Aus: Ausgabe vom 12.10.2017, Seite 15 / Medien

Erst kommt das Fressen

Organisationen und westliche Staats- und Medienvertreter basteln an einer ­journalistischen Opposition in Kuba. Auch die Taz hilft dabei

Von Volker Hermsdorf
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Geld aus den USA, Inhalte total »unabhängig«: Büro der Medienplattform OnCuba in Havanna

Der Stolz über die Auszeichnung ihres Schützlings war spürbar, als die Tageszeitung (Taz) am 2. Oktober berichtete, dass »zum ersten Mal ein Kubaner« einen nach Gabriel García Marquéz benannten angesehenen lateinamerikanischen Journalistenpreis gewonnen habe. Die Wortwahl »gewonnen« statt »verdient« ist eine der wenigen Formulierungen, die der Wahrheit entsprechen. Denn bereits mit der Überschrift »Der Preis geht nach Havanna« täuschte das Blatt seine Leser, auch wenn das dann im Text richtiggestellt wurde. Es wird behauptet, der prämierte Artikel des Autors Jorge Lázaro Carrasco sei erstmals in der »unabhängigen« Internetzeitschrift El Estornudo erschienen.

Tatsächlich lebt Carrasco seit mehr als einem Jahr nicht in Havanna, sondern in Miami, wohin der El Estornudo-Mitbegründer sich im August 2016, ein Jahr nach seiner Teilnahme an einem »Kuba-Workshop« der »Taz-Panter-Stiftung«, abgesetzt hatte. Diese Seminare werden überwiegend vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik finanziert. Von den Betreuern werden die Teilnehmer, jeweils zehn junge kubanische Journalisten, dann Organisationen wie der vom US-Dienst »National Endowment for Democracy« (NED), exilkubanischen Contra-Gruppen und den (von der französischen Regierung finanzierten) »Reportern ohne Grenzen« (ROG) zugeführt. Auch ein Kontakt zu gut vernetzten Systemgegnern wie dem in der Bundesrepublik lebenden Schriftsteller Amir Valle wird vermittelt. Die Seminare seien ein »Beitrag zur Öffnung des strikt reglementierten Informationssektors« in Kuba, erklärte die Bundesregierung im März 2017 in überraschender Offenheit. »Durch Besucherprogramme, Mediendialoge und Projektarbeit eröffnen wir vorpolitische Freiräume und nutzen Möglichkeiten der zivilgesellschaftlichen Öffnung«, heißt es in der offiziellen Unterrichtung des Auswärtigen Amtes weiter. Eingeladen werden dazu auch junge Journalisten von staatlich finanzierten öffentlichen Blättern, Blogs oder Sendern, der größte Teil rekrutiert sich allerdings aus Mitarbeitern der in Kuba wie Pilze aus dem Boden sprießenden »unabhängigen Medien«. Die erweisen sich zwar als »unabhängig« von der kubanischen Gesellschaft, sind jedoch in hohem Maße abhängig von ausländischen Geldgebern.

Zu den ersten Vertretern dieser Art in Kuba gehörten der Blog Generation Y und die Onlinezeitung 14 y Medio der Bloggerin Yoani Sánchez. Deren enge Verbindungen zur CIA und zu anderen US-Geheimdiensten gelten durch zahlreiche von Wikileaks veröffentlichte Dokumente als hinlänglich belegt. Dadurch kann Sánchez zwar weiterhin als Stichwortgeberin für Medien im Ausland agieren, gilt in Kuba aber als »verbrannt«. Als Ergänzung und Alternative zu bekennenden Systemgegnern wie Sánchez wurde in den letzten Jahren ein Netz neuer medialer Plattformen wie Internetportalen und von ausländischen NGOs, Regierungen oder Medienunternehmen unterhaltener Zeitschriften geschaffen. Dazu gehören das vom niederländischen Außenministerium unterhaltene Magazin El Toque Cuba, die von der US-Medienfirma Fuego Enterprises Inc. herausgegebene Zeitschrift On Cuba oder zahlreiche weitere, aus undurchsichtigen ausländischen Quellen finanzierte Onlineportale wie eben El Estornudo oder Periodismo de Barrio. Zu deren Praxis gehört die Beschäftigung angesehener kubanischer Journalisten und Intellektueller, die sich nicht offen zur Konterrevolution bekennen, sondern auf eine »Modernisierung des Systems«, »offene Debatten« und »mehr Ausgewogenheit in den Medien« drängen, analysiert der Publizist und Universitätsprofessor Raúl Antonio Capote in dem Blog Razones de Cuba. Angelockt würden die »Söldner der Feder und des Wortes«, wie Capote die oft unbewussten Helfer westlicher Regierungen und Geheimdienste nennt, durch Einladungen zu Auslandsreisen und eine »viel höhere Bezahlung als in unseren Medien möglich«. Als Ergebnis, klagt der Autor, gebe es mittlerweile sogar »Leute, die in der Lage sind, heute in der revolutionären Presse, in Granma, Juventud Rebelde und anderen, zu schreiben und am nächsten Tag in feindlichen Medien«.

»Erst kommt das Fressen, dann die Moral«, konstatierte schon Bertolt Brecht. Und da einiges in diese »unabhängigen Journalisten« investiert wird, gehört deren »Umzug« nach Miami oder Madrid nicht zum Programmauftrag. Der Fall des 27jährigen Jorge Lázaro Carrasco ist eher so etwas wie ein Betriebsunfall, den die Taz auch mit der Behauptung, der kolumbianische Journalistenpreis gehe »nach Havanna«, nicht kaschieren kann. Gut ins Konzept passt dagegen die Entwicklung des Jungjournalisten Rogelio Serrano Pérez, der nach seiner Teilnahme am diesjährigen Seminar bei der Parteizeitung Adelante in Camagüey kündigte, um künftig für eine der besser zahlenden »Unabhängigen« zu schreiben. Er habe das damit begründet, dass er »nach dem Kuba-Workshop der Taz nicht mehr weiter bei Adelante arbeiten« könne, erfuhr das Onlineportal Amerika 21 von einem seiner Kollegen. Auf den Geschmack gekommen ist er möglicherweise auch durch monatelange Honorartätigkeiten für On Cuba, El Toque und Periodismo de Barrio, die für kubanische Verhältnisse gut zahlen können. Die mit immerhin 15.000 Dollar verbundene Auszeichnung für Carrasco wirkt ebenfalls stimulierend. Dem US-Neubürger ist sein Preis indes schnell zu Kopf gestiegen. »Wäre Kuba ein normales Land, dann wäre El Estornudo morgen auf der Titelseite der Granma«, zitiert die Taz ihren Schützling und fügt ein weiteres Zitat hinzu: »Wer ehrlich und genau über Kuba erzählen will«, schreibt Carrasco auf Facebook, »ist für die kubanische Regierung Pest, Lepra, Krebsgeschwür.«

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