Aus: Ausgabe vom 02.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Nichts sollte dieses Elend relativieren

Staatlich legitimierter Landraub war Schwerpunkt des 15. »Afrika Film Festival Köln«

Von Gerrit Hoekman
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In Äthiopien werden Zehntausende umgesiedelt, um Anbauflächen für den Agrarkonzern Saudi Star zu schaffen (Szene aus dem Dokumentarfilm »Das grüne Gold«)

Es ging international zu am vergangenen Mittwoch im kleinen Programmkino Cinema in Münster. Auf Arabisch, Deutsch, Französisch und Englisch wurde die Diskussion mit der Regisseurin Soraya El Kahlaoui geführt. Die Marokkanerin stellte ihren Debütfilm »Landless Moroccans« (Landlose Marokkaner) vor. Der ist zwar von 2015, hat aber nicht an Aktualität eingebüßt.

Der Inhalt in Kürze: In der marokkanischen Hauptstadt Rabat werden Menschen aus ihren Häusern an einem Platz vertrieben, weil die Regierung dort moderne Wohnhäuser und Bürogebäude errichten lassen will. Rund hundert Familien der Volksgruppe der Guich Loudaya bleiben bei der Umsiedlung außen vor und leben nun auf der Straße. Unter Planen, durch die der Regen sickert. Sie fordern Entschädigung, aber niemand nimmt sich ihrer an.

Soraya El Kahlaoui hat die obdachlosen Familien zwei Jahre lang mit ihrer Kamera begleitet. »Ich wollte ihnen eine Stimme gegeben«, sagte die junge Regisseurin nach der Vorstellung im Cinema. Auf Gespräche mit den Behörden oder der Polizei verzichtete sie bei den Dreharbeiten bewusst. Es sollte ganz alleine um die gehen, die ihre Heimat verloren haben. Nichts sollte deren Leid relativieren.

El Kahlaoui ist vor allem wegen des 15. Afrikanischen Filmfestivals in Köln nach Deutschland gekommen, das am Sonntag nach elf Tagen mit einem Konzert der Kasai Allstars endete (jW berichtete zum Auftakt am 21. September). Ein Teil des Programms wurde zeitversetzt auch in Münster gezeigt, aber die kleine Reihe dort erhielt sehr viel weniger Aufmerksamkeit als das Festival in der Stadt am Rhein mit seinem beachtlichen Rahmenprogramm.

Schwerpunkt in diesem Jahr war »Land Grabbing«, das heißt Landraub. In ganz Afrika nehmen Regierungen den einheimischen Bauern das Land, um es an Investoren weiterzugeben, die darauf Gebäudekomplexe für Reiche bauen oder es als Farmland nutzen. Viele dieser Investoren stammen aus dem Ausland. Millionen Menschen werden in Afrika wegen solcher Deals umgesiedelt und bleiben landlos zurück. Der staatlich legitimierte Landraub ist eine Ursache der Flüchtlingsströme auf dem Kontinent.

Zum Begleitprogramm im weiteren Sinne gehörte die Ausstellung »Das Land, das wir uns nehmen – der Griff nach tropischem Regenwald und Ackerboden«, die noch bis Ende Oktober in der Kölner Zentralbibliothek zu sehen ist. Bei der Eröffnung am 26. September gab der äthiopische Umweltjournalist Argaw Ashine Einblicke in seine Arbeit. Ashine ist einer der Protagonisten im sehenswerten Dokumentarfilm »Das grüne Gold«, dessen schwedischer Regisseur Joakim Demmer ebenfalls auf dem Festival zu Gast war. Sein Film beschäftigt sich mit den Machenschaften des Agrarkonzerns Saudi Star in Äthiopien, wo Zehntausende umgesiedelt werden, um Platz für die Anbauflächen der Firma eines saudischen Milliardärs zu schaffen. Ashine lebt inzwischen in den USA im Exil, weil ihm die Regierung in Addis Abeba seine Recherchen übelnimmt. Am kommenden Donnerstag kommt »Das grüne Gold« regulär in die Kinos (ausführliche Besprechung folgt), am 10. November wird der Film im Museum Ludwig in Köln mit dem Eine-Welt-Preis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Land Grabbing werde »überall in Afrika« praktiziert, sagte Soraya Al Kahlaoui in Münster. Sie macht in erster Linie die korrupten Regierungen verantwortlich. Die ausländischen Investoren machten sich die Bestechlichkeit zunutze. Und auch der europäische Konsument, der nichts dabei findet, Rosen aus Kenia zu kaufen, habe seinen Anteil.

Auf dem Filmfestival in Köln wurde deutlich, dass der Widerstand gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen den gesamten Globus umspannt. In Südafrika wehren sich zum Beispiel die Pondo gegen einen australischen Konzern, der in einem Tagebau Titan fördert. Im Festivalfilm »The Shore Break« (»Das Wellenbrechen«) kämpft die Aktivistin Nonhle Mbuthuma gegen das Bergbauprojekt und wird deshalb mit dem Tode bedroht. Der Konflikt spaltet Familien: Der Cousin der Aktivistin unterstützt das Unternehmen aus Australien.

Auch im Benin verlieren immer mehr Kleinbauern ihr Land an Agrarkonzerne, die mit der Regierung mauscheln. Obwohl die Bedrohung überall dieselbe ist, sind die Bewegungen kaum miteinander vernetzt. In aller Regel gibt es nicht mal einen Erfahrungsaustausch.

Die Guich Loudaya aus »Landless Moroccans« waren völlig auf sich gestellt, bis Soraya El Kahlaoui auf sie aufmerksam wurde. Ihre Proteste wurden regelmäßig von der Polizei niedergeknüppelt, immer wieder räumte sie das Zeltlager, in dem die Familien unter Bedingungen hausen, die während der Dreharbeiten einen kleinen Jungen das Leben kosteten.

Durch den Film, der in Marokko gezeigt werden darf, hätten die Verelendeten etwas Aufmerksamkeit bekommen, sagte El Kahloui. Zuletzt sei das Thema »Land Grabbing« in Rabat allerdings etwas in den Hintergrund gedrängt worden vom sozialen Aufstand der Bevölkerung im Rif-Gebirge.

Exemplarische Eindrücke aus einer afrikanischen Großstadt bot auf dem Festival der Spielfilm »Felicité« aus der Demokratischen Republik Kongo. In der Hauptstadt Kinshasa, einem Moloch mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, fristet die alleinerziehende Felicité mit ihrem Sohn ein ärmliches Leben. Ihr Geld verdient Felicité als Sängerin in einer Bar. Die Zuhörer liegen ihr zu Füßen. Als ihr Sohn einen schweren Unfall hat, benötigt sie für die Operation viel Geld. Sie bettelt bei Verwandten, Freunden, Unbekannten. Während ihres verzweifelten Irrwegs durch die Stadt lernt der Zuschauer viel über die Verteilung von Armut und Reichtum in der Metropole. Der Film sorgte auf der Berlinale im Februar für Furore, wo der französischen Regisseur Alain Gomis, der Wurzeln im Senegal hat, den Großen Preis der Jury entgegennahm.

Die auf dem Festival in Köln gezeigten Filme verbreiteten allenfalls dezenten Optimismus, schärften vor allem das Bewusstsein für stetig wachsende Probleme. Manchmal nahm es wunder, dass trotzdem hier und da noch Platz für Humor, für Selbstironie war. Am Ende dominierte aber doch die große Wut auf Behörden, Regierungen, den Währungsfonds, die Herrschenden dieser Welt.


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