Aus: Ausgabe vom 10.10.2017, Seite 1 / Titel

Air Berlin checkt aus

Insolvente Airline stellt Betrieb Ende Oktober ein. Keine Hilfe der Bundesregierung für die Beschäftigten

Von Simon Zeise
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Die Heckflosse mit dem Air-Berlin-Logo wird es im November nicht mehr zu sehen geben

Ende des Monats ist Schluss. Die insolvente Fluglinie Air Berlin werde den Betrieb zum 28. Oktober einstellen, erklärten die Chefs des Unternehmens am Montag in einem Brief an die Belegschaft. Nur die Tochterunternehmen Niki und LG Walter würden weitergeführt. Das gelte auch für die 38 Maschinen, die inzwischen für die zur Lufthansa gehörenden Airlines Eurowings und Austrian fliegen.

Bis Donnerstag soll Air Berlin verkauft worden sein. Die Lufthansa will insgesamt 93 der noch 134 Flugzeuge übernehmen, Easyjet 27 bis 30. Am 12. Oktober ende auch die »vereinbarte Exklusivität für die Verhandlungen« mit diesen beiden Unternehmen, heißt es in dem Brief des Managements. Gibt es keine Einigung mit den beiden, könnten auch andere Interessenten wieder zum Zuge kommen.

Über einen Sozialplan für die Air-Berlin-Beschäftigten, die Ende des Monats ohne Arbeit dastehen, wurden ebenfalls am Montag erste Gespräche mit dem Betriebsrat geführt. Die Verhandlungen würden sicherlich einige Tage dauern, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft am Montag gegenüber dpa. Verdi strebt u. a. auch die Einrichtung einer Transfergesellschaft an. Bezahlen will eine solche bislang jedoch niemand. Die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hatte kurz vor den Bundestagswahlen eher kleinlaut ihre Solidarität bekundet. Eine Beteiligung des Bundes an einer Transfergesellschaft für die Beschäftigten »sollten wir prüfen«.

In der jetzigen Situation brauche es »feste Zusagen für eine verbindliche Finanzierung«, hatte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle am Sonntag in einer Pressemitteilung kritisiert. Die »positiven Aussagen aus der Politik«, die man vor der Bundestagswahl vernommen habe, reichten nicht. »Die staatliche Bürgschaft der Bundesregierung war auch zur Rettung der Arbeitsplätze gedacht«, erinnerte Behle. Sollte Air Berlin die Massenkündigungen wahrmachen, sei das ein Missbrauch der Regierung und der Steuerzahler, der nicht zugelassen werden dürfe. »Die Politik muss jetzt eingreifen und die Käufer und Verkäufer zur Raison bringen.« Doch aus Berlin kommt wenig bis gar nichts. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im August lediglich beschwichtigt, der der Air Berlin zur Verfügung gestellte Staatskredit von 150 Millionen Euro werde getilgt: »Wir können mit großer, großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Steuerzahler das nicht bezahlen muss.«

Nach Einschätzung des Betriebsrats sollen etwa 1.400 Mitarbeiter des Bodenpersonals und der Verwaltung Ende des Monats ohne Job dastehen. Die übrigen Beschäftigten, deren Arbeit noch benötigt werde, sollen demnach Kündigungen zu Ende Februar 2018 erhalten. Der Betriebsrat warf der Unternehmensleitung in einem am Freitag verschickten Brief vor, die Arbeiter nur unzureichend über die Lage zu informieren und dabei »unterschwellig Durchhalteparolen« zu verbreiten.

Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) geht davon aus, dass sich erst sehr wenige Piloten bei anderen Fluggesellschaften beworben haben: »Wir schätzen, dass von den 1.250 Kollegen vielleicht 20 bis 50 diesen Schritt gegangen sind«, sagte VC-Sprecher Markus Wahl am Montag gegenüber dpa. Der Betriebsrat wolle bei Sozialplanverhandlungen kollektive Übergangsregeln erreichen. Nur so könne eine »Rosinenpickerei« der aufnehmenden Gesellschaften verhindert werden, die sonst insbesondere ältere, teure oder aufmüpfige Piloten nicht einstellen würden. Cockpit wolle beispielsweise erreichen, dass Familienväter und -mütter gegenüber Singles bevorzugt würden.

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