Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Lagarde will Monopoly-Spiel am Laufen halten«

Der IWF will die Profite der Banken sichern und die Verschuldung der Lohnabhängigen vergrößern. Ein Gespräch mit Michael Hudson

Von Simon Zeise
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Weltbankpräsident Jim Yong Kim und IWF-Chefin Christin Lagarde am Sonnabend in Washington

Der Internationale Währungsfonds gibt Entwarnung: In den meisten Industrieländern erholen sich die Banken. Ist alles in Ordnung auf der Welt?

Für die Banken ist alles in Ordnung, in der Hinsicht, dass die Korruption ein sehr hohes Level erreicht hat. Die Zentralbanken stellen den Privathäusern soviel Kredit zur Verfügung, wie jene brauchen, um jeglichen Betrug begehen zu können. Die Intention des IWF ist es, die Ansprüche der Banken aufrechtzuerhalten und die übrige Wirtschaft mit Schulden zu belasten. Dafür steht der IWF: Er ist eine Lobbyorganisation der Banken und Spekulanten.

IWF-Chefin Christine Lagarde warnt vor Risiken für den Finanzmarkt. Besonders im Nichtbankensektor lauern Gefahren, sagt sie. Was halten Sie davon?

Die Risiken von Lagardes Kunden, den Banken, liegen darin, dass sie ihre Marktmacht an andere Gläubiger verlieren könnten. Lagarde will das Monopoly-Spiel am Laufen halten, damit die Banken weiter ohne Konkurrenz wachsen können.

Der IWF konstatiert, es gebe ein Kreditproblem in China. Schwelt dort die nächste Krise?

Viele Leute haben sich in China viel Geld von den sogenannten Nichtbanken geliehen. In anderen Worten: Die Zentralbanken und Privatbanken, die zum Teil dem chinesischen Staat gehören, haben Kredite an Vermittler vergeben. Wir bezeichnen solche Vermittler in den USA als Kredithaie. Es kann keine Bankenkrise in China geben, denn die Geldhäuser gehören und werden geführt von der Regierung. Die Regierung kann die Schulden streichen. Die Frage ist eher, ob Beijing die überschuldeten Nichtbanken freikauft. Ich denke, es gibt keinen Grund für die Regierung, diese Kredithaie auszukaufen. Das ist keine Krise, sondern Aufräumarbeit.

Lagarde ist mit den Plänen von US-Präsident Donald Trump hart ins Gericht gegangen. Trump will Steuern für Unternehmen senken. Hat sie recht?

Sie hätte Trump für seine Pläne Applaus spenden sollen. Der Job des IWF ist es, Volkswirtschaften zu schrumpfen, und nicht, ihnen zu helfen. Trump macht das, was der IWF Ländern der sogenannten dritten Welt in den vergangenen fünfzig Jahren geraten hat. Das Problem ist, Frau Lagarde arbeitet in Washington in einem sehr kleinen Büro neben dem Pentagon. Ihr Job ist es, dem Pentagon und den USA zu dienen. Interessant ist, welche Kreise sich in den USA für ihre Position stark machen.

Der IWF sagt, es gibt zuviel Geld für zuwenig profitable Anlagemöglichkeiten.

Dafür ist der IWF da. Er stellt Geld für ein Prozent der Weltbevölkerung zur Verfügung, damit es profitabel investieren kann. Der IWF macht einfach nur seinen Job.

Lagarde kritisiert, dass die Löhne in den Industriestaaten zu langsam steigen. Steht sie auf der Seite der Arbeiterklasse?

Kein bisschen. Wenn sie sagt, die Löhne steigen zu langsam, befürchtet sie, dass die Banken zu wenig von dem Geld erhalten, das die Lohnempfänger verdienen. Es gibt eine Diskussion darüber, dass Geld durch sogenanntes Helikoptergeld geschaffen werden soll. Das Geld soll von den Zentralbanken direkt an die Arbeiter, an den Banken vorbei, gezahlt werden. Dann können sie noch größere Hypothekenschulden, höhere private Kredite und Kreditkartenschulden aufnehmen. Lagarde vergießt Krokodilstränen. Frau Lagarde hat kein Interesse daran, den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung zu erhöhen. Ihre Art, den Lebensstandard zu drücken, ist es sicherzustellen, dass mehr und mehr Einkommen in den »FIRE-Sektor« (Finance, Insurance, Real estate, d. h. Finanzen, Versicherungen und Immobilien; jW) umgeleitet wird. Deswegen haben der IWF und die Europäische Zentralbank 4,3 Billionen Euro für die Banken bereitgestellt. Nicht für die Wirtschaft, sondern für die Banken. Wenn Frau Lagarde wirklich den Arbeitern helfen wollte, würde sie die Verschuldungsrate der Staaten drücken.

Vor allem deutsche Politiker, aber auch US-Präsident Donald Trump fordern eine Erhöhung des Leitzinses. Sollten die Zentralbanken folgen?

Ich denke, die Zentralbanken sollten den Leitzins um zehn bis 15 Prozent jedes Jahr anheben; so schnell wie möglich. Dann würde das ganze System zusammenbrechen. Aber im Ernst, wenn man den Leitzins anhebt, steht weniger Geld für Firmenübernahmen, Spekulationen im Immobiliensektor und für den Aktien- und Anleihenmarkt zur Verfügung. Auf Preissteigerungen auf dem Aktien- und Anleihenmarkt wettet das reichste eine Prozent der Welt. Um diese Perversion der Wirtschaft zu stoppen, muss man an das Geld ran, das diese Leute horten. Wenn die Erhöhung des Leitzinses das leistet: schön. Ironischerweise, wie es scheint, könnte eine Anhebung des Leitzinses also helfen, die Blase zum Platzen zu bringen.

Michael Hudson lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Missouri (Kansas City) und ist Präsident des Instituts für langfristige Wirtschaftsentwicklung (ISLET) in New York City.

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