«

Früher brannte noch das Radio. In dem uralten Ärzte-Song »Radio brennt« wird ein Radio kleingehackt, gegen die Wand geschmissen und angezündet – nur weil die Ärzte nie zu hören sind. Ein Problem, das sich heute erledigt hat. Von den Ärzten hört man mittlerweile öfter was, zum Beispiel heute von deren Sänger Farin Urlaub in Jochen Schliemanns und Philipp Kressmanns  »Schlechte Lieder, die lausig klingen – Das Farin-Urlaub-Special« (WDR 2017; Ursendung Di., 19 Uhr, WDR 3 und Wdh., 23 Uhr, 1Live). Kurze Zeit später werden die Nominierten beim diesjährigen  »ARD-Pinball«, einem Wettbewerb für »das beste Kurzhörspiel«, präsentiert (SWR/Autorenproduktion 2017; Ursendung Teil 1/2 Di., 19.20 Uhr, SWR 2). Fünf Stücke haben es in die Endauswahl geschafft. Im ersten Teil werden Mariola Brillowskas »Vulkan« und Leo Hofmanns »Mobile Karma« zu hören sein. Der zweite Teil folgt eine Woche später. Die Gewinner werden im November bei den »ARD-Hörspieltagen« in Karlsruhe bekanntgegeben.

»Ein Sprech-, Sing- und Musikdrama über die beiden russischen Revolutionen von 1917«, wie es im Untertitel heißt, legen Dietmar Dath (Text) und Thomas Weber (Musik) mit  »Nie mehr warten« (SWR 2017; Ursendung Di., 23 Uhr, SWR 2) vor. Das Stück verhandelt die Zeit zwischen Februar- und Oktoberrevolution, nach dem Sturz des Zaren und vor dem Sieg der Bolschewiki. Im Zentrum findet sich eine kunstvoll ausgearbeitete und sprachlich rhythmisierte, teils wie ein Rap oder Spoken Poetry wirkende Diskussion zwischen einer Revolutionärin (gesprochen von Effi Rabsilber), einem Reaktionär (Christian Redl) und einer schwankenden »Stimme der Besorgnis« (Susanne Marie Wrage). Während der Reaktionär eine Rückkehr zu den alten, zaristischen Verhältnissen mittels »Befehl und Gehorsam« fordert, setzt sich die »Stimme der Besorgnis« für die Übergangsregierung unter Kerenski und für »Handel und Wandel« ein. Die Revolutionärin fasst diese beiden Positionen als »Glauben und Rauben« zusammen.

Natürlich wird auch über Lenin gesprochen, er kommt in Auszügen aus Briefen an seine Geliebte Inessa Armand selbst zu Wort, die von Martin Rentzsch vertont werden. Die sphärisch-aufbruchsfreudige Musik hat das Kammerflimmer Kollektief (neben Thomas Weber Heike Aumüller, Johannes Frisch und als Gast Paul Lovens) umgesetzt, Regie führten Iris Drögekamp und Thomas Weber. Das wundervolle an diesem Hörspiel ist, dass es nicht nur einen zeitgeschichtlichen Rückblick als unerwartet frisch anmutendes Historiendrama bietet. Es liefert eine auch im fortdauernden Kapitalismus anwendbare universale Charakterisierung gesellschaftlicher Positionen. Stark treten nur Reaktionär und Revolutionärin auf. Der eine aus Angst um den Zerfall der alten Machtverhältnisse, die andere aus der Überzeugung von der Notwendigkeit der Überwindung der Ohnmacht. Die besorgte Stimme ist wechselnden Stimmungen unterworfen und bricht nur der Brutalität der Reaktionäre Bahn.

Ein weiteres neues Hörspiel ist Christian Bernhardts Tragikomödie  »Merkwürdiger Junge, gefunden im Neuwagen« (DLF Kultur 2017; Ursendung Mi., 21.30 Uhr, DLF Kultur). Neue Features kommen mit Hans Rubinichs »Papa war am Breitscheidplatz – Der Berliner Terroranschlag und die Folgen« (RBB 2017; Ursendung Sa., 9 Uhr, MDR Kultur und RBB Kulturradio) über die Hinterbliebenen und Kathrin Reikowskis  »Digital First?« (BR 2017; Ursendung Sa., 13 Uhr und Wdh. So., 21 Uhr, Bayern 2) über moderne Optimierungsstrategien in Unternehmen. Letzteres ist eine sehr gelungene, weil informative Arbeit, die über die sachliche Darstellung von Arbeitsabläufen eine substanzielle Kritik daran erarbeitet.

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