Aus: Ausgabe vom 04.10.2017, Seite 11 / Feuilleton

In allerreinster Form

Etwas noch nie Dagewesenes: Zum 100. von Violeta Parra, der Mutter des neuen chilenischen Lieds

Von Sabine Kebir
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Episch und emphatisch: Violeta Parra, hier auf dem Cover eines Samplers von 1977

In meiner zarten Jugend überkamen mich dreimal Musikerlebnisse – um es frei nach Michail Bulgakow zu sagen: als wenn mich die Liebe wie ein Finnenmesser durchbohrt hätte. Das erste Mal waren es die Beatles im Radio mit »I Want To Hold Your Hand«. Das war etwas noch nie Dagewesenes! Meine Freundin Barbara, die ich am nächsten Tag anrief, um von dem Song zu erzählen, wusste schon Bescheid. Sie hatte Beziehungen nach England, wo ihre Eltern im Exil gewesen waren und bald bekam sie von dort auch Beatles-Platten. Zum Glück dauerte es nicht übermäßig lange, bis auch die DDR eine Beatles-Langspielplatte herausbrachte – der Musikwissenschaftler Georg Knepler hatte energisch auf die proletarische Herkunft der Pilzköpfe hingewiesen.

Das zweite Mal bezauberte mich eine von Maria Farandouri besungene Platte mit Musik von Mikis Theodorakis. Das war etwas noch nie Dagewesenes! Mein Freund Mohamed hatte sie mir zum Geburtstag geschenkt, wahrscheinlich auf Anraten unserer gemeinsamen Freundin Irini, Tochter einer griechischen Emigrantin in der DDR.

Auf dem Festival des politischen Liedes 1971 in Ostberlin, wo ich als Italienisch-Dolmetscherin beschäftigt war, lernte ich die Band Quila­payun aus Chile kennen und schätzen. Manchmal begleitete die Gruppe die Solistin Isabel Parra, die sie stets ehrfurchtsvoll als eine ganz große Weltkünstlerin vorstellte, was ich damals nicht so recht nachempfinden konnte. Es wurde auch geraunt, dass sie vor einiger Zeit ihre Mutter verloren hätte, die eine noch größere Sängerin gewesen sei und aus Liebeskummer Selbstmord begangen hatte.

Ungefragt brachten mir wenige Jahre später meine holländischen Freunde eine Platte dieser Mutter mit: »Últimas Composiciones« von Violeta Parra. Schon das erste Lied »Gracias a la vida«: Das war etwas noch nie Dagewesenes! Diese Stimme war von entwaffnender Einfachheit, trotz Reibeisen fast kindlich klangvoll und zugleich von höchster Weisheit – Volksmusik in allerreinster Form. Und dann der Text! Auch ich würde gern am Ende meines Lebens sagen können: »Gracias a la vida«. Genauso gut war die Zeile »Perfecto distinguo lo negro del blanco« – »Genau unterscheide ich das Schwarze vom Weißen«, was heißen sollte, dass sich Violeta Parra die Fähigkeit erworben und bewahrt hatte, falsch und richtig klar zu erkennen. Das zu können, wünschte ich mir auch.

Violeta Parra wurde am 4. Oktober 1917 geboren und wuchs in ärmlichem dörflichen Umfeld auf. Mit einem Musiklehrer als Vater und einer Volkslieder singenden Mutter begann sie schon mit zwölf Jahren, eigene Lieder zu komponieren. Und bald sang sie in kleinen Etablissements, trat sogar im Zirkus auf, heiratete mehrfach und wurde viermal – immer mal wieder alleinerziehend – Mutter. 1967 beging sie Selbstmord.

Eine 2012 in Argentinien gedrehte Fernsehserie über ihr Leben zeigt, wie sie zu Fuß, begleitet vom achtjährigen Sohn Angel, durch die einsamen chilenischen Halbwüsten wanderte, bei den allerärmsten Bauernfamilien anklopfte und sie darum bat, Volkslieder vorzutragen, deren Text und Melodie sie aufzeichnete. So etwas hatte in Chile noch niemand getan. Es war nicht nur eine ethnographische Pionierleistung, sondern wurde auch zur Grundlage von Violeta Parras künstlerischer Produktion, wobei sie sich immer mehr politisierte. Ab 1938 unterstützte sie die politische Arbeit der Kommunistischen Partei. 1954 gastierte sie in Warschau und in der Sowjetunion und lebte dann zwei Jahre in Frankreich. Nach Chile zurückgekehrt, begann sie auch zu töpfern, zu malen und folklorische Motive auf Sackleinen zu sticken – Kunstwerke, die sie später, als erste lateinamerikanische Künstlerin in einer Sonderausstellung im Louvre zeigen konnte.

Violeta Parra wurde zur Urmutter des »Neuen chilenischen Liedes«. Ihre bekanntesten Schüler waren Victor Jara und ihre Kinder Isabel und Angel, der im März dieses Jahres starb. In der DDR kam nie eine Platte von Violeta Parra heraus. Aber ihre Tochter kann man auf der Amiga-Platte der Quilapayun hören. Isabel Parra, die ich – inzwischen mit mehr Kenntnis lateinamerikanischer Musik – jetzt auch sehr mag, pflegt einen anderen Stil. Ihre ausgebildete, präzise Sopranstimme präsentiert das Lied streng episch, überantwortet die Emotion wie eine Moritatensängerin ganz dem empathischen Vermögen des Zuhörers: Das ist brechtisch, auch schön. Die Beatles und Maria Farandouri höre ich mir im Abstand von einigen Jahren immer mal wieder an. Violeta Parra geht immer.

In Berlin veranstaltet der Verein El Cultrún anlässlich des Jubiläums eine »Cultrunale 100 Jahre Violeta Parra« mit Konzerten und Theaterperformance: heute, am 6.10. und 7.10. im ND-Gebäude, Münzenbergsaal, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin, Beginn jeweils 20 Uhr

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