Aus: Ausgabe vom 10.10.2017, Seite 7 / Ausland

Ankara rettet Dschihadisten

Türkisches Militär marschiert in syrischer Provinz Idlib ein. Videos zeigen gemeinsamen Konvoi mit Kämpfern der Nusra-Front

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Am Sonntag verbreitete die den Dschihadisten nahestehende Agentur Ibaa Aufnahmen von HTS-Kämpfern in Abu Dali

Die türkische Armee hat am Montag den Beginn einer Militäroperation in der nordwestsyrischen Provinz Idlib bestätigt. Erkundungsfahrten seien bereits am Sonntag aufgenommen worden. Man wolle Stützpunkte markieren, von denen aus eine bevorstehende »Idlib-Operation« gesichert und überwacht werden könne. Überwachungsdrohnen sind bereits seit Samstag im Gebiet um den Grenzübergang Al-Atma im Einsatz.

Das offizielle Ziel des erneuten Militärengagements Ankaras in Syrien sei die Umsetzung der Astana-Vereinbarung über die Einrichtung eines Deeskalationsgebietes, so das Militär. Das Abkommen sieht eine Festigung des Waffenstillstandes in Syrien, eine Beendigung bewaffneter Auseinandersetzungen und die Verteilung von humanitärer und medizinischer Hilfe vor. In einem weiteren Schritt sollen die Wiederherstellung ziviler Infrastruktur und die Rückkehr von Flüchtlingen ermöglicht werden. Die Kriegswirtschaft soll der Wiederherstellung einer zivilen Ökonomie weichen, Kämpfer sollen ihre Waffen niederlegen. Als Garantiemächte haben sich Russland, Iran und die Türkei auf die Überwachung der Deeskalationsgebiete verpflichtet. Ausgeschlossen von der Vereinbarung sind die Dschihadistenmilizen »Islamischer Staat« (IS) und »Nusra-Front«, die mittlerweile mehrmals ihren Namen gewechselt hat. Beide Kampfverbände sind international als Terrororganisationen gelistet.

Die Türkei hat seit 2011 in Absprache mit Golf- und NATO-Staaten aufständische Kampfverbände in Syrien aktiv unterstützt, bewaffnet und finanziert. Mit dem IS entwickelte sich ein lebhafter Handel mit Öl, Weizen und gestohlenen Maschinen sowie geplünderten antiken Kunstgütern. Im Frühjahr 2015 drang eine »Armee der Eroberung« aus der Türkei in die Provinz Idlib ein und brachte die syrische Armee an den Rand einer Niederlage. Ausgerüstet waren die bis zu 10.000Kämpfer mit modernsten lasergesteuerten TOW-Raketen US-amerikanischer Herkunft. Der Überfall führte im September 2015 zum Eingreifen Russlands, seitdem haben sich die militärischen Kräfteverhältnisse deutlich gewendet.

In Damaskus gab es am Montag zunächst keine offizielle Stellungnahme zu der türkischen Operation, hier herrscht Misstrauen gegenüber Ankara vor. Auch die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ und deren politische Dachorganisation, die Partei der Demokratischen Union (PYD), vermuten, dass der Einsatz der türkischen Armee nicht dem Kampf gegen Islamisten dienen soll, sondern dass mit einem Angriff auf das von der PYD kontrollierte Afrin zu rechnen sei. Der Ort liegt rund 50 Kilometer nordwestlich von Aleppo und ist durch einen Grenzübergang mit der Türkei verbunden. Südlich von Afrin kontrollieren Einheiten der Nusra-Front unter dem Banner der von ihr kontrollierten Allianz Haia Tahrir Al-Scham (HTS) wichtige Verbindungsstraßen, die aus der Türkei über Asas nach Idlib führen.

Ankara und die Golfstaaten sowie andere Mächte scheinen eine Vereinbarung mit der HTS anzustreben. Das Ziel könnte sein, die HTS in einen politischen Prozess zu integrieren, der von der syrischen oppositionellen »Nationalen Koalition« und deren Interimsregierung gesteuert wird.

Am Montag verbreitete Videos zeigen ein Vorauskommando des türkischen Militärs in einem gemeinsamen Konvoi mit beflaggten Fahrzeugen der HTS. An deren Stützpunkt Dara Isa stoppte der Konvoi demnach am Sonntag für längere Zeit. Möglicherweise will Ankara die HTS-Stützpunkte übernehmen, um Afrin besser kontrollieren und einschüchtern zu können. Offiziell allerdings soll die HTS aus Idlib vertrieben oder zur Aufgabe gezwungen werden. Dem dienten in den vergangenen Wochen auch russische und syrische Luft- und Artillerieangriffe, bei denen nach Auskunft Moskaus hochrangige Kommandeure der HTS getötet wurden.

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