Aus: Ausgabe vom 10.10.2017, Seite 16 / Sport

Sparta erreichen, irgendwie

Von Gabriele Damtew
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Kinder, ist es noch weit – nach Sparta?

Zweihundertsechsundvierzig Kilometer in mindestens sechsunddreißig Stunden laufen. Richtig gelesen. »Ultra« heißt der ungewöhnliche Sport-Dokfilm, mit dem »Huniwood«, das 2. Ungarische Filmfestival in Berlin, einen Tag vor dem offiziellen Beginn startet.

Spartathlon ist ein Ultra-Rennen von Athen nach Sparta, das seit 35 Jahren am letzten Septemberfreitag in Griechenland stattfindet. Mit seinen »nur« 42,195 Kilometern ist der Marathon dagegen ein Katzensprung. Für den entschieden sich 1896 die Organisatoren der Olympischen Spiele der Neuzeit bei ihrem heroisch inszenierten Revival. Historiker und Legendengläubige streiten bis heute, welche der beiden Strecken der Bote Pheidippides tatsächlich per pedes zurücklegte. Beim Geschichtenerzähler Herodot findet sich nur die Erwähnung seines Laufes nach Sparta, um dort Hilfe für Athen gegen die auf Marathon zustürmenden Perser zu erbitten. Gut anderthalb Tage soll er für den Weg gebraucht haben, Rückweg extra. Gestorben wie beim Marathon wurde auch nicht.

Erst 1982 wurde der Lauf von Athen nach Sparta von dem Australier John Foden und zwei seiner Langstreckenkollegen vor Ort nachgestellt, als Beweis für Herodots Schriften. Ihre durchschnittliche Leidenszeit betrug 36 Stunden.

Der Dokumentarfilm »Ultra« des ungarischen Regisseurs Balázs Simonyi (übrigens auf der Shortlist des Europäischen Filmpreises) verfolgt den Weg von fünf verschiedenen Protagonisten in diesem Extremrennen. Sie sind keine Gewinner, wollen aber irgendwie Sparta erreichen; einer von ihnen ist der Filmemacher selbst. Warum tut man sich das an? Jeder hat seine Antworten, zuweilen auch keine mehr. 2016, als der Film gedreht wurde, kamen von 370 gestarteten Athleten 235 ins Ziel. Simonyi selbst als 99., in einer Zeit von 33:42:34. Als sogenanntes Nebenprodukt der Doku hat Produzent László Józsa den vierundzwanzigstündigen Film »Ultra36« aus der Perspektive eines Läufers kreiert, der auf dem »Huniwood«-Festival nur einmal gezeigt und wohl auch dem Zuschauer eine Rezeptionsleistung der Extreme abfordern wird.

Lustiger ist der Spielfilm »Brazils« (Regie: Csaba M. Kiss, Gábor Rohonyi) und auch makaber. Ein ehemaliger Bewohner des ungarischen Dorfes Acsa, der es in Brasilien zu Wohlstand gebracht hat, lobt für den Gewinn der Kreismeisterschaft im Fußball eine Reise nach Rio de Janeiro aus. Dumm nur, dass sich auch die ortsansässigen Roma beteiligen sollen und wollen, was die meisten »Eingeborenen« entsetzt. Diskriminierung, Korruption, Verrat und ganz einfache Unmenschlichkeit lauern in jedem Dorfwinkel, manchmal aber auch Liebe. Der Bürgermeister, selbst Spieler, macht auf »politisch korrekt«. Kommt einem nicht nur ungarisch vor. Rotzig und wahrhaftig ist dagegen die Erzählerstimme des jungen Protagonisten mit dem falsch geschriebenen Ronaldo auf seinem Trikot.

»Ultra« läuft heute um 20 Uhr im b- ware! Ladenkino, Gärtnerstr. 19, Berlin, Huniwood-Festival bis 23.10., www.huniwood.berlin

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