Aus: Ausgabe vom 06.10.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Mohammed macht’s möglich

Saudi-Arabien: Die Ölfördernation hat ein Geldproblem. Jetzt will ausgerechnet ein »Kronprinz« das Land modernisieren

Von Gerrit Hoekman
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Alpha-Männchen unter sich: Mitglieder der königlichen Familie beim Treueschwur des Kronprinzen 2017 in Mekka

König Salman hat in diesem Sommer wieder nett Urlaub gemacht. Vier Wochen Marokko für umgerechnet 80 Millionen Euro. Selbst für Royals nicht gerade ein Last-Minute-Schnäppchen. 800 Zimmer hatte der saudi-arabische Monarch reserviert. 200 Mietwagen mussten aus dem ganzen Land nach Tanger gebracht werden, um Salman und seine Entourage von gut 1.000 Leuten mobil zu halten. Bei allen in Marokko, deren Geschäft irgendwie mit dem Tourismus zusammenhängt, war das so, als fielen Zucker- und Opferfest auf einen Tag. Der König samt Anhang werden am Ende für mehr als ein Prozent des Gesamtumsatzes der marokkanischen Tourismusbranche verantwortlich sein, schätzte die israelische Zeitung Haaretz.

Während der greise Herr das Geld mit beiden Händen ausgab, muss in der Heimat der Gürtel enger geschnallt werden. In den letzten beiden Quartalen schrumpfte nämlich die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt; BIP), im abgelaufenen Vierteljahr um 1,06 Prozentpunkte, im Quartal davor um 0,5, wie die niederländische Zeitung De Volkskrant am Montag berichtete. Experten sprechen in solchen Fällen von einer Rezession. Saudi-Arabien leidet darunter, dass der Ölpreis seit Monaten niedrig ist. Alle Versuche, das mit Hilfe der von Riad kontrollierten Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) zu korrigieren, scheiterten. Saudi-Arabien verzeichnet Mindereinnahmen in Milliardenhöhe. Die neue »Annäherung« an Russland verwundert deshalb nicht. Auch beim ersten Staatsbesuch des Königs ab Donnerstag in Moskau dürfte es auch um Öl und die Manipulation von dessen Preis gehen.

Die Situation ist neu für die herrschende Clique zwischen Riad und Dschidda. Zum ersten Mal seitdem das Öl sie reich gemacht hat, gibt es Geldprobleme. Das Haushaltsdefizit beträgt in diesem Jahr laut Volkskrant 15 Prozent des BIP. 2016 fehlten umgerechnet fast 100 Milliarden Dollar. Im Moment lebt Saudi-Arabien über seine Verhältnisse, das ist ein Novum. Das Land zehrt von seinen Reserven, die aber rapide abnehmen, heißt es. Der vom neuen Kronprinzen angezettelte Krieg im Nachbarland Jemen geht ziemlich ins Geld. Und er dauert viel länger als gedacht.

Jahrzehntelang flossen die Petrodollars. Der Staat schüttete ein Füllhorn der sozialen Wohltaten über seine Untertanen aus, finanzierte nebenbei weltweit die Ausbreitung der wahhabitischen Ideologie (genannt Glauben) und den Terrorismus. Für Benzin zahlten die Bürger einen eher symbolischen Betrag. Einige Lebensmittel waren stark subventioniert. Nun wird gekürzt, seit Februar müssen die Bürger zum ersten Mal im Leben auch noch Steuern bezahlen. Im Mai wurden die Abgaben auf Zigaretten und Limonade erhöht. Für 2018 ist eine Mehrwertsteuer von fünf Prozent im Gespräch. Resultat ist auch eine gewisse soziale Unruhe.

Besonders teuer: Saudi-Arabien leistet sich einen riesigen öffentlichen Sektor. Zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung sind beim Staat angestellt und schieben dort überwiegend eine ruhige Kugel. Viele werden praktisch fürs Nichtstun bezahlt.

Doch viel zu lange hat das Land ausschließlich auf Erdöl gesetzt. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe geht dem Ende entgegen, das dämmert inzwischen auch dem Herrscherhaus und den Wirtschaftseliten. Das Königreich muss sich neu erfinden, in jeder Hinsicht modernisieren. Als Motor dafür hat sich anscheinend ebenfalls Kronprinz Mohammed bin Salman in Szene gesetzt. Er wird eines Tages seinen Vater beerben, nimmt aber offenbar schon jetzt erheblichen Einfluss auf die Politik. »Er ist verantwortlich für das ambitionierte Reformprogramm ›Vision 2030‹, das die saudische Wirtschaft unabhängig vom Öl machen soll‹, schrieb Die Welt am vergangenen Freitag.

Die Jugendarbeitslosigkeit im bisherigen Wüstenparadies liegt bei 30 Prozent. Das ist sozialer Sprengstoff, denn 70 Prozent der Saudis sind jünger als 30 Jahre. Ein besonderer Wettbewerbsnachteil im Weltmaßstab ist die geringe Beschäftigungsrate unter Frauen. »Zwar haben sich deren Bildungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, doch noch immer bleiben ihnen bestimmte Jobs verwehrt«, hieß es in der Welt. Auch das wolle der Kronprinz ändern.

Das wird nicht einfach, angesichts des erzkonservativen und patriarchalen Gesellschaftsmodells im Lande. Außer Haus arbeitende Frauen sind selten, auch wenn ihre Beschäftigungsrate etwas gestiegen ist. Neben den gesellschaftlichen Hindernissen gibt es auch ganz praktische, die es Frauen schwermachen, am Arbeitsleben teilzunehmen. In Saudi-Arabien ist der öffentliche Nahverkehr schwer unterentwickelt, ohne Auto ist es kompliziert, an den Arbeitsplatz zu kommen.

Mohammed bin Salman soll deshalb die Anordnung forciert haben, die neulich als Sensation um die Welt ging: Die Frauen des Landes dürfen ab nächstes Jahr den Führerschein erwerben und endlich legal Auto fahren – es gibt bereits die ersten Fahrschulen für Frauen. Und neue Arbeitsplätze werden geschaffen.

Diese Lockerung bringt Mohammed in Konflikt mit der islamischen Geistlichkeit, auf die sich die Macht des Königshauses stützt. Nachdem die Töchter des Landes demnächst nicht mehr ausgepeitscht werden dürfen, wenn sie sich hinters Steuer setzen, droht dem Klerus möglicherweise schon der nächste Kontrollverlust: Die strikte Trennung zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz könnte gelockert werden. »Wenn man die wahhabitischen Gelehrten verprellt, könnte die Stabilität ins Wanken geraten«, befürchtete der Nahost-Experte Sebastian Sons am Donnerstag letzter Woche im Deutschlandfunk.


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