Aus: Ausgabe vom 04.10.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Kein Spaziergang

Internes Handbuch bereitet die US-Armee auf Krieg mit Russland vor

Von Reinhard Lauterbach
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Planspiele für den Angriffskrieg: US-Soldaten während eines Manövers im bayerischen Grafenwöhr (Oktober 2012)

Am 24. September veröffentlichte die US-amerikanische Fachzeitschrift für Außenpolitik The National Interest auf ihrer Webseite ein als »Nur für den Dienstgebrauch« gekennzeichnetes Dokument einer »Asymmetric Warfare Group« (Studiengruppe für Asymmetrische Kriegführung). Dahinter verbergen sich verschiedene US-Geheimdienste und Planungsabteilungen des Militärs. Es trägt den Titel »Handbuch der russischen Kriegführung der neuen Generation« und analysiert auf knapp 70 Seiten die Fortschritte, die die russischen Streitkräfte seit dem Beginn der Militärreform 2008 gemacht haben. Was die Schrift von eher akademischen Publikationen zu diesem Thema unterscheidet, ist ein ausgesprochen »praxisorientierter« Ansatz: Womit müssten US-Truppen rechnen, wenn sie einen Krieg gegen Russland zu führen hätten? Als Schauplatz einer solchen Auseinandersetzung wird das »Operationsgebiet Osteuropa« (Eastern European operational environment) genannt (S. 48); aus einem Lehrszenario am Schluss der Broschüre geht hervor, dass – ohne es zu erwähnen – offenbar das Donbass ins Auge gefasst wird. Denn als eines der Elemente der Ausgangslage wird angegeben, dass die »örtliche Bevölkerung« dem Gegner Positionen von US-Truppen melden würde, weshalb in der Phase des Aufmarsches Ortschaften tunlichst zu vermeiden seien (58f.).

Eines hämmern die Autoren der Studie ihren Lesern im US-Offizierskorps von Beginn bis Schluss ständig ein: Ein Krieg gegen Russland werde kein Spaziergang. Man habe es mit einem »beinahe ebenbürtigen Feind« zu tun, der die Lehren der US-Kriegführung seit 2001 aufmerksam studiert habe. Als deren Schwachstellen habe er das zentrale Vertrauen auf Luftüberlegenheit und die Abhängigkeit von Elektronik jeder Art ausgemacht. Daher habe Russland ein vielfach gestaffeltes System von Flugabwehrwaffen mit Reichweiten zwischen fünf und 400 Kilometern aufgebaut und sich umfangreiche Fähigkeiten zur elektronischen Kriegführung und zum Stören feindlicher Kommunikation angeeignet. Gefährlich für die US-Armee könnten auch die fortgeschrittenen Fähigkeiten Russlands im Bereich der Aufklärungsdrohnen werden, die in Echtzeit gegnerische Positionen an die eigene Artillerie – eine weitere in der Studie angegebene Stärke der russischen Armee – weitergebe. Die in Jahrzehnten totaler Luftüberlegenheit auf amerikanischer Seite eingerissene Faustregel, »Was oben ist, ist auf unserer Seite«, müsse aufgegeben werden. Gegen russische Drohnen helfe nichts als Tarnung. Vom Versuch, sie mit Infanteriewaffen abzuschießen, wird ausdrücklich abgeraten, weil dies nur die eigene Position verrate. Und das sei nicht nur wegen der russischen Artilleriekapazitäten gefährlich, sondern auch wegen der hervorragenden russischen Scharfschützen, die den US-amerikanischen deutlich überlegen seien.

Die Gegenmaßnahmen, die den Lesern zum Zweck der Ausbildung ihrer Mannschaften empfohlen werden, sind ausgesprochen »old school«: tarnen, schanzen (»Schweiß spart Blut«), Stellungen auseinanderziehen (andererseits aber: sie möglichst nahe an die gegnerischen Linien zu verlegen, um bei Artilleriefeuer des Gegners das Risiko von Treffern auf dessen Seite zu erhöhen; dies hätten die Tschetschenen 1994–96 erfolgreich praktiziert), lernen, sich auch ohne elektronische Unterstützung im Gelände zurechtzufinden, Funkverkehr auf das Minimum reduzieren, ebenso die Kommunikation der Soldaten über soziale Netzwerke. Und das eigene Sanitätspersonal müsse sich auf den Fall »MASSCAS« (Mass Casualties, große Verluste) einstellen.

