Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 11 / Feuilleton

Wie gemein! Buchmesse-Bericht

Von Klaus Bittermann
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Macht gute Literatur, wenn es sie überhaupt gibt, ihre Leser zu guten Menschen? Antworten gibt es viele. Von Denis Scheck beispielsweise

Das Schöne auf der Buchmesse ist, dass sich alle Besucher für gute, wenn nicht sogar die besseren Menschen halten, allein weil sie lesen und »das gute Buch« lieben. Aber ist nicht der Großteil der Literatur, der auf der Messe angeboten wird, einfach nur Müll und überflüssig? Was sind dann eigentlich die Kriterien für die sogenannte gute Literatur? Und macht gute Literatur, wenn es sie überhaupt gibt, ihre Leser zu guten Menschen? Antworten gibt es viele. Für Denis Scheck beispielsweise ist Literatur gut, wenn sie einem ermöglicht, die Welt anders zu sehen. Aber die Welt »anders« sehen, das lässt sich auf andere x-beliebige Weise bewerkstelligen, dafür braucht man kein Buch. Denis Scheck sieht sich als Instanz, über das »Schöne, Wahre und Gute« in der Literatur zu entscheiden, und das tut er sehr routiniert und eloquent, aber nicht immer liegt er richtig.

Man müsste ein Buch diskutieren, was voraussetzt, dass man es gelesen und Kriterien hat, nach denen man es beurteilt. Vermutlich hat jeder seine eigenen Kriterien, wenn er sich nicht einfach von Denis Scheck sagen lässt, was man lesen soll und was nicht. Jeden Tag um 11 Uhr nimmt sich Scheck für eine halbe Stunde im ARD-Studio an die 30 Bücher vor, d. h. für jedes Buch bleibt zirka eine Minute, und manchmal lässt sich in dieser Minute nicht mehr unterbringen als der Titel des Buches, ein bisschen Inhaltsangabe und so was wie »tolles Buch, sollte man unbedingt lesen«. Die Bücher, sagt Scheck, hat er alle gelesen. Hat das aus Scheck einen besseren Menschen gemacht? Man weiß es nicht.

Das aber spielt auf der Buchmesse insofern eine gewisse Rolle, weil rechte Verlage nun Bücher präsentieren, von denen sich nicht behaupten lässt, dass ihre Lektüre bessere Menschen hervorbringt. Rechte Verlage auf der Messe gab es schon immer, sagt Tobias Voss von der Buchmesse bei einer Diskussion mit Journalisten, man könne nur gegen sie vorgehen, wenn sie gegen geltendes Recht verstießen. Das finden auch die anderen Diskutanten, und dass man diesen rechten Verlagen kein Forum geben wolle, das die Aufmerksamkeit auf sie lenke, was man aber mit solchen Veranstaltungen genau tut. Der Antaios-Verlag nutzt die Gelegenheit. Zwei Vertreter (mit und ohne BDM-Zopf) rufen dazwischen, warum man zu dieser Runde nicht eingeladen worden sei, schließlich sei man ja Thema. Es kommt einem vor wie ein Ritual. Sowohl das eher spärliche Publikum als auch die Podiumsteilnehmer können nun beweisen, dass sie die besseren Menschen sind.

Die Aufmerksamkeitsstrategie der Rechten geht auf, die auf Kultur bedachten Menschen haben sie ganz demokratisch in die Schranken verwiesen. Wie gemein! Was nicht zur Sprache kommt, ist die Tatsache, dass rechtes Denken schon immer unter der Hegemonie der linksliberalen Kultur prima gedeihen konnte, dass man mitunter sogar selbst rechte Bücher in die Bestsellerliste hievt, weil etwa ein Spiegel-Redakteur glaubt, es sei wichtig, sich mit rechtem Gedankengut auseinanderzusetzen. Aber warum sollte man das tun? Muss man wirklich an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass sie stinkt? Hätte man die rechten Verlage nicht einfach in irgendeiner Ecke unterbringen sollen, in der sie sich gegenseitig agitieren können? Das fragte Tobias Voss leider niemand.


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