Aus: Ausgabe vom 04.10.2017, Seite 5 / Inland

Millionen in atypischer Beschäftigung

Jeder fünfte Lohnabhängige arbeitet befristet, in Teilzeit oder Leiharbeit

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»Die Arbeitswelt von heute besteht zu weiten Teilen aus Leiharbeit, Minijobs und Befristungen, also aus Unsicherheit. Die gute wirtschaftliche Lage trägt nicht dazu bei, dass die prekären Ränder kleiner werden.« – Jutta Krellmann, gewerkschaftspolitische Sprecherin der Linksfraktion

Mehr als jeder fünfte Angestellte in der BRD arbeitet nicht in einem »Normalarbeitsverhältnis«. Der Anteil der atypisch Beschäftigten ist innerhalb von 20 Jahren von 15 auf 20,7 Prozent im vergangenen Jahr angestiegen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linkspartei hervor, die diese am Dienstag veröffentlichte. Unter atypischer Beschäftigung versteht man befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitjobs, geringfügige Beschäftigung und Leiharbeit.

Der Anteil der atypischen an der gesamten Beschäftigung nahm den Angaben zufolge seit 1996 kontinuierlich auf 22,6 Prozent im Jahr 2007 zu. Danach sank er wieder, um 2010 erneut diesen Höchstwert zu erreichen. In den Folgejahren gab es noch einmal einen leichten Rückgang.

Insgesamt ist die als deutsches »Jobwunder« gepriesene Rekordbeschäftigung somit vor allem auf den Zuwachs bei der atypischen Beschäftigung zurückzuführen. Denn die Zahl der sogenannten Normalarbeitnehmer mit mindestens 20 Wochenstunden und unbefristetem Vertrag nahm binnen 20 Jahren nur von 24,8 auf 25,6 Millionen zu. Die Zahl der atypisch Beschäftigten stieg jedoch deutlich stärker: Von rund fünf Millionen im Jahr 1996 auf 7,7 Millionen in 2016.

Bei der Leiharbeit gab es einen Anstieg auf offiziell 737.000 und bei der geringfügigen Beschäftigung auf 2,2 Millionen Beschäftigte. Die Zahl der Befristungen ist seit 1996 von 1,9 auf 2,7 Millionen gewachsen, die der Teilzeitverträge mit bis zu 20 Wochenstunden von 3,2 auf 4,8 Millionen.

»Für die Beschäftigten geht es seit 20 Jahren Berg ab. Die Arbeitswelt von heute besteht zu weiten Teilen aus Leiharbeit, Minijobs und Befristungen, also aus Unsicherheit. Die gute wirtschaftliche Lage trägt nicht dazu bei, dass die prekären Ränder kleiner werden. Es hat sich eine Zone der Unsicherheit zementiert«, kritisierte die gewerkschaftspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke, Jutta Krellmann, die Entwicklung. Diese sei nicht akzeptabel und trage zur Entsolidarisierung der Gesellschaft bei. »Die Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt ist keine zwangsläufige Entwicklung, sondern das Ergebnis neoliberaler Politik. Gute Arbeit und faire Löhne erreicht man nicht, indem man Deregulierung und Flexibilisierung praktiziert und prekäre Beschäftigungsformen toleriert«, so Krellmann. Sie warb für die Umsetzung des von ihrer Partei erarbeiteten Konzepts für ein »neues Normalarbeitsverhältnis« (siehe jW vom 29. August).

Mit einer Bundesregierung, bestehend aus Union, FDP und Grünen, dürfte dies freilich schwierig werden. Insbesondere die FDP hatte sich im Wahlkampf immer wieder klar gegen Regulierungen bei der Leiharbeit und bei Befristungen ausgesprochen. (dpa/jW)


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