Aus: Ausgabe vom 05.10.2017, Seite 15 / Medien

Freibeuter im Äther

Piratensender gab es viele. Radio Dreyeckland ist 40 Jahre jung, von Beginn an politisch und sendet seit 1988 mit Lizenz

Von Gerrit Hoekman
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Retro, aber auf Höhe der Zeit: On-Air-Leuchte bei Radio Dreyeckland in Freiburg

Der 14. August 1967 war ein schwarzer Tag für das halbe Dutzend britischer Radiostationen, die damals von Schiffen auf hoher See aus sendeten: Die Regierung in London erweiterte mit dem »Marine Broadcasting Offences Act« die britischen Hoheitsgewässer von drei auf zwölf Seemeilen. Damit wollte sie den anarchischen Sendebetrieb auf der Nordsee unterbinden. Die Stationen wurden für illegal erklärt. Wer sie unterstützte musste mit Strafen rechnen.

Alle Sender stellten an jenem Tag aus Furcht vor Verfolgung den Betrieb ein, nur Radio Caroline machte tapfer weiter. Ronan O’Rahilly ankerte seit 1964 mit seinem Schiff »Fredericia« auf der Nordsee vor der britischen Küste und unterhielt die Zuhörer mit Beatmusik. Dies allein war seine Motivation: Der irische Musikproduzent ärgerte sich darüber, dass der britische Staatssender, die »alte Tante« BBC, die neue Musikwelle fast komplett ignorierte. Radio Caroline machte Bands wie The Who oder Status Quo erst richtig bekannt.

Die Bedingungen auf den Schiffen waren hart, die Versorgung schwierig. »Heute senden wir bei Windstärke acht und sind im Studio angeschnallt«, erinnerte der Deutschlandfunk vor drei Jahren in einem Beitrag an eine legendäre Anmoderation aus den stürmischen Gründerzeiten. Auch um die Namensgebung rankt sich eine interessante Geschichte: Angeblich fühlte sich O’Rahilly von einem Foto animiert, das Caroline, die kleine Tochter von John F. Kennedy zeigt, wie sie den US-Präsidenten im Oval Office stört. Genauso wollte O’Rahilly die BBC nerven und natürlich die Platten seiner Bands verkaufen. Radio Caroline geht bis heute auf Sendung, inzwischen allerdings legal und von Land aus im Internet.

»Piraten« im Breisgau

Für die seegestützten Radiostationen bürgerte sich schnell die Bezeichnung »Piratensender« ein, weil sie von See aus Frequenzen kaperten. Heute wird der Begriff für jede Art von alternativen Sendern benutzt, auch wenn sie wie Radio Dreyeckland weit weg vom Meer aus Freiburg im Breisgau senden. Die Badener feierten im Juni ihren 40. Geburtstag mit einem Hoffest auf dem Grethergelände, einem sozialen Wohnprojekt in einer alten Gießerei.

Radio Dreyeckland (RDL) war am 4. Juni 1977 der erste freie Sender in der Bundesrepublik. Anders als Radio Caroline hatten die Freiburger ein durch und durch politisches Programm. Die Gründerinnen und Gründer stammten aus der linksalternativen Szene und arbeiteten länderübergreifend auch aus Frankreich und der Schweiz. Der Anlass: In allen drei Ländern wehrten sich Bürger gegen geplante Atommeiler in Whyl, Fessenheim und Kaiseraugst.

Der Protest gegen die AKW kam in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nur unzureichend und falsch dargestellt vor. Je nach Bundesland wurden die öffentlich-rechtlichen Anstalten von den beiden großen Parteien dominiert. Während das Programm des Bayerischen Rundfunks von der CSU beeinflusst wurde und deshalb als tiefschwarz galt, war es an Rhein und Ruhr die SPD, deren Weltbild den WDR prägte. Das richtige Parteibuch beförderte die Karriere auch bei Radio Bremen.

Die Jungfernsendung vom Radio Dreyeckland dauerte nur zwölf Minuten und wurde mit einem Rucksacksender in die Welt gebracht. Damals hieß die Station noch Radio Verte Fessenheim, erst 1981 nahm sie den jetzigen Namen an. Die Behörden machten Jagd auf die Radiopiraten. »Das Sendeteam ist in der Regel auf einen höhergelegenen Berg im Schwarzwald oder im Kaiserstuhl gewandert«, erinnerte sich Mitbegründer Michael Karthäuser im Juni beim Deutschlandfunk an eine schweißtreibende Zeit. »Man kannte auch das Risiko, man musste auf der Hut sein.«

Seit 1988 lizenziert

Das ist heute nicht mehr nötig: Seit 1988 hat RDL in Deutschland eine offizielle Sendelizenz. Es finanziert sich über einen Freundeskreis von rund tausend Hörerinnen und Hörern. Außerdem erhält es Landesmittel. Trotzdem stand der Sender immer wieder vor dem Aus, wie der Kollege David Siebert schon beim letzten Jubiläum 2007 in der jW berichtete.

Knastfunk, Schwule Welle und das Frauen- und Lesbenradio – vielen Menschen, die in den herkömmlichen Medien nicht ausreichend vorkommen, gibt RDL eine Stimme. Die Autonomen lassen bei Dreyeckland mit ihrem »Schwarzen Kanal« sogar ein TV-Kind des früheren DDR-Propagandisten Karl-Eduard von Schnitzler wiederaufleben. Zumindest dem Titel nach. »Kein anderes Radio in der Region bietet eine vergleichbare Vielfalt: Über 40 Musiksendungen zu unterschiedlichsten Stilen und Sparten, mehr als 17 Sendungen in verschiedenen Sprachen, tagesaktuelle Programme zu Politik und (Sub-)Kultur, zahlreiche Schwerpunkte zu Umwelt, Gender, Literatur und vieles mehr«, präsentiert sich Radio Dreyeckland auf seiner Homepage.

Die Freiburger sind im Bundesverband der freien Radios organisiert, in dem 32 Sender Mitglied sind, wie zum Beispiel Radio Corax aus Halle, die Radiokampagne Berlin oder die Wüste Welle aus Tübingen. Über die Plattform freie-radios.net tauschen die Stationen untereinander Sendungen aus. Die Redaktionen können mittlerweile unter mehr als 80.000 Beiträgen auswählen. Das legendäre Radio Freies Wendland ist übrigens kein Mitglied im Bundesverband, weil es nur aktiv ist, wenn ein Castor nach Gorleben rollt. Und den vielleicht berühmtesten Piratensender »Radio Störtebeker« hat es in der Realität nie gegeben – er sendete 1984 nur in der TV-Serie »Pogo 1104« mit Anja Schüte, Ralf Richter und Richy Müller.

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