Aus: Ausgabe vom 06.10.2017, Seite 7 / Ausland

Keine echte Katastrophe

Nach Hurrikan »Maria«: Donald Trump sorgt bei Kurzbesuch in Puerto Rico für Kopfschütteln

Von Jürgen Heiser
RTS1F61W.jpg
Jayuya auf Puerto Rico nach dem Durchzug des Hurrikans »Maria«

In Puerto Rico hat sich nach dem Hurrikan »Maria« vor zwei Wochen die Zahl der Todesopfer offiziell von 16 auf 34 erhöht. Das gaben Behördenvertreter am Mittwoch nach einem Kurzbesuch von US-Präsident Donald Trump bekannt. Die Zahl dürfte allerdings zu niedrig angesetzt sein. Das puertoricanische Zentrum für Investigativen Journalismus verwies darauf, dass noch immer nicht zu allen Gebieten des verwüsteten Landes direkter Kontakt aufgenommen werden konnte.

Zusammen mit First Lady Melania war Trump am Dienstag um zwölf Uhr Ortszeit auf dem Militärflughafen Muñiz Air National Guard nahe der Hauptstadt San Juan gelandet. Beide muteten in ihrer Kleidung wie Mitarbeiter der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA an. Weil Trump sich wegen der späten und mangelhaften Hilfe seiner Regierung für die von der Naturkatastrophe geplagte Inselbevölkerung scharfer Kritik ausgesetzt sieht, fand der Besuch unter besonders starken Sicherheitsvorkehrungen statt.

Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung und Umweltschützer protestierten mit einer Kundgebung im Zentrum von San Juan, ohne Trump zu Gesicht zu bekommen. Sie kritisierten seine Leugnung des Klimawandels und forderten auf Plakaten »Schuldenerlass – Menschenleben gehen vor« und »Puerto Rico entkolonialisieren!«. Die Vorsitzende der Working People’s Party of Puerto Rico, Mariana Nogales Molinelli, erklärte Trump »wegen seiner von Rassismus, Klassendünkel, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit geprägten Ansichten« für »nicht willkommen«. Sonia Santiago Hernández von den »Müttern gegen den Krieg« fügte hinzu: »In unseren Gemeinden erleben wir eine militärische Besetzung, sehen jedoch nichts von der Hilfe, die uns die US-Soldaten angeblich bringen sollen.« Trump bringe keine Lösungen, die Bevölkerung sei jedoch stark, stehe zusammen und helfe sich selbst, so die Aktivistin.

Zwei Wochen nach der schlimmsten Naturkatastrophe in der Geschichte des Landes muss die Mehrheit der Bevölkerung immer noch ohne Elektrizität, Telekommunikation, frische Lebensmittel und medizinische Versorgung auskommen. Trump zog es in bekannter Manier jedoch vor, auf einer Veranstaltung mit Gouverneur Ricardo Rosselló in einem mit Hilfslieferungen dekorierten Hangar des Militärflughafens den »großartigen« und »fantastischen Job« zu loben, den FEMA und US-Militär nach »Maria« geleistet hätten. Sein Publikum aus einigen Dutzend handverlesenen Puertoricanern klatschte brav. Trumps Lob für den Gouverneur und seine Helfer löste dann jedoch Irritationen unter Militärs, Rettungskräften und Pressevertretern aus. Er verglich die 16 Todesopfer auf der Insel mit jenen »Aberhunderten Toten«, die der Hurrikan »Katrina«, eine »echte Katastrophe«, 2005 in den USA gefordert hätte. »Sechzehn gegen Tausende – Sie können sehr stolz sein auf ihre Leute und wie sie und wir zusammengearbeitet haben!« Der Hurrikan sei also keine echte Katastrophe gewesen, wurden seine Worte interpretiert.

Trump schüttelte derweil Hände, stellte sich für Selfies zur Verfügung, warf einige Rollen Küchentücher in die Menge und verteilte wie ein emsiger FEMA-Helfer Reis in kleinen Säckchen. Während eines Abstechers in ein von Sturmschäden gezeichnetes Dorf nahe der Hauptstadt führte der Präsident noch ein wenig Small Talk mit ausgesuchten Opfern und Ersthelfern, dann entschwand er samt seiner Entourage schon wieder aus der von seinen Sicherheitsbeamten kontrollierten Öffentlichkeit. Letztes Ziel vor dem Rückflug nach Washington am Nachmittag war der vor San Juan ankernde Flugzeugträger »USS Kearsarge«. Dort setzte er sich mit Gouverneur Rosselló und Kenneth Mapp, dem Gouverneur der benachbarten U.S. Virgin Islands, zu einem trilateralen Gespräch zusammen. Über Ergebnisse der Begegnung wurde Stillschweigen bewahrt.

Die katholische und protestantische Geistlichkeit Puerto Ricos und der U.S. Virgin Islands hatte die US-Regierung in einer vor Trumps Besuch veröffentlichten gemeinsamen Erklärung unter Verweis auf die Finanzkrisen ihrer Inselgruppen zu »sofortigen Hilfsmaßnahmen« aufgerufen und »ein Schuldenmoratorium sowie die Beendigung der Kinderarmut« gefordert.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • Im bolivianischen Vallegrande hat eine internationale Konferenz zu Ehren Che Guevaras begonnen
    Volker Hermsdorf
  • Ägyptens Sozialistische Volksallianz machte Parteitag zum Forum der Opposition gegen Staatschef Al-Sisi
    Sofian Philip Naceur, Kairo
  • Mitarbeiter des einstigen Staatsbetriebes wollen Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und Rentenfonds aufnehmen
    Christian Bunke, Manchester
  • Kämpfer der Hisbollah gelten als besser ausgebildet als je zuvor. Situation in Syrien bleibt instabil. Gespräch mit Abu Mahdi al Shabi
    Michele Giorgio, Beirut
  • Spaniens Regierung und Justiz wollen Unabhängigkeitserklärung Kataloniens verhindern
    André Scheer