Aus: Ausgabe vom 09.10.2017, Seite 4 / Inland

Warum Anwohner nicht geschützt?

Trotz Beweisen fürs Gegenteil: Hamburger Polizei beharrt darauf, es habe »Hinterhalt« bei Protesten gegen G-20-Gipfel gegeben

Von Kristian Stemmler
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Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), Innensenator Andy Grote (SPD), Polizeisprecher Timo Zill, ­Polizeipräsident Ralf Martin Meyer und G-20-Einsatzleiter Hartmut Dudde (von links nach rechts) am 9. Juli

Interessierten war es schon wenige Tage nach dem G-20-Gipfel klar: Den Hinterhalt am Eingang der Straße Schulterblatt, mit dem die Polizei ihr verzögertes Eingreifen im Schanzenviertel in der Nacht vom 7. zum 8. Juli begründet hat, hat es nie gegeben. Jetzt hat Hamburgs Innenbehörde in einem Papier eingestanden, was beispielsweise NDR Info schon am 19. Juli veröffentlichte, es existierten keine Belege für die Behauptung des Polizeipräsidenten Ralf Martin Meyer, dass die Einsatzkräfte von Hausdächern aus mit Molotowcocktails, Gehwegplatten, Steinen und Zwillen angegriffen werden sollten.

In der Antwort auf eine Anfrage der innenpolitischen Sprecherin der Fraktion von Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft, Christiane Schneider, räumte die Behörde ein, keinen der genannten Gegenstände am Schulterblatt gefunden zu haben, wie Spiegel online am Freitag berichtete. Auch Hinweise auf »selbstgemachte Eisenspeere«, mit denen Gewalttäter sich angeblich bewaffnet hatten, hätten sich nicht bestätigt. Erst am 12. Juli seien Beweismittel vor Ort gesichert worden. Warum so lange gewartet wurde, sei, so die Innenbehörde, »nicht mehr nachvollziehbar«.

Hamburgs Polizeisprecher Timo Zill hielt trotzdem an der Darstellung des Einsatzes in der Nacht fest. »Es hat massive Angriffe gegen Polizeibeamte gegeben. Es gab Bewurf von Dächern mit Steinen und Molotowcocktails«, begründete er gegenüber Spiegel online das stundenlange Abwarten in der Nacht zum 8. Juli, das erst durch den Einmarsch von Sondereinsatzkommandos ins Schanzenviertel beendet wurde. Christiane Schneider erklärte dagegen, die Polizei könne ihre Darstellung der Ereignisse nicht aufrechterhalten: »Die viele Menschen bewegende Frage, warum die Polizei die Anwohner nicht geschützt hat, muss endlich zweifelsfrei aufgeklärt werden.«

Die Legende vom Hinterhalt auf den Dächern diente möglicherweise dazu, das Chaos, das in der fraglichen Nacht offenbar in der Einsatzleitung der Polizei geherrscht hat, zu verdecken. Die Welt am Sonntag hat es in einem Beitrag am 1. Oktober ausführlich geschildert. Sie zitierte Steffen Hildebrand, Chef einer Beweissicherungs- und Festnahmehundertschaft aus dem baden-württembergischen Bruchsal, die im Schanzenviertel im Einsatz war. Demnach, haben die am Abend des 7. Juli umlaufenden »Tatarenmeldungen« über schwerverletzte Polizisten und den Hinterhalt auf dem Dach am Schulterblatt Polizeiführer so verunsichert, dass sie ein Vorrücken auf das Schanzenviertel verweigerten. Hildebrand schilderte dem Springer-Blatt, wie der Leiter seines Einsatzabschnittes gegen 22 Uhr einen baldigen Einmarsch ins Viertel ankündigte. Er habe dies für zu riskant gehalten und seine Bedenken per Telefon der Direktion der Bereitschaftspolizei in Bruchsal mitgeteilt, so der Polizeiführer.

Zugleich sei eine entsprechende Meldung auch ans Lagezentrum gegangen, wo sie als Remonstration gewertet wurde. So sei das auch über den dienstinternen Ticker gelaufen, bayerische Einheiten hätten sich Hildebrands Bedenken angeschlossen. Auch wenn die Welt am Sonntag es so nicht schreibt: Der Bericht erweckt den Eindruck, dass erst eine Meuterei süddeutscher Polizeieinheiten die »Krawallnacht« ermöglichte.

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