Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 12 / Thema

»Aktion Schiebertod«

Wie an einem Sonntag im Oktober vor 60 Jahren der Arbeiter- und-Bauern-Staat blitzartig sein Geld ­austauschte. Über Währungssanierung in der DDR unter den Bedingungen des Kalten Krieges

Von Jörg Roesler
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Fünf Reichsmark, versehen mit Kupon (»Klebemark«). Die Reichsmark blieb im besetzten Deutschland nach Kriegsende weiter Zahlungsmittel. Nach der Währungsreform in der westlichen Trizone 1948 überschwemmten diese Banknoten die Sowjetische Besatzungszone, woraufhin die Scheine dort mit dem Kupon beklebt wurden

Wer meinte, diesen zweiten Oktobersonntag, den 13.10.1957, als DDR-Bürger ruhig und erholsam verbringen zu können, der hatte sich geirrt – ohne Ausnahme. Schon um 8 Uhr früh verkündete Ministerpräsident Otto Grotewohl im Rundfunk, dass das bisher verwendete DDR-Geld – mit Ausnahme der Münzen mit den Nennwerten 50 Pfennig und 1 Mark – ab sofort seine Gültigkeit verloren habe: »Der Ministerrat hat in dieser Nacht einstimmig eine Verordnung beschlossen über die Ausgabe neuer Banknoten und die Außerkraftsetzung bisher gültiger Banknoten.« Der Umtausch der alten gegen die neuen Geldscheine werde ab 12 Uhr und bis 22 Uhr an in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden eingerichteten Umtauschstellen stattfinden. Jeder Bürger der DDR könne die Banknoten in seinem Besitz bei Vorlage des Personalausweises gegen neue einwechseln. Die Regierung habe sich zu dieser Maßnahme entschlossen, erläuterte der Ministerpräsident, »weil uns seit langem bekannt ist, dass Monopolisten und Militaristen in Westdeutschland gewisse Mengen unserer Banknoten in ihren Besitz gebracht haben«. Die Aktion richte sich »gegen Machenschaften der in Bonn Regierenden, gegen die Geheimdienste, die mit der ostdeutschen Währung ihre Agenten in der DDR bezahlen, gegen Schieber und Spekulanten«, die sich mit dem »Schwindelkurs« 4:1 bzw. 5:1 auf Kosten der DDR-Wirtschaft bereicherten. Es liege daher, so Grotewohl in seiner Rundfunkansprache, im Interesse aller Bürger, »unsere Banknoten, die sich im Besitz westdeutscher und Westberliner kapitalistischer Kreise und Agentenorganisationen befinden, wertlos zu machen«. Natürlich müsse diese Geldumtauschaktion, dafür bitte er die Bürger um Verständnis, »schnell und in kürzester Frist« erfolgen.

Völlig unerwartete Operation

Der Banknotenumtausch ist in die DDR-Geschichte als »Aktion Blitz« oder auch »Aktion Schiebertod« eingegangen. Der Wert der ungültig gewordenen Banknoten – wie bei den zur Währungsreform von 1948 ausgegebenen Scheinen handelte es sich um »DM der Deutschen Notenbank«, allerdings in neuen Farben und mit anderen Wasserzeichen versehen – wurde bis zu einer Höhe von 300 Mark pro Person gegen Vorlage der alten Geldscheine anstandslos ausgezahlt. Höhere Geldbeträge wurden auf Sonderkonten gutgeschrieben. Der Staat behielt sich vor, die auf diese Konten transferierten Geldmittel auf eventuelle »spekulative Herkunft« zu überprüfen. Das dort hinterlegte Geld stand den Eigentümern, sofern es keine Beanstandungen im Ergebnis der Kontrolle durch die damit beauftragten Überprüfungskommissionen der Räte der Kreise gab, ab dem 19. Oktober wieder zur freien Verfügung. Bereits vorhandene Bankguthaben der privaten Unternehmen in Industrie, Handwerk und Handel, auf die damals etwa ein Viertel der Wirtschaftstätigkeit entfiel, wurden ebenso wenig wie die Sparkonten der Bürger vom Geldumtausch berührt.

