Aus: Ausgabe vom 11.10.2017, Seite 8 / Inland

»Plötzliche Einhelligkeit in der Berichterstattung«

Polarisiert und radikalisiert? – Studienautor fordert kritische Öffentlichkeit. Ein Gespräch mit Oliver Decker

Interview: Anselm Lenz
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Veranstaltung zu »Wahrheit« und »Fake News« im April in Berlin? Entscheiden ist laut Decker, ein mündiger Leser zu sein

Für Ihre Studie haben Sie das Vertrauen in die Medien in der Bundesrepublik Deutschland gemessen. Was haben Sie herausgefunden?

Nicht das, was man erwarten könnte, wenn man sich die lautstarken Demonstrationen von Pegida und ähnlichen Gruppierungen anschaut. Es gibt den großen Medien gegenüber Vertrauen, zumindest auf Meldungsebene. Wir sehen aber auch, dass es zu einer Polarisierung kommt: Während ein Großteil der Menschen davon ausgeht, dass es sich im Großen und Ganzen um glaubwürdige Berichterstattung handele, haben wir eine Gruppe von Menschen, die sehr misstrauisch ist. Diese Gruppe entspricht dem rechtsautoritären Milieu, wenn wir in rechtsautoritäre und demokratische Milieus unterscheiden. Das sind die 20 Prozent der Menschen, die den Medien zutiefst misstrauen.

Was sind die glaubwürdigen Medien aus Sicht der Befragten?

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, ÖRR, und Tageszeitungen haben insgesamt den größten Glaubwürdigkeitskredit bekommen. Wir können erkennen, dass die meisten Menschen dem Internet mit großem Misstrauen begegnen. Und: Sowohl im Osten als auch im Westen ist es die Boulevardpresse, die am wenigsten Glaubwürdigkeit hat. Im Mittelfeld kommt der private Rundfunk, dessen Glaubwürdigkeit aber auch als niedrig eingeschätzt wird.

Nun ist die Wahrheit seit jeher umkämpft: In den letzten Jahren schien der Begriff etwa in neuen völkisch-nationalistischen Heften aufgegriffen, aber auch von etablierten neoliberalen Nachrichtenillustrierten. Ist diese Erscheinung durch Fehlläufer des postmodernen Wissenschaftsbetriebes und der analytischen Philosophie zustande gekommen, wo sogar Erkenntnisse der Naturwissenschaften in Frage gestellt werden – und damit der menschliche Verstand?

Es gibt ja die beiden völlig auseinandergehenden Positionen in der Gesellschaft, die ich genannt habe. Wir haben jedoch durchaus eine Form von Lückenpresse, wie das ein Journalist mal selber genannt hat. Die Presse kann ja auch gar nicht anders, als auszuwählen, um Orientierung zu bieten. Die Aufgabe des Lesers ist also weniger, zwischen »Wahrheit« und »Fake News« zu unterscheiden, sondern überhaupt ein mündiger Leser zu sein. Wir stellen aber auch durchaus fest, dass es unterschiedliche Interessen in der Gesellschaft gibt, von denen es die einen leichter haben und die anderen schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Und dass es durchaus auch plötzliche Einhelligkeit in der Berichterstattung gibt, denken wir nur an die sogenannte Griechenland-Krise oder die Entwicklungen in der Ukraine. Man konnte feststellen, dass plötzlich in der Presselandschaft im wesentlichen unisono berichtet wird. Die Frage für den Leser muss sein: Welche Interessen sind mit welcher Berichterstattung verbunden? Da sind die Menschen gefordert, als politisch denkende Citoyens und Bürger dafür Sorge zu tragen, dass es eine kritische Öffentlichkeit gibt.

Welche Medien benutzen Sie selbst?

Ich selber lese den Freitag, die SZ, die FAZ. Das sind die Printmedien, mit denen ich mich hauptsächlich informiere – und ansonsten höre ich den Deutschlandfunk. Kritische Leser sollten immer mehrere Medien nutzen – und auch andere als die, die ich genannt habe – um herauszufinden, welche Interessen möglicherweise im Hintergrund stehen.

Oliver Decker ist Sozialpsychologe und Rechtsextremismusforscher

Für die Otto-Brenner-Stiftung haben er und seine Kollegen 2.500 BRD-Bürger zur Glaubwürdigkeit der Medien persönlich in den Haushalten befragt (repräsentative Stichprobe). Trotz anhaltend sinkender Werte bekommen demnach der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit 55,7 Prozent und die Tageszeitungen mit 54 Prozent weit vor privatem Rundfunk (35,2 Prozent) und dem Internet (18,5 Prozent) in Westdeutschland noch knapp überwiegend Zustimmung. Ostdeutsche brachten zu jeweils etwa zehn Prozentpunkten weniger den Begriff »glaubwürdig« mit den Medien in Verbindung

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