Aus: Ausgabe vom 04.10.2017, Seite 16 / Sport

Die vermaledeite Mexiko-WM

Die neunte Fußball-WM, 1970 in Mexiko, ist bis heute die einzige, für die sich die Auswahl Argentiniens nicht qualifizieren konnte

Von André Dahlmeyer
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Mexiko 1970 wurde die WM von Pelé – ohne Argentinien

Einen wunderschönen guten Morgen! Die neunte Fußball-WM, 1970 in Mexiko, ist bis heute die einzige, für die sich die Auswahl Argentiniens, auch »Albiceleste« (die »Weiß-Himmelblauen«) genannt, nicht qualifizieren konnte. 1938, 1950 und 1954 hatte man wegen der chaotischen Situation im eigenen Land gar nicht erst an der Qualifikation teilgenommen.

Schon die WM 1966 in England war für Argentinien nicht gut gelaufen. Nach einem skandalösen Platzverweis gegen Antonio Ubaldo Rattín im Viertelfinale war man von den Gastgebern mit 1:0 eliminiert worden. Anschließend strahlte die Rebellion der Endsechziger auch nach Argentinien aus. In den USA protestierten die Hippies gegen den Angriffskrieg in Vietnam, in Frankreich jagten die Studenten General De Gaulle zum Teufel und hinter dem Eisernen Vorhang schickten die Tschechoslowaken Frühlingsgrüße nach Moskau. Und in Argentinien wurde sich bewaffnet. Organisationen wie die Fuerzas Armadas Peronistas, die ebenfalls peronistisch orientierten Montoneros sowie das mehr oder weniger marxistische Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP) radikalisierten das Land. Erstmals trat die Stadtguerilla in Aktion. In Corrientes und Rosario kam es zu vehementen Schüler- und Studentenprotesten und in Córdoba zum legendären »Cordobazo«. Die Arbeiter fast überall im Land waren immens politisiert. Während die Autokratie immer debiler wurde, wuchs die Opposition, vor allem nach dem Mord an dem Gewerkschafter Augusto Vandor und der Entführung des Ex-Präsidenten Pedro Eugenio Aramburu.

Es waren Zeiten, in denen der argentinische Fußball auf Vereinsebene nicht nur den Kontinent nach Belieben dominierte. Zunächst der Racing Club und dann Estudiantes de La Plata konnten die Copa Libertadores und den Weltpokal zwischen 1967 und 1970 mehrfach gewinnen. Trotz alledem konnte sich die Nationalmannschaft der Silberländer nicht für die WM in Mexiko qualifizieren, für jenes Mundial, das zu allem Übel Brasilien gewann. Es wurde die WM von Pelé – und sein Land zum dritten Mal Weltmeister. So durfte es die Jules-Rimet-Trophäe behalten. Zu würdigen wussten die Brasucas das freilich nicht: 1983 wurde der Pott aus den heiligen Hallen des brasilianischen Fußballverbands gestohlen und wohl eingeschmolzen.

Und Argentinien? Eine leichtere Quali für eine Mundial als für die 1970 gab es nie wieder. Man hatte sich lediglich mit den Fußballschwergewichten aus Bolivien und Peru auseinanderzusetzen. Argentinien begann zweimal auswärts. In der schneidenden Luft von La Paz ging man Ende Juli 1969 mit 1:3 unter. Eine Woche darauf in Lima sah die Chose nicht besser aus. Argentinien verlor mit 0:1. Die Innenverteidigung mit Roberto Perfumo bildete ein gewisser Alfio »Coco« Basile.

Ende August fanden die Rückspiele in Buenos Aires statt, wo allerorten Bomben explodierten, von Linken gelegt und von der Triple A (Alianza Anticomunista Argentina). Bolivien wurde mit Ach und Krach 1:0 geschlagen. Das einzige Tor gelang José Rafael Albrecht per Strafstoß. Albrecht war übrigens in England der erste Spieler, der bei einer WM des Feldes verwiesen worden war – beim 0:0 gegen Deutschland. Die Stunde der Wahrheit schlug dann am 31.8.1969 im Stadion der Boca Juniors, der »Bombonera« (Pralinenschachtel). Argentinien musste gegen Peru gewinnen und attackierte von Anpfiff an. Dennoch lag man nach zwei Treffern von Osvaldo Cachito Ramírez bald mit 1:2 hinten. Dann bekam Alberto Rendo den Ball an der Mittelllinie, doppelpasste mit Héctor Yazalde, ließ alle Peruaner, die sich ihm in den Weg stellten, zu Fahnenstangen erstarren und netzte vermeintlich glorios zum 2:2 Endstand ein.

Es war das Tor seines Lebens. Es war komplett nutzlos. Argentinien guckte die Mundial im Fernsehen, weil kein seriöses Projekt bestand, schon gar nicht längerfristig. Im Fußball und in der Gesellschaft der Silberländer hat sich daran bis heute nichts geändert.

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