Es mag sein, dass die Warnungen der Autoren vor den russischen »Fähigkeiten« zu didaktischen Zwecken übertrieben sind. Sicherlich kocht auch die russische Armee nur mit Wasser, und wenn es stimmt, dass als eine der Schwachstellen ihrer Ausrüstung der Umstand gelten müsse, dass die MG- und Maschinenkanonenmunition nach wie vor nicht in fertig bestückten Gürteln geliefert werden, sondern vom Bedienungspersonal manuell nachgeladen werden müssen, wundert man sich, warum Russland fortgeschrittene Fähigkeiten zur elektronischen Kampfführung entwickelt, aber diesen vergleichsweise banalen Aspekt vernachlässigt haben soll. Aufschlussreich ist am Erscheinen dieser Schrift der Grad an Konkretheit, mit dem das US-Militär auf den Fall eines konventionellen Kriegs gegen Russland eingeschworen wird. Das prompte Dementi des US-Verteidigungsministeriums, die Studie sei »nicht Teil der offiziellen US-Militärdoktrin«, hat wenig zu bedeuten. Das kann sich schnell ändern.

Die Arbeiten an der Studie wurden, wie es im Nachwort heißt, »fast zwei Jahre« vor der Veröffentlichung Ende 2016 aufgenommen. Also im Winter 2014/15, um die Zeit der ukrainischen Niederlage bei Debalzewo. Nicht auszuschließen, dass man um diese Zeit in der US-Militärführung zu ahnen begann, dass dieser Alliierte in spe in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnte, wenn die Kämpfe noch einmal akut werden sollten. Und so musste man sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass das bevorzugte US-Modell des Stellvertreterkrieges in der Ukraine nicht ausreichen könnte. Für die andere Option, es lieber sein zu lassen, werden Militärplaner nicht bezahlt.

Hintergrund: Sonne, Mond und Stadtplan

Wie sich US-Soldaten auf dem »osteuropäischen Operationsgebiet« zurechtfinden sollen. Aus dem »Handbuch der modernen russischen Kriegführung«:

»Unsere Einheiten sollten bei der Operationsplanung mit Angriffen auf ihre elektronischen Ausrüstungsgegenstände rechnen. Die Leistung und Zuverlässigkeit von elektronischen Navigationsgeräten wird sich verschlechtern, diese werden den Dienst einstellen oder falsche Daten an den Benutzer weiterleiten, weil der Gegner diese in das System einspeist. Die Manövrierfähigkeit könnte auf nichtelektronische Navigationshilfen (Kompass, Landkarte) oder andere Hilfsmittel reduziert werden, wie sie der einzelne besitzt oder sich verschaffen kann. Dazu können gehören: zivile Landkarten, Atlanten oder örtliche Führer.

Alle Führungsebenen sollten ebenso wie der einzelne Soldat trainieren, Navigationstechniken zu nutzen, die der Feind nicht kontrollieren kann. Die Orientierung an Sonne, Mond und Sternen hat sich über Jahrhunderte als zuverlässige Methode zur Richtungserkennung auf dem Land bewährt und bedarf keiner elektronischen Eingaben. (…) Es gibt aber einige Einschränkungen der Nutzung von Himmelskörpern zur Navigation: Sie setzt Erfahrung und Selbstvertrauen voraus, Irrtümer können die Situation verschlimmern. Auch können Wolken den Himmel bedecken und diese Methoden untauglich machen.

Städtisches Gelände bietet andere Orientierungsmöglichkeiten. In einer modernen Gesellschaft gibt es überall Satellitenschüsseln. Die meisten von ihnen sind auf den Äquator ausgerichtet (…) Das kann als Bezugspunkt für die schnelle Orientierung gelten. (…) Eine andere Methode kann sein, Ortsansässige als Führer zu engagieren. Aber diese Methode kann vom Gegner beeinflusst werden und sollte nicht die einzige Datenquelle zur Orientierung vor Ort sein. (…) Fürchten Sie nicht das Chaos, üben Sie es.«

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