Aus: Ausgabe vom 09.10.2017, Seite 8 / Ausland

»Agieren Spaniens hat die Unterstützung verstärkt«

Katalanischer Gewerkschaftsbund fordert die Gründung einer demokratisch kontrollierten Bank. Ein Gespräch mit Sergi Perelló

Interview: André Scheer
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Einsatz der spanischen Polizei gegen das katalanische Referendum am 1. Oktober in Tarragona

Halten Sie es für realistisch, dass Katalonien trotz der unversöhnlichen Haltung der Zentralregierung in Madrid seine Unabhängigkeit von Spanien erreichen kann?

Ja, diese Möglichkeit ist real. Auch andere Länder haben dies seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht, und die Beteiligung an den Demonstrationen sowie die gesellschaftliche Unterstützung für dieses Ziel sind hoch. Viele Menschen haben verstanden, dass Unabhängigkeit Demokratie bedeutet, während der Verbleib im Königreich Spanien heißen würde, in einem Land mit wenigen sozialen Rechten und einem skandalösen Ausmaß der Korruption der oligarchischen Eliten zu leben.

Das gewaltsame und undemokratische Agieren des Königreichs Spanien in den vergangenen Tagen hat die Unterstützung für die Unabhängigkeit noch weiter verstärkt, da sie nun von vielen Menschen auch direkt als Verteidigung der Demokratie verstanden wird – von Menschen, die sich für den Aufbau einer neuen Republik bislang wenig interessiert haben oder sich davon nicht angezogen fühlten.

Nach Angaben der Tageszeitung El Periódico hat Ihre Gewerkschaft für den 10. bis 16. Oktober zu einem weiteren Generalstreik in Katalonien aufgerufen. Können Sie das bestätigen?

Die Intersindical-CSC ruft zu einem Streik zur Verteidigung der Arbeiterrechte und gegen die Aggressionen durch die spanische Polizei und die Guardia Civil auf. Er wird in diesem Zeitraum über einen oder mehrere Tage durchgeführt, wenn sie weiter die Arbeiter angreifen und ihre Grundrechte verletzen.

Als Reaktion auf die aktuelle Lage hat die Banc Sabadell beschlossen, ihren Unternehmenssitz aus Katalonien nach Alacant (Alicante) zu verlegen. Wie bewertet die Intersindical-CSC diese Entscheidung?

Wir bedauern, dass sich diese Bank der Strategie des spanischen Staats unterworfen hat und nach mehr als einem Jahrhundert Arbeit in unserem Land einen Kurswechsel vornimmt. Diese Entscheidung hat die Sabadell-Gruppe ganz offensichtlich aus politischen Gründen getroffen. Als Intersindical-CSC werden wir weiter für die Verteidigung der Arbeitsplätze und der Rechte der Beschäftigten im gesamten Unternehmen kämpfen. Wir bedauern aber die Passivität der beiden spanischen Mehrheitsgewerkschaften, die sich offen für das Regime von 1978 (das nach dem Ende der Franco-Diktatur entstandene politische System; jW) entschieden haben und sich für den von der katalanischen Bevölkerung am 1. Oktober an den Urnen ausgedrückten Willen taub stellen.

Wie sollte die katalanische Regierung auf die Entscheidung der Bank und möglicherweise anderer Finanzinstitute reagieren?

Die Regierung muss sich ruhig und geduldig verhalten und auf zwei Ebenen arbeiten. Einerseits muss sie ernsthaft überlegen, mit anders gearteten Finanzinstitutionen zusammenzuarbeiten, die sich dem Dienst für die Öffentlichkeit verpflichtet fühlen. Und andererseits sollte eine öffentliche Bank geschaffen werden, die in entscheidender Weise die produktiven Sektoren des Landes unterstützt.

Ein anderer katalanischer Gewerkschaftsbund, die COS, fordert die Gründung einer »öffentlichen Bank unter Volkskontrolle«. Teilen Sie diesen Vorschlag?

Die Intersindical-CSC spricht sich für die Schaffung einer öffentlichen Bank aus, deren Entscheidungs- und Führungsstruktur so demokratisch wie möglich ist. Das bedeutet, dass es Mechanismen geben sollte, die die demokratische und gleichberechtigte Beteiligung der wichtigsten gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Akteure sowie der Institutionen des Landes sicherstellen.

Sergi Perelló ist stellvertretender Generalsekretär des katalanischen Gewerkschaftsbundes Intersindical-CSC und verantwortlich für internationale Beziehungen. Seine Organisation ist in den »Països Catalans«, den katalanischsprachigen Regionen, aktiv und gehört dem Weltgewerkschaftsbund an

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Tauziehen mit Madrid Katalonien auf dem Weg zum souveränen Staat?

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