Die Umtauschaktion traf die DDR-Bürger völlig unerwartet. Unerwartet kam sie aber auch für den Westen – für die Wechselstubenbesitzer in Westberlin ebenso wie für den Bundesnachrichtendienst in Pullach und auch für die Geheimdienste der Alliierten. Beim BND hatte man zwar eine Zeitlang über eine mögliche Umtauschaktion spekuliert, denn der Schaden, welcher der DDR-Wirtschaft durch das »Loch Berlin« entstand, durch das DDR-Währung unkontrolliert zu- und abfließen konnte, war zu offensichtlich, um sich Gegenmaßnahmen nicht vorstellen zu können. Der Nachrichtendienst wusste auch, dass die Schäden durch den vom Westen gegen die DDR geführten Wirtschaftskrieg seit Mitte der 1950er Jahre zugenommen hatten. Aber verwertbare Informationen über zeitweilig vermutete monetäre Gegenmaßnahmen der »Pankower Regierung« besaß man in Pullach trotz des ausgedehnten Agentennetzes, das man östlich der Elbe unterhielt, im Herbst 1957 offensichtlich nicht.

In der SED-Führung und innerhalb der DDR-Regierung feierte man die Umtauschaktion als Erfolg – zweifellos zu Recht. Der bestand erstens darin, dass es gelungen war, die Aktion gänzlich geheimzuhalten. »Mitteldeutschlands Geldumtausch kam für den Westen völlig überraschend«, musste der Spiegel zehn Tage nach der Umtauschaktion zugeben. Einen zweiten Erfolg konnte die DDR bezüglich der logistischen Vorbereitung und des Ablaufs der Aktion verbuchen. Die neuen Banknoten waren offensichtlich schon geraume Zeit vorher unter größter Geheimhaltung in der UdSSR, in der Nähe von Moskau, gedruckt worden. Der Besuch einer sowjetischen Regierungsdelegation unter Führung des stellvertretenden Außenhandelsministers Pawel Nikolajewitsch Kumykin Ende September 1957 wurde genutzt, um unauffällig die sowjetische Seite über den konkreten Zeitplan und spezifischen Umstände der »Aktion Schiebertod« vorab zu informieren. Danach hatte Charles Dewey, der Leiter der Abteilung Geldumlauf der DDR-Notenbank noch zwei Wochen Zeit, den Umtausch im Umfang von 6,7 Milliarden »Deutsche Mark der Deutschen Notenbank« penibel vorzubereiten. Um die Geheimhaltung der Operation zu sichern, wurden auch Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) abgestellt. Die Volkspolizei sperrte in der Nacht zum 17. Oktober die Grenze zwischen Ost- und Westberlin für den kommenden Tag ab. Die Neudrucke der DDR-Währung mussten an jenem zweiten Sonntag im Oktober in plombierten Paketen mit Fahrzeugen des MfS und der Bereitschaftspolizei bis Mittag zu den am Vormittag erst eingerichteten öffentlichen Umtauschstellen transportiert werden. So geschah es auch. Die Notenbankpräsidentin, Greta Kuckhoff, sprach in einem Interview gegenüber dem Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN) von einem treffsicheren »Schlag gegen Westberliner Währungsspekulanten«.

Logistische Meisterleistung

In den Vormittagsstunden trafen auch einfache Bürger der DDR, die von der Aktion »Schiebertod« erfahren und sich – zur Unterstützung aufgerufen – bei den Behörden gemeldet hatten, an den für den Umtausch vorgesehenen Örtlichkeiten ein. Manche von ihnen mag die Nachricht vom Sputnikstart vom 4. Oktober, die das sozialistische Lager auf dem Vormarsch zeigte, dazu motiviert haben. Horst Zimmermann, Student aus Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und einer derjenigen, die sich zur Verfügung stellten, berichtete später detailliert über den Ablauf in einer in der Schule in Altendorf/Karl-Marx-Stadt eingerichteten Umtauschstelle: »Nach Vorlage meines Personalausweises und Angabe meines Berufes (Student im 4. Studienjahr) wurde ich zum Leiter der Umtauschstelle ernannt. Am Vormittag bildeten sich lange Schlangen vor unserer Kasse, gegen 12 Uhr kam ein Lkw. Gegen Vorlage meines Personalausweises und Unterschrift erhielt ich sieben Kartons mit je 100.000 Mark und die Quittungsformulare und Listen, die gerade erst gedruckt worden waren. Von vielen Leuten erhielt ich Angebote zur Mithilfe. Meine Mutter übernahm gemeinsam mit dem Schuldirektor unsere Versorgung, Stiefvater half bis in die Nacht beim Geldzählen. Um 22 Uhr war der Umtausch beendet. Wir zählten 3,5 Millionen altes Geld und hatten fast alle 700.000 Mark Neugeld ausgezahlt. Bei der Abrechnung, zu der wir Mitternacht in die ehemalige Reichsbank gefahren wurden, hatte ich eine Differenz von plus 1.000 Mark!« Horst Zimmermanns abschließendes Urteil über den von ihm erlebten Banknotenumtausch in Altendorf traf zweifellos auf die Umtauschaktion in der DDR generell zu: »Eine logistische Meisterleistung!«

