Aus: Ausgabe vom 04.10.2017, Seite 2 / Ausland

»Nationalismus beruht auf Gefühl der Überlegenheit«

Nicht alle Katalanen, die das Referendum am Sonntag ablehnten, sind Rechte. Ein Gespräch mit Josep María Rodríguez Rovira

Interview: Carmela Negrete
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»Wir bei der Partit Socialista Unificat de Catalunya, PSUC, waren nie eine nationalistische Partei. Wir waren der Meinung, dass der Nationalismus immer eine Katastrophe ist und nur Probleme für die Menschen entstehen, die von Nationalisten regiert werden. Das sind die Erfahrungen der Geschichte.« – Josep María Rodríguez Rovira

Welche Rolle spielen ökonomische Gründe im Zusammenhang mit der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung?

Viele Menschen sagen hier, dass Madrid beziehungsweise Spanien sie beraube. Katalonien trägt im spanischen Staat viel mehr als das, was es aus öffentlichen Steuern zurückerhält. Ich finde das System gut und berechtigt, dass eine Region, also in dem Fall Katalonien, mehr beitragen muss, weil sie reicher ist – aber man muss genau festlegen wieviel. Es gibt Orte in Spanien, wo große Autobahnen gebaut oder andere große Projekte verwirklicht werden, während es hier an Infrastruktur fehlt, etwa dem Mittelmeerkorridor für Hochgeschwindigkeitszüge. Das ist ein Projekt, das seit 20 Jahren verfolgt wird und das Katalonien dringend braucht.

Warum erhoffen sich die Menschen, dass es mit der Unabhängigkeit anders wird?

Zum einen weil sie denken, dass Katalonien dann mehr Geld zur Verfügung hätte. Aber die »Volkspartei« Partido Popular, PP, hat auch noch andere Probleme gebracht. So hatte der Bildungsminister José Ignacio Wert erklärt, man werde »Katalonien spanisieren«. Er hat das Lernen auf Katalanisch erschwert.

Dann sind Sie auch für die Unabhängigkeit?

Überhaupt nicht! Wir bei der Partit Socialista Unificat de Catalunya, PSUC, waren nie eine nationalistische Partei. Wir waren der Meinung, dass der Nationalismus immer eine Katastrophe ist und nur Probleme für die Menschen entstehen, die von Nationalisten regiert werden. Das sind die Erfahrungen der Geschichte.

Aber die katalanische Unabhängigkeitsbewegung ist nicht ethnisch geprägt …

Doch. natürlich ist sie das auch. Die Nationalisten hier unterscheiden sich allerdings von den Nationalisten in anderen Ländern. Es gibt Menschen, die meinen, ein unabhängiges Katalonien wäre wie eine neue Schweiz, neutral.

Die spanischen Nationalisten sind aber eher faschistoid.

Hier in Katalonien könnten sie das auch sein, wenn sie die Macht hätten. Der Nationalismus beruht auf dem Gefühl der Überlegenheit. Wenn man das als soziales Argument für den Kampf der Menschen nutzt, ist das der falsche Weg. Wir sind alle gleich, ich bin Internationalist.

Im Kern ist die PP sehr reaktionär, mit präfaschistischen Tendenzen. Sie baut auf die Demokratie, ist aber in allen Bereichen autoritär. Für mich ist das die reaktionärste und korrupteste Partei Europas. Aber die Mitglieder sind in der Gesamtheit keine Faschisten, selbst wenn einige dabei sind.

Warum gibt es hier in Katalonien mehr linke Traditionen?

Das sehe ich nicht so. In Madrid gibt es auch eine große linke Tradition. Hier wurde die Militanz sehr beeinflusst durch die Migranten aus der Extremadura und aus Andalusien, die schon dort Mitglieder der Partido Comunista de España, PCE, waren.

Aber im katalanischen Parlament hat die PP keinen Einfluss.

Die Bourgeoisie in Katalonien war nicht in den Franquismus involviert. Fakt ist aber, dass es hier eine auf Industrie basierte Bourgeoisie gab. Das hat sie ein wenig fortschrittlicher gemacht, im Gegensatz zu anderen Gegenden Spaniens, in denen die Landwirtschaft dominiert. Aber sie sind auch Rechte, lassen wir uns nicht verwirren – und von denen können wir nichts Gutes erwarten.

Die spanische Linkspartei Podemos möchte ein geregeltes Referendum in Katalonien abhalten, weil ein solches nach deren Meinung sicherlich mit einer Absage an die Unabhängigkeit enden würde. Nach den ganzen Repressionen durch den spanischen Zentralstaat: Denken Sie, dass die Menschen in einem weiteren, diesmal genehmigten Votum trotzdem mit Nein abstimmen würden?

Da habe ich keine Zweifel. Denn was wird nun passieren? Wenn in diesen Tagen keine Tragödie stattfindet, wird es Neuwahlen geben. Die Independentisten werden sagen, dass Madrid das Referendum nicht erlaubt hatte und damit ihre ihre Fehler eingestehen. Sie hoffen aber nur auf eine absolute Mehrheit. Und in Spanien? Dort wäre nun die sozialdemokratische PSOE gefordert, die in der Frage aber gespalten ist. Deren Generalsekretär Pedro Sánchez könnte sich mit Podemos auf ein Referendum einigen, aber gegen diese Lösung gibt es eine große interne Opposition der Konservativen in der Partei.

Josep María Rodríguez Rovira war in den 1970er und 80er Jahren Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Parteio Spaniens (PCE) und Sekretär für Organisation der Vereinten Sozialistischen Partei Kataloniens (PSUC) sowie Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes Comisiones Obreras (CCOO) in Barcelona

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