Aus: Ausgabe vom 12.10.2017, Seite 16 / Sport

Sprints mit Ei

Rugby-Häppchen für die Werbepause: Eine Traditionssportart soll vermarktet werden

Von Oliver Rast
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Zwischen Weißbier und Weißwurst: Leon Hees (r.) erzielt beim »Oktoberfest 7s« am 29.9. einen Versuch gegen Argentinien

Beim Rugby raufen kräftige Kerls auf dem Platz um ein Ei, das ist normal. Reibereien gibt es in jüngster Zeit aber auch abseits des Platzes zwischen Klubs und Deutschem Rugby-Verband (DRV): Gerungen wird hier um Spielvarianten und Vermarktungsstrategien.

Das klassische Rugby ist mit seinen je 15 Akteuren eine taktisch komplexe, oft unübersichtliche Angelegenheit mit Standardformationen wie »Gedränge« oder »Paket«. Zweimal 40 Minuten lang versuchen ineinander verkeilte Kontrahenten einander zu schieben, um das Ei für das eigene Team zu erobern. Um zu punkten, muss das Spielgerät per Lauf- und Passspiel über die gegnerische Mallinie befördert werden. Der deutsche Meister wird nach langer Hin- und Rückrunde unter den vier erfolgreichsten Klubs ermittelt. Das sei alles zu wenig TV-gerecht und zuschauerfreundlich, meinen »Rugby-Reformer«.

Als populärer gilt eine Variante mit nur jeweils sieben Akteuren auf dem Großfeld. Dieses »7er-Rugby« ist ein Turniersport. Ein Match dauert nur zweimal sieben Minuten, die Teams absolvieren mehrere pro Turniertag. Ansonsten gelten die üblichen Regeln. Verfechter sehen in der Variante mehr Dynamik; Athletik und Event würden verbunden.

Mit seinen 300 Millionen Anhängern weltweit ist Rugby ein ­lukrativer Markt. Anders als in den Hochburgen im britischen Commonwealth ist der Sport hierzulande kaum kommerzialisiert. Die Spieler sind Amateure, das Medienecho ist gering. Einige sehen nach dem ersten Olympiaauftritt des 7er-Rugbys bei den Spielen in Rio de Janeiro 2016 eine Trendwende. »Rugby erlebt in Deutschland einen Aufschwung. Das macht die Sportart für das Fernsehen noch interessanter«, meint Alexander Wölffing, »Leiter Sports« bei Sport 1.

Ende September ging im Rahmen des Oktoberfestes im alten Münchner Olympiastadion »das größte Rugby-Spektakel auf deutschem Boden« über die Bühne. Die Stadtreklame versprach »Nonstop-Action« und eine »einmalige Partyatmosphäre«. Sport 1 übertrug das 7er-Turnier live. Die Rugby-Häppchen zwischen Weizenbier und Weißwurst lösten indes keinen »Hype« aus. Und wie Lutz Joachim, Teammanager vom ­Rugby-Klub 03 aus Berlin, versichert, »ist keine nachhaltige Wirkung für die 15er-Bundesliga zu erwarten«.

Der Disput ist da. »Es kommt seit Jahren immer wieder zu Konflikten und Terminkollisionen mit der 15er-Bundesliga und dem DRV«, sagt der Bundesspielleiter im DRV, Ingo Goessgen. Verbandspräsident Klaus Blank hingegen kann »keine Kontroverse« erkennen, allenfalls »Terminprobleme in der Saisonplanung«. Die Diskussion dreht sich nicht nur um den Kalender. Streitpunkt ist, ob 7er- und 15er-Rugby kompatibel sind. »Es sind zwei Disziplinen in einer Sportart«, sagt Blank. Goessgen widerspricht: »Aus Vereinssicht sind es zwei Sportarten.«

Während im 15er-Rugby aufgrund des Spielsystems mit schlankem Sturm und breiter Verteidigung alle Spielertypen zum Einsatz kommen, sind beim 7er-Rugby vor allem Sprinter gefragt. »In einem mehrmonatigen Crashkurs kann ein Leichtathlet zu einem guten 7er-Rugby-Spieler werden«, sagt Christoph Gutmann, Leiter der Rugby-Abteilung des SC Frankfurt 1880. Allerdings lasse sich aus einem Leichtathleten kein versierter 15er-Rugby-Spieler machen. Lutz Joachim von den 03ern spitzt zu: »Körperlich, taktisch und trainingsmethodisch sind das 7er- und 15er-Rugby unterschiedlich, so dass eine Trennung der beiden Varianten unerlässlich ist.«

Die 7er-Spieler rekrutieren sich aus den 15er-Rugby-Klubs. Nach internationalen 7er-Turnieren werden Nominierte seitens des DRV mit einer »Schutzsperre« für Spiele in der 15er-Bundesliga belegt. Der Grund: Die Spieler brauchen mehrere Trainingseinheiten, um sich wieder auf die Spielweise im 15er-Rugby einzustellen. Wenn Leistungsträger nicht spielberechtigt sind, sei das eine Wettbewerbsverzerrung im Ligabetrieb, meint Goessgen. Auch Ex-DRV-Präsident Claus-Peter Bach kritisiert die aktuelle Verbandspolitik. Der DRV habe in den vergangenen Jahren »nicht immer glückliche Entscheidungen getroffen«, so Bach. Es sei zu einer »Konkurrenz auf der Ebene der Nationalmannschaften im 7er- und im 15er-Rugby gekommen«.

DRV-Chef Blank plädiert für eine reguläre 7er-Liga, ohne das 15er-Rugby aufgeben zu wollen. Phil ­Paine, Manager beim TV Pforzheim, hält dagegen: »Eine 7er-Liga ist weder notwendig noch wünschenswert. Das 7er-Rugby braucht idealerweise das Turnierformat.« Die Spielerdecke sei derzeit auch viel zu dünn, um parallel eine 7er-Liga zu starten.

Sponsoren und TV-Macher tendieren zum leichter konsumierbaren 7er-Rugby. Der Teamgeist als Credo des traditionellen Rugbys lässt sich schwerer auf die Werbetafel bringen als ein schickes Sprint-As. Darum gibt Wölffing von Sport 1 sich »überzeugt, dass der DRV auf dem richtigen Weg ist, das 7er-Rugby als Marke weiter zu etablieren«.


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