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Im Juli 1948 wurden dann auch in der SBZ die Banknoten umgetauscht. Die Geldscheine nach der späteren »Aktion Blitz« vom Oktober 1957 sahen so aus wie die nach dem Umtausch vom Juli 1948, erhielten aber eine andere Farbe und ein anderes Wasserzeichen; sie datierten übrigens alle vom Jahr 1955

Ebenfalls als Erfolg zu verbuchen war, dass die Bevölkerung ruhig blieb – ungeachtet von Meldungen des RIAS und anderer Westmedien, die zu wissen behaupteten, dass die von den Bürgern auf Sonderkonten einzuzahlenden Geldbeträge über 300 Mark konfisziert würden. Die Bonner Regierung sprach in einem offiziellen Statement sogar von einer »kalten Enteignung in der Sowjetzone«. Doch Vertreter des Ministerrats versicherten den DDR-Bürgern, dass sich die Aktion nicht gegen sie richte, sondern gegen Schieber und Währungsspekulanten: »Die Regierung denkt gar nicht daran«, gab Greta Kuckhoff in einem am 17. Oktober in der Berliner Zeitung veröffentlichten Artikel zu verstehen, »jedem Menschen ins Portemonnaie sehen zu wollen und keiner wird bei uns gezwungen, sein persönliches Geld irgendwo abzuliefern«.

Darüber hinaus wurde seitens der Organisatoren des Umtauschs und der Politiker alles getan, um zu garantieren, dass kein unbescholtener Bürger beim Umtausch Verluste erleidet. Die Organisatoren hatten so u. a. vorgesorgt, dass für diejenigen, die an jenem zweiten Oktobersonntag verreist waren, keine Nachteile entstanden. »Fliegende Umtauschkassen« waren gebildet worden, um die Urlauber ebenso wie Bettlägerige auf Anforderung an Ort und Stelle aufzusuchen.

Lenkung der Betriebe

Dass viele Bürger Verständnis für das Anliegen der Regierung zeigten und dass sich die Geldumtauschaktion ruhig vollzog, war – vier Jahre nach den Protesten vom 17. Juni 1953 – zweifellos ein politischer Erfolg. Die Operation erfolgte aber vorrangig aus ökonomischen Gründen. Es ging darum, die »Kontrolle durch die Mark« wieder zu einem wirksamen Element der Planung der DDR-Wirtschaft zu machen. Wenn auch zu jener Zeit in der Volkswirtschaftsplanung Naturalkennziffern – es wurden für einzelner Erzeugnisse Mengenziele benannt – eine große Rolle spielten, wurden doch viele wirtschaftliche Abläufe mit Hilfe der Staatsfinanzen gelenkt, den Betrieben »Fonds« zum Aufkauf von Rohstoffen und Zulieferungen per laufenden Jahresplan zugeordnet, das Verhältnis von Konsumgüterangebot und Kaufkraft der Bevölkerung über den Umfang der Lohnfonds festgelegt. Je mehr in der Volkswirtschaft Geld- und Warenfonds übereinstimmten, um so wirksamer konnte die »Kontrolle durch die Mark« sein, um so eher der Plan erfüllt werden.

Eine weitaus größer Rolle als für die volkseigenen Betriebe spielte diese Kontrolle für die Lenkung der privaten. Auf diese Industrie- und Handwerksbetriebe entfiel 1957 noch ein Viertel der Wirtschaftskraft der DDR. Sie stellten einen Bereich der Ökonomie dar, der nicht direkt geplant werden konnte, sondern lediglich indirekt mit Hilfe finanzieller Steuer­ungselemente in den Plan einbezogen war. Seit dem zweiten Halbjahr 1953 hatten sich im Zuge des hastig nach den Ereignissen des 17. Juni eingeführten »neuen Kurses« Differenzen zwischen Geld- und Warenfonds aufgetan: Die Privatbetriebe hatten zusätzliche Kredite erhalten, Steuern waren gestundet worden. Den Arbeitern wurden die Löhne generell rascher erhöht, als die Arbeitsproduktivität stieg. Die Geldfonds wuchsen ungeplant rasch, schneller als die Produktion. Die so entstandenen Differenzen blieben in den folgenden Jahren bestehen. Bei einem derartigen Verhältnis der Entwicklung von Einkommen und Konsumgüterangebot führte das zu Knappheiten in den Läden und wurde so für jedermann spürbar. Mit der Umtauschaktion wollte die DDR-Führung also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Den Gegnern im Wirtschaftskrieg schaden und die Steuerung der Ökonomie über den Plan effizienter gestalten.

Wirkung nach innen und außen

War der Geldumtausch in jeder Hinsicht auch ein ökonomischer Erfolg? Was die Außenwirkung betraf, auf den ersten Blick zweifellos: Die in Westberlin und der Bundesrepublik illegal lagernden DDR-Banknoten – illegal deshalb, weil die DDR-Mark eine Binnenwährung war und ihre Ausfuhr aus dem Staatsgebiet nicht statthaft – waren schlagartig wertlos geworden. Wenn die Westberliner Wechselstubenbesitzer ebenso wie bestimmte Bonner Institutionen über ihre durch den Umtausch erlittenen Verluste auch Schweigen bewahrten, so konnte sich doch jedermann vorstellen, dass es sich um hohe Millionenbeträge handelte. Im Spiegel war allerdings von »nur 50 Millionen« die Rede, in der Zeit von 100 Millionen. Die DDR gab die Summe des in Wechselstuben und bei den Agentenorganisationen aufgehäuften, nunmehr wertlos gewordenen Geldes mit 600 Millionen Mark an. Auf jeden Fall fehlte den Wechselstuben zunächst das Bargeld. Sie mussten schließen. Allerdings nur für ein paar Tage. Der »Schiebertod« trat nicht endgültig ein. Bald wurde wieder eine DM West gegen 4,5 Mark der DDR getauscht. Das war nicht verwunderlich, denn die grundlegenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland im Warenangebot hatten sich nicht geändert. Die Anziehungskraft der grenznahen Läden für ostdeutsche Konsumenten – vor allem in den Westberliner Stadtteilen Gesundbrunnen und Neukölln – war ungebrochen. Der Zutritt nach und von Westberlin war seitens der DDR nur für einen Tag durch einen Polizeikordon verweigert worden. Das »Loch Berlin«, in dem Geld- und Güter zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt zum Nachteil der DDR hin und her geschoben wurden, blieb bis zum 13. August 1961 bestehen.

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Seit Dezember 1967 hieß die Währung »Mark der DDR«, hier mit dem Thomas-Müntzer-Porträt auf der Fünf-Mark-Note

Welche ökonomische Wirkung hatte die »Aktion Blitz« nach innen? War es mit dem Umtausch gelungen, den seit einigen Jahren überhöhten Geldumlauf, der die »Kontrolle durch die Mark« und damit die Effizienz der Wirtschaftsplanung negativ beeinflusst hatte, an die vorhandene Kaufkraft anzupassen? Wurde das bis dahin von manchen DDR-Bürgern in Sparstrümpfen gehortete, teilweise auf Schwarzmarktgeschäfte zurückzuführende Geld, sofern es die Kontrollen vom 17.10.1957 überstanden hatte, nunmehr auf Bankkonten transferiert? Die Statistik gibt uns darüber Auskunft. Bezogen jeweils auf das Ende des Jahres sank der Bargeldumlauf 1957 gegenüber 1956 in der DDR tatsächlich von 5,0 auf 3,5 Milliarden Mark, erhöhte sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes um 37 Prozent, stieg die offizielle Sparquote von 4,1 auf 5,1 Prozent. Die Steuerrückstände der privaten Unternehmen verringerten sich in den meisten Fällen, da beim Umtausch der Banknoten die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen unter Berücksichtigung bisher verborgen gehaltener Bargeldbestände seitens der Steuerbehörde neu bewertet werden konnte. Die am 13. Oktober gesammelten Einsichten bewogen auch viele einfache Bürger, die bisher voller Misstrauen gegenüber den staatlichen Finanzunternehmen nur die Aufbewahrung ihres Geldes zu Hause als sicher betrachtet hatten, ihr Geld auf die Sparkasse zu bringen. Das alles war zweifellos eine Entwicklung in die vom Staat gewünschte Richtung. Disproportionen zwischen Geld- und Warenwachstum blieben allerdings weiterhin bestehen, wenn auch in vermindertem Maße.

Aus der Chronik getilgt

Ob nun unter politischen oder ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet, die Aktion »Schiebertod« war also ein Ereignis mit Wirkungen für jedermann, das sehr wohl die Aufmerksamkeit der Historiker, die sich mit der DDR befassen, verdient. In den Chroniken, die zu DDR-Zeiten erschienen, hatte der 13. Oktober 1957 neben anderen bemerkenswerten Daten jenes Monats wie dem Sputnikstart (4.10.1957), der 33. Tagung des ZK der SED zu Problemen des zweiten Fünfjahrplans (16.–19.10.1957) und dem Beginn des Ausbaus des Rostocker Seehafens (26.10.1957) seinen festen Platz. In den deutschen Chroniken, die nach 1990 erschienen, fand der 13. Oktober 1957 keine Erwähnung mehr. Selbst in der weit verbreiteten, in relativ kurzen Abständen mehrfach aufgelegten Deutschland-Chronik von Hans Georg Lehmann wurde dem Ereignis kein Platz eingeräumt, auch nicht im Abschnitt »Deutschlandpolitik und deutsch-deutscher Konflikt 1955-1961«. Erwähnung findet es nur in der Zeittafel eines 2006 von André Steiner herausgegebenen Sammelbandes zur DDR-Wirtschaftsgeschichte – reduziert allerdings auf die »Abschöpfung des Geldüberhangs durch Geldumtausch«.

Warum findet der Vorgang in der Historiographie kaum Berücksichtigung? Die Vermutung liegt nahe, dass die Reduktion bzw. Unterschlagung des 13. Oktober in den Chroniken auf mehrere Gründe zurückzuführen ist: Erstens wurde gegen den Geldumtausch, der Teilen der Bevölkerung im Ergebnis der angekündigten Kontrollen auch finanzielle Verluste einbringen konnte, seitens der Betroffenen kein Widerstand geleistet. Ein nicht unerheblicher Teil hat bei der Umtauschaktion mit den verantwortlichen Regierungsstellen unmittelbar kooperiert. Zweitens hatte sich der Westen, speziell die Sicherheitsorgane der Bundesrepublik, unsterblich blamiert. Drittens würde bei einer Behandlung der »Aktion Schiebertod« deutlich werden, dass die gern als grundsätzlich ineffizient gescholtene ostdeutsche Ökonomie in den ersten Jahren nach 1945 nicht nur die Kriegszerstörungen zu überwinden und eine im Vergleich zur Bundesrepublik vielfache Reparationslast zu tragen hatte, sondern auch unter den Bedingungen eines vom Westen rigoros geführten Wirtschaftskriegs wachsen musste. Mit anderen Worten: Die Wachstumsprobleme, mit denen es die DDR-Planwirtschaft Mitte der 50er Jahre zweifellos zu tun hatte, waren keineswegs nur »systembedingt«, sondern auch auf – im Vergleich zur Bundesrepublik – größere Belastungen zurückzuführen.

Das alles passt nicht in das Bild von der nur durch einen gewaltigen Unterdrückungsapparat aufrechterhaltenen wirtschaftlich schwachen DDR, nicht zur Charakterisierung von deren Geschichte als einem selbstverschuldeten »Untergang auf Raten«. Anders ausgedrückt: Die »Aktion Schiebertod« zu behandeln, stört die verordnete Betrachtung der Historie des anderen deutschen Staates und hat deshalb – vor allem hinsichtlich der politischen Aussagekraft des Ereignisses – zu unterbleiben.

Jörg Roesler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. April 2017 über den VII. Parteitag der SED 1967.

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