Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 1 / Titel

Lufthansa macht den Geier

Konzern sichert sich größten Teil von Air Berlin und äußert Interesse an italienischer Fluggesellschaft Alitalia

Von Stefan Thiel
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Auf bestem Wege zum Monopolisten zu werden: Die Deutsche Lufthansa AG

An der Börse war man bereits im Vorfeld in Sektlaune. Die Aktien der Lufthansa stiegen am Donnerstag um 3,2 Prozent auf 25,34 Euro und damit auf den höchsten Stand seit mehr als 16 Jahren. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, halten Investmentbanker einen weiteren Anstieg auf 30 Euro je Aktie für wahrscheinlich. Das hat gute Gründe: Der Konzern wird zum großen Profiteur der Air-Berlin-Pleite. Am Donnerstag sollte in Berlin der Kaufvertrag zwischen der Lufthansa und der vormals zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft unterzeichnet werden. Dieser sichert dem deutschen Branchenprimus offenbar große Teile der insolventen Air Berlin.

Zuvor hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr der Rheinischen Post verraten, dass der Konzern »voraussichtlich 81 Flugzeuge übernehmen, 3.000 Mitarbeiter einstellen und dafür in Summe 1,5 Milliarden Euro investieren« werde. Mehr sei aus kartellrechtlichen Gründen nicht möglich, so Spohr. Die Beschäftigten der nicht insolventen Tochtergesellschaften Niki und LG Walter werden demnach direkt übernommen, die übrigen rund 1.500 Stellen sollen über Neueinstellungen bei der Lufthansa-Tochter Eurowings besetzt werden. Air Berlin verfügt insgesamt über eine Flotte von rund 130 Flugzeugen und eine Belegschaft von 8.000 Beschäftigten.

Gestern endete die Frist für die von Air Berlin exklusiv mit der Lufthansa und dem britischen Billigflieger Easyjet geführten Übernahmeverhandlungen. Während man sich nun mit der Kranich-Airline auf Details einigen konnte, werden die Gespräche mit Easyjet, die bis zu 30 Maschinen übernehmen will, fortgesetzt. »Wir verhandeln heute mit Easyjet weiter«, sagte ein Konzernsprecher am Donnerstag laut Reuters. Sollte es zu keiner Einigung kommen, könnte das Thomas-Cook-Tochterunternehmen Condor eine neue Chance auf ein Gebot erhalten.

Wie es für die Beschäftigten nach dem Aus für Air Berlin weiter gehen soll, blieb am Donnerstag unklar. Sowohl die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) als auch die Pilotenorganisation Vereinigung Cockpit hatten Sozialpläne und kollektive Übergangsregeln für die Mitarbeiter gefordert. Die Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Sahra Wagenknecht, forderte gestern eine Transfergesellschaft für die Beschäftigten: »Die Bundesregierung und die Lufthansa sind in der Pflicht, eine Transfergesellschaft für jene Teile der Belegschaft zu finanzieren, die nicht übernommen werden, bis diese anderswo eine Beschäftigung gefunden haben«, erklärte Wagenknecht.

Nachdem der Großaktionär Etihad, die staatliche Fluggesellschaft des Golfemirats Abu Dhabi, nicht mehr dazu bereit war, Geld in Air Berlin zu stecken, hatte die Fluggesellschaft Mitte August Insolvenz angemeldet. Der Flugbetrieb war seitdem nur durch einen Überbrückungskredit des Bundes in Höhe von 150 Millionen Euro gesichert worden. Am Montag hatte das Unternehmen in einem Brief an die Mitarbeiter erklärt, den Flugbetrieb zum Ende des Monats einzustellen.

Unterdessen giert man beim Krisenprofiteur Lufthansa nach noch Größerem: Konzernchef Spohr äußerte am Donnerstag gegenüber Reuters schon mal Interesse am ebenfalls insolventen Konkurrenten Alitalia. Sollte dort ein »Neustart« gelingen, sei man als »Nummer eins in Europa« gerne bereit, sich daran zu beteiligen. Am Montag endet die Angebotsfrist für die angeschlagene italienische Airline.


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