Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 4 / Inland

Studenten suchen Obdach

Grassierende Wohnungsnot zum Semesterstart: Mieten steigen ungebremst, Heimplätze bleiben rar

Von Ralf Wurzbacher
Studentenwohnung_46195736.jpg
Schwarzes Brett in der Uni Freiburg (Baden-Württemberg): Studienanfänger haben bundesweit erhebliche Schwierigkeiten, ein bezahlbares Dach überm Kopf zu finden

Wie in den Vorjahren herrscht auch diesmal zum Auftakt des Wintersemesters vielfach akute Wohnungsnot. Wenn am Montag fast allerorten die Vorlesungszeit beginnt, werden bundesweit noch Tausende Studierende ohne feste Bleibe sein. Gründe dafür sind massenhaft fehlender Wohnraum und horrende Mieten. Einer Anfang dieses Monats veröffentlichten Studie zufolge haben die Preise in Groß- und Universitätsstädten seit 2010 um bis zu 70 Prozent zugelegt. Dazu hält der staatliche Wohnheimausbau mit dem steigenden Bedarf nicht annähernd Schritt. Um der Lage Herr zu werden, sind »innovative« Lösungen gefragt wie etwa in Nordrhein-Westfalen (NRW): Gestrandete werden dort kurzerhand außer Landes geschafft.

Die Aachener Hochschulen zählen heute rund 10.000 Hochschüler mehr als noch 2012. Weil für so viele in Stadt und Umland kein Platz mehr ist, wurde in Kooperation mit der niederländischen Gemeinde Vaals ein Wohnheim in unmittelbarer Grenznähe hochgezogen. Das Haus heißt »Katzensprung«, hat 250 Apartments zum Preis von 363 Euro pro Monat zu bieten und ist von allen Unis mit dem Bus in höchstens 20 Minuten erreichbar. Kreativ geht es auch andernorts zu: In Münster wurden Notunterkünfte für einen Euro pro Nacht eingerichtet und die Bewohner aufgerufen, Studenten bei sich aufzunehmen. Andere NRW-Städte setzen auf das Projekt »Wohnen für Hilfe«. Dabei werden Studenten möglichst kostenfrei bei Senioren oder Menschen mit Behinderungen einquartiert und müssen dafür im Haushalt helfen und andere Dienste übernehmen.

Derlei Maßnahmen sind gut gemeint, ändern aber nichts am Grundproblem. Während die Zahl der Studienplätze seit 2008 um 42 Prozent gestiegen sei, wurden »gerade einmal fünf Prozent mehr Wohnheimplätze mit staatlicher Förderung« geschaffen, beklagte am Montag der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), Achim Meyer auf der Heyde. Sein Verband hat die Kampagne »Kopf braucht Dach« gestartet, mit der zu größeren Anstrengungen in puncto Neubau und Sanierung von öffentlichem Wohnraum aufgerufen wird. Zwar wurden nach Jahren des Stillstands in einigen Bundesländern zusätzliche Kapazitäten geschaffen – allerdings längst nicht im nötigen Umfang. Bei zuletzt 2,8 Millionen Studierenden gibt es laut DSW derzeit nur 192.000 Wohnheimplätze.

Die übergroße Mehrheit muss sich auf dem freien Markt durchschlagen – und dabei immer tiefer in die Tasche greifen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat ermittelt, dass die Nettomietpreise bei Neuvermietungen für Studenten in Berlin binnen sieben Jahren um 70 Prozent angezogen haben, gefolgt von Stuttgart mit rund 62 und München mit 53 Prozent. Bayerns Landeshauptstadt ist und bleibt das mit Abstand teuerste Pflaster, hier werden laut IW-Auswertung im Schnitt 18,40 Euro je Quadratmeter fällig. In Stuttgart sind es 14,90 Euro, in Frankfurt am Main 14, in Heidelberg zwölf, in Berlin, Bonn und Köln jeweils elf Euro. Die Befunde decken sich mit einer aktuellen Erhebung des Moses-Mendelssohn-Instituts. Danach hat sich die Lage in den 93 untersuchten Universitätsstädten im fünften Jahr in Folge weiter angespannt. Ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft kostet demnach im Bundesmittel 353 Euro, vier Euro mehr als im Vorjahr. In den zehn begehrtesten Hochschulstädten werden dabei im Schnitt 434 Euro aufgerufen, sieben Euro mehr als 2016.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Detlev Schulz: Erstickte Kreativität (…) Das deutsche Bildungssystem wurde in den vergangenen Jahrzehnten konsequent den marktwirtschaftlichen Verwertungsszenarien unterworfen. Das Resultat dieser Strategie ist, dass kaum noch Innovation...

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland