Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 1 / Inland

Mutmaßlich türkische Spitzel im BAMF

Mitarbeiter der Bundesbehörde sollen Daten an türkische Stellen weitergereicht haben

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Das Logo des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Berlin (27. März)

Sind in deutschen Ausländerbehörden türkische Spitzel aktiv? Dieser Verdacht wird nach einem Medienbericht von türkischen Asylbewerbern geäußert, die aus ihrer Heimat flohen. Nach gemeinsamen Recherchen berichteten der Spiegel und das ARD-Magazin »Report Mainz« am Samstag von Fällen, in denen Türken kurz nach Gesprächen im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder in einer Ausländerbehörde in türkischen Zeitungen oder Fernsehsendern unter Nennung ihres deutschen Aufenthaltsorts als Terroristen diffamiert worden seien. In mindestens zwei Fällen ermittele die Polizei.

In dem Spiegel-Artikel wird etwa vom Fall des aus der Türkei geflüchteten Yüksel Cingöz (es ist nicht der richtige Name der Person) berichtet. Dort heißt es: »In Deutschland versteckte sich Cingöz mehrere Monate lang. Nur engste Vertraute wussten, wo er war. Eine Stunde nach seinem BAMF-Termin aber, so Cingöz, tummelten sich Erdogan-Fans aus Deutschland auf seinem Twitter-Account.« Fünf Tage später sei er von einem türkischen Publizisten der Mitgliedschaft in der kurdischen Arbeiterpartei PKK bezichtigt worden.

Das BAMF teilte den Medien mit, sich in diesem Jahr in 15 Fällen von freiberuflichen Dolmetschern getrennt zu haben, »vor allem aufgrund von Verletzungen der Neutralitätspflicht«. Die Behörde gibt jedoch an, dass ihr kein Fall bekannt sei, in dem Mitarbeiter Informationen über Asylbewerber an türkische Behörden weitergegeben hätten.

Mehr als 600 ranghohe Staatsbeamte haben seit dem Putschversuch in der Türkei im Juli vergangenen Jahres Asyl in Deutschland beantragt. Das geht aus Zahlen des Bundesinnenministeriums hervor, die den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Samstagausgaben) vorliegen. Demnach haben bis Mitte September 250 Personen mit türkischen Diplomatenpapieren und 380 mit Dienstausweisen für hohe Staatsbeamte Asyl in der BRD beantragt. Am Donnerstag hatte die Sprecherin für internationale Beziehungen der Linksfraktion, Sevim Dagdelen, geschätzt, dass der »Spitzelring« Ankaras in der BRD rund 6.000 Personen umfasse. (dpa/jW